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1.-August-Reden: Freiheit, Vaterland und Selbstkritik

Sie ist ein eigenes literarisches Genre geworden. Neben unzähligen Politikern haben auch Schriftsteller wie Max Frisch, Franz Hohler oder Peter Stamm eine 1.-August-Rede gehalten. Das neue Heft der Orte-Literaturzeitschrift bringt eine süffige Auswahl.
Hansruedi Kugler
Eine der vielen Karikaturen, mit dem das Orte-Literaturheft das Thema der 1.-August-Reden bebildert. (Bild: Magi Wechsler)

Eine der vielen Karikaturen, mit dem das Orte-Literaturheft das Thema der 1.-August-Reden bebildert. (Bild: Magi Wechsler)

Was für eine brillante Humoreske! Wie Thomas Hürlimann die 1.-August-Rede seines Vaters auf dem Rathausplatz in Schwyz beschreibt, ist eine literarische Perle. Gestelztes Pathos («Herren Regierungsräte, Eidgenossen!») und packende Anschaulichkeit (das Rütli, «dieser Hain zwischen Fels und See») erschüttern den Knaben Thomas, als der Vater die Rede vor versammelter Familie zu Hause erprobt. Der naserümpfende, anarchistische Onkel, die Schwester, die sich auf der Fahrt nach Schwyz erbricht, und das drohende Gewitter lassen erahnen, dass die Rede mit einer Pointe enden wird.

Thomas ­Hürlimann ist kein Zeigefinger-Satiriker, sondern erweist sich in der Erzählung als glänzender Humorist: Er schildert den Vater als tapferen Improvisator, derweil die versammelten Ehrengäste, Turner, Trachtenleute still ausharren – vom Gewitterregen innert Sekunden triefend nass.

Hürlimanns Text bildet zusammen mit Friedrich Glausers Erinnerungstext an seine 1.-August-Feier in der Fremdenlegion den Auftakt zur Sammlung von sieben literarischen Reden, die an 1.-August-Feiern gehalten worden sind. Glauser hatte zusammen mit 60 Landsmännern in Nordafrika von ihrem Colonel die Erlaubnis bekommen, statt eines Gewaltmarschs den ­Nationalfeiertag zu begehen: Ein Schelmenstück, das mit viel Wein und mit noch mehr Sehnsucht in einer schlaflosen Nacht endet.

Vom Dorf zur EU, von der Kaserne zur Kinderliebe

«Wenn Sie nochmals hören möchten, wie mutig der Wilhelm Tell antwortete, als ihm der Landvogt über den Weg kam, wie ­nobel Winkelried sich opferte für seine Landsleute, sind Sie an die falsche Augustfeier geraten.» Mit diesen Worten beginnt Max Frisch 1957 seine 1.-August-Rede. Und damit legt er auch gleich die Haltung fest, mit der sich Schweizer Schriftsteller seither am Nationalfeiertag und darüber hinaus über die Schweiz äussern: Die Beschwörung einer märchenhaft anmutenden und heldenhaft ­erkämpften Selbstbestimmung macht Platz für eine selbstkritische Sicht auf die Rolle der Schweiz in der Welt – und spitzt sich zu auf das Verhältnis zu Europa.

Max Frisch: «Ich bin gern Schweizer, aber ich fühle mich nicht verpflichtet, die Schweiz für besser zu halten als andere Länder.» Für Frisch war die Schweiz weniger Vaterland als Heimat, «Liebe zu Land, Leute und Landschaft». Denn Vaterland sei als Begriff geprägt von Kaserne, Unterordnung und Soldatenfriedhof, und er rief am Ende aus: «Machen Sie Gebrauch von der Freiheit, bevor sie verrostet ist.»

Rede ohne Weltpolitik

Bis zu Adolf Muschgs Plädoyer für einen Beitritt der Schweiz zur Europäischen Union ist dann aber noch ein weiter Weg. Muschg äussert seine Sorge 2006: «Die Schweiz ist ein Kernland Europas, es verdient nicht, sein Hinterhof zu werden, auf dem sich Geschäfte machen lassen, die das Tageslicht scheuen müssen.» Die Schweiz könne sehr viel dazu beitragen, «dass die Einrichtung des europäischen Hauses besser stimmt».

Dass 1.-August-Reden auch ohne Weltpolitik auskommen, zeigt Franz Hohlers Rede. Statt allgemein zu sprechen, beschreibt er 1973 minutiös die Gemeinde Uetikon, die ihn zur Rede eingeladen hatte, im Wandel. Oder Peter Stamm, der beim Nachdenken über das Verhältnis zum Heimatland 2006 zur Einsicht kommt, dass dies ähnlich sei wie die Fürsorglichkeit gegenüber Kindern. Er erzählte von einer früheren Teilnahme an einer 1.-August-Feier: «Ich stand auf für meine moderne und weltoffene Schweiz, für mein Land, für das ich mich verantwortlich fühle wie für meine Kinder.»

«Die Heimat freut sich darauf, gemacht zu werden!» Die 1.-August-Rede als literarische Gattung. Orte-Literaturzeitschrift, Verlagshaus Schwellbrunn, 80 S, Fr. 18.–

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