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Machtdiskussionen zwischen Spiegeln und Wandelhallen im KKL Luzern

Vom Bundesrat zur Philosophin und zum Komiker – Gespräche über Macht und Kultur an der Eröffnungsgala des Lucerne Festivals.
Roman Kühne
Michael Haefliger und seine Frau Andrea Christina Lötscher. (Bilder: Dominik Wunderli, 16. August 2019)Michael Haefliger und seine Frau Andrea Christina Lötscher. (Bilder: Dominik Wunderli, 16. August 2019)
Zu Gast am Festival: der deutsche Komiker und Schauspieler Dieter Hallervorden.Zu Gast am Festival: der deutsche Komiker und Schauspieler Dieter Hallervorden.
Fanni Fetzer, Direktorin Kunstmuseum Luzern.Fanni Fetzer, Direktorin Kunstmuseum Luzern.
Bundesrat Guy Parmelin.Bundesrat Guy Parmelin.
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Machtdiskussionen zwischen Spiegeln und Wandelhallen

Versailles, Inbegriff der Macht und zentralen Autorität. Der Sonnenkönig und seine Rituale. Natürlich kann auch das Lucerne Festival an seiner Eröffnungs­gala nicht auf dieses Wahrzeichen verzichten. Nach dem obligaten Teppich tritt man ein in das geöffnete Entree, das eine riesige Fotografie der grossen Königshalle aus Frankreich noch in die Länge zieht. Ein Königsthron und grosse Spiegel – zur Betrachtung der eigenen Wichtigkeit? – vervollständigen das Bild zum Festivalthema «Macht».

Ja, Musik und Macht. Es ist zwar ein gegensätzliches Paar, das hier den Raum durchmisst. Und doch wohl selten war ein Festivalthema näher bei der Musik als dieses. Andere Leitideen der vergangenen Jahre, «Kindheit» (2018), «Identität» (2017) oder «Prima Donna» (2016) bespielen da blosse Nebenstimmen. Sicher, die Musik hat über die Jahrhunderte viele Tänze geführt. Aber wohl keiner war so eng umschlungen und innig wie derjenige mit der Macht.

Auch heute noch prägend

Dabei ist diese Verbindung zwischen Macht und Musik durchaus auch heute noch prägend. Der kanadische Popstar Justin Bieber «gebietet» über ein Heer an Followern. Oder das Team um die Applikation «Spotify», wo Algorithmen entscheiden, welche Songs in die Playlist kommen und so über Nacht unbekannte Bands ins Scheinwerferlicht katapultieren. So ist auch der Eröffnungsabend des Lucerne Festival eine Verquickung aus gesellschaftlicher Stellung und schönen Tönen. Vieles schreitet hier über den roten Teppich, das in der Schweiz über Geld, Firmen und Einfluss gebietet. CEOs, Verwaltungsratspräsidenten, Stiftungsträger, Direktoren, Politiker und – einige wenige – Musiker.

Eine «Geistesmächtige» unter den Gästen ist die politische Philosophin Katja Gentinetta. Sie beeindruckt vor allem die Macht der Musik über unsere Gefühle. «Nichts ist so direkt wie Musik», führt sie aus. «Sie braucht keine Worte, keine Bilder, und kann dennoch die Menschen beherrschen. Man denke nur an die Kirchengesänge oder gar an die Marschmusik, wo sich alle dieser Ordnung, ja Macht unterwerfen und im Takt mitmarschieren. Doch nicht nur die Mächtigen haben sich bekanntlich der Musik bedient. Auch ihre Untertanen schrieben für oder gegen ihre Herrscher und mussten mit den Folgen leben. So zum Beispiel Sergej Rachmaninow, den die Oktoberrevolution ins Ausland trieb.»

Der allmächtige Mäzen?

Und wie sieht es denn bei den bildenden Künsten aus, wo ein paar wenige Gestalter Millionenbeträge abkassieren? Reicht der mächtige Mäzen im Hintergrund? Von Fanni Fetzer, Direktorin des Kunstmuseums Luzern, gibt es hier ein klares Nein: «Kein Künstler schafft den Durchbruch, weil er mit einem wichtigen Kurator zu Abend isst. Dafür braucht es viel Arbeit und Konstanz auf hohem Niveau. Dann muss der Künstler aber selbst auch sehr aktiv sein, muss auf die Leute zugehen, sich ein Netzwerk aufbauen, wichtige Leute kennen lernen. Picasso zum Beispiel hat extrem viel gearbeitet. Und immer, wenn andere das Gleiche machten, hat er wieder etwas Neues erfunden.» Aber es ist letztlich doch der wichtige und mächtige Kurator, der den Künstler nach oben bringt. «Es gibt in der Kunstszene natürlich Leute, deren Meinung sehr wichtig ist. Aber auch diese sind nicht dort, weil sie viel Geld haben. Sondern sie haben sich das sehr hart erarbeitet, haben viel angeschaut und sich intensiv mit der Kunst beschäftigt. Ein Kurator, der sich länger als zehn Jahre halten kann, hat etwas geleistet.

Ganz konkret an den Schalthebeln der «kulturellen Macht» sitzt Philippe Bischof, seines Zeichens Direktor der Kulturstiftung Pro Helvetia. Wie ist es, wenn man die Macht über das Sein und Nichtsein von Künstlern hat? Philippe Bischof lacht: «So funktioniert das natürlich nicht. Aber im Ernst, in meinem Innenleben kommt das Wort «Macht» nicht vor. Viel wichtiger ist «Einfluss». Wir haben einen grossen Einfluss auf die Kultur und damit auch eine grosse Verantwortung. Macht ist für mich etwas eher Statisches und Festes. Kultur hat aber viel mit Dynamik und Diskussion zu tun.»

Die Kulturstiftung ist international tätig, führt auch Events in schwierigen Ländern wie China oder Russland durch. Huldigt man hier nicht der diktatorischen Macht? «Gerade in solchen Ländern, wo die freie Meinungsäusserung schwieriger ist, kann die Kultur tatsächlich eine grosse Macht entfalten, gerade im Kleinen», entgegnet Philippe Bischof. «Ich habe wiederholt erlebt, wie die Zuschauer nach einer Aufführung oder Ausstellung zu mir kamen und sagten, das Stück oder Kunstwerk hätte ihnen Mut gemacht. Was kann man Schöneres hören?»

«Auch ich kritisiere die Kunst»

Und wie fühlt es sich ganz oben an, als Bundesrat an der Spitze angelangt? Guy Parmelin sieht es locker: «Zuerst bin ich nur einer von sieben. Dies relativiert meine ‹Macht› schon einmal stark. Aber es ist sicher so, dass ich als Bundesrat eher ein Projekt beeinflussen kann als andere. Wichtig ist, dass man seine Macht vorsichtig nutzt. Macht ist sehr ambivalent und kann grossen Schaden anrichten». Wie ist das Verhältnis zur Kultur, welche die politische Macht regelmässig kritisiert? Guy Parmelin lacht: «Ich kritisiere auch die Kunst. Im Ernst, die Schweiz ist ein vielfältiges Land mit vier Sprachen. Da muss man tolerant sein auf alle Seiten.»

«Macht nutze ich, um Leute zusammenzubringen»

Der Vertreter der einzigen wirklichen Supermacht der Erde, der amerikanische Botschafter Edward McMullen, betont auch vor allem die Verantwortung die auf seinem Land und ihm liegt: «Ich nutze meine Macht, um die Leute zusammenzubringen. Die Welt ist heute so komplex, dass man nur gemeinsam etwas erreichen kann.»

Eine andere Art von Macht zeigt sich beim Komiker und ­Ehrengast Dieter Hallervorden. Sein Management richtet aus, dass er eigentlich keine Interviews mehr gibt, da er in seinem Leben schon «gefühlt ein paar tausend» gegeben habe. Ein Gewicht und eine Gelassenheit, die Summe aus über 80 Jahren Künstlerleben, ein Punkt, wo man frei über sein Leben entscheiden kann. Überhaupt «ist Dieter Hallervorden als Privatmann hier». Eine Feststellung, der nichts mehr beizufügen ist. Wir wünschen einen tollen Konzertgenuss.

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