MAIHOF: Der «Fall Schönberg» ganz aktuell aufgerollt

Besser kann man moderne Musik nicht vermitteln: Das Musikwerk Luzern kommentierte Schönberg mit einem Werk von Josef Kost.

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Der Luzerner Komponist Josef Kost (61). (Bild: Archiv Neue LZ)

Der Luzerner Komponist Josef Kost (61). (Bild: Archiv Neue LZ)

Schon der Publikumsaufmarsch zeigte am Samstag, dass im Maihof Aussergewöhnliches bevorstand. Das Musikwerk Luzern, das mit seiner Konzertreihe den «Fall Schönberg» neu aufrollt, kam unmittelbar in der Gegenwart an.

Zu Werken von Schönberg und seinen Schülern gab es eine Uraufführung, mit der das Programm einen originellen Weg der Vermittlung von Alter und aktueller Neuer Musik ging. So wurde Schönbergs erste Kammersinfonie, in der er sich von der Tonalität zu lösen begann, kombiniert mit dem Werk des Luzerner Komponisten Josef Kost, der sich umgekehrt der Tonalität wieder annähert. Das klang geradezu abenteuerlich spannend, weil sich Kost mit seinem Werk konkret auf jenes von Schönberg bezieht.

Das Konzert selber löste diesen Anspruch auf hohem interpretatorischem Niveau aus. Zunächst spielte das Metropolitan Ensemble unter der Leitung von Beni Santora Schönbergs Original. Und machte bereits da die vielen Stilanklänge in diesem dicht verwobenen Werk des Umbruchs deutlich. Leichtfüssig klang da Kaffeehausschmelz und dort eine strausssche Süffigkeit an. Und selbst turbulent verzahnte Steigerungen hatten über kaleidoskopische Brechungen hinaus etwas Musikantisches.

Obwohl die unkonventionelle Bestuhlung für akustische Verzerrungen sorgte, fand man da leichter Zugang zu diesem Werk, als Beni Santora später im locker-informativen Gespräch mit Kost beschwor. Kam hinzu, dass Werke der Schönberg-Schüler die Polarität veranschaulichten, in der sich der Aufbruch in die Neue Musik seither bewegt: zwischen dem spätromantischen Espressivo von Anton Weberns langsamem Satz für Streichquartett und der formelhaften Verknappung seiner Bagatellen, die im Adagio aus Alban Bergs Kammerkonzert (Fassung für Klaviertrio) zu einer Synthese fanden.

Ein Aha-Erlebnis

Danach bot die Uraufführung von Kosts Kammersinfonietta gleich zum Auftakt ein Aha-Erlebnis: Ein aufgefächerter Akkord, der die Tonalität aufreisst und doch in einen runden Dreiklang mündet, kehrte hier aus Schönbergs Werk abgewandelt wieder.

Eine Chiffre für die Spannung weg und nun wieder hin zur Tonalität: Solche Bezüge zum Original bleiben das ganze Stück über präsent. Aber Kost (61) weitet das Spektrum über die Fin-de-Siecle-Morbidezza aus. Die Aufsplitterung bei Schönberg führt polymetrisch auseinanderdriftende oder minimalistisch verzahnte Bewegungsmuster weiter. Die Harmonik wird archaisch reduziert oder zu sirrenden Klangfeldern komprimiert, aus denen Dreiklänge nicht als Relikt, sondern wie neu gefundene Trouvaillen herausleuchten.

Ganz persönlich wirkt das Werk, wo Kost in einem langen, meditativen Mittelsatz Zündsätze versteckt, aus denen im letzten Abschnitt wieder der hinreissende musikantische Drive herauswächst, der den Anfang prägt. Auch wenn diese Kammersinfonietta im Klang kompakter und damit weniger widerborstig wirkt als das Original: Auch der Zweitaufführung nach dem Gespräch, die hier mit zur Vermittlung gehörte, spendete das Publikum begeisterten, verdienten Applaus.

Urs Mattenberger