MAIHOF LUZERN: Pianist drückt auf «Delete»-Taste

Bei den New Music Days präsentierten Komponisten der Musikhochschule neue Stücke. Und sie stellten dabei alte Fragen neu.

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Pianist Eugène Carmona bearbeitete sein Instrument  auch mal wie eine Computertastatur. (Bild: Corinne Glanzmann)

Pianist Eugène Carmona bearbeitete sein Instrument auch mal wie eine Computertastatur. (Bild: Corinne Glanzmann)

Simon Bordier

In der zeitgenössischen Musik hat die digitale Stunde geschlagen. So auch bei den New Music Days, der jährlichen Werkschau des Studios für zeitgenössische Musik der Musikhochschule Luzern, die am Wochenende im Maihof in Luzern über die Bühne ging. Videoeinblendungen, Live-Elektronik und die Einbindung sozialer Medien spielten beim diesjährigen Festival eine zentrale Rolle. Vor diesem Hintergrund wurde aber auch deutlich: Die Neue Musik kommt um alte Fragen nicht herum.

Gibt es die Stille in der Musik?

Diese lauten zum Beispiel: Gibt es so etwas wie Stille in der Musik? Und was besagt der Sisyphos-Mythos? Solche Fragen standen beim Konzert am Samstagabend im Raum, wo acht Uraufführungen von Studierenden der Kompositionsklassen gespielt wurden – ohne elektronische Mittel notabene. Vielmehr standen klassische Instrumente im Mittelpunkt, gespielt vom Ensemble Sargo.

Ein erstes Qualitätsmerkmal boten die Texte des Programmhefts: Die knappen wie klaren Stückbeschreibungen liessen in vielen Fällen ein stringentes Konzept oder zumindest einen Leitgedanken erkennen. Auch die Fragestellungen kamen deutlich zum Ausdruck: «Was kann ich tun, damit Stille und Leere überhaupt als solche erkannt werden?», fragte etwa der Komponist Nayan Stalder (Jahrgang 1994).

Mut zur Lücke

Seine Antwort kam in «the silent before» in erfrischender Jazz-Manier. Der Reiz bestand im Mut zur Lücke, der zunächst im Wechselspiel zwischen dem Klavier (Valeria Vetrici Coltea) und der Perkussion (Sylvain Andrey) offenkundig wurde. Mit der Saxofonistin Sara Zazo Romero und dem Cellisten Guillaume Bouillon nahm das Stück zunehmend Fahrt auf, es entstand ein starker Sog, der beinahe alles mit sich riss – bis auf die Synkopen und Pausen, die wie Insekten im Bernstein konserviert wurden. In den letzten Takten überwogen dann wieder die Pausen, unterbrochen durch einzelne Tutti-Schläge – in diesen Schlägen schienen die Präzision und die Konzentration des Ensembles bis aufs Äusserste zugespitzt.

Solche Momente des geglückten Zusammenspiels verliehen dem Abend unverwechselbaren Live-Charakter. Dabei rechnete man es den Komponisten hoch an, dass sie Dialoge unter den Musikern und stilistische Vielfalt zuliessen. So beispielsweise Lukas Fricker (1993) in seinem Sextett, wo ein «chaotischer Abschnitt» in einer Saxofon­impro gipfelte, während die verzerrten Klänge des zweiten Abschnitts in einem feinen choralartigen Satz mündeten. Gebannt folgte man auch dem teils fein verzahnten, teils abrupten Wechselspiel zwischen dem Klavier und dem Vibrafon in Anda Kryezius (1993) «Le Bâtiment Diachronique». Und Lukas Stamm (1994) splitterte in seinem Stück «Burst» den Klang des Ensembles auf.

Von der Quinte zum Furioso

Einen virtuosen Höhepunkt setzte der Pianist Tommaso Carlini (1989) in seinem eigenen Stück «Increspature». Das Werk begann mit einem leeren Quintklang, den Carlini zu einer berauschenden Klangkaskade ausbaute – Pianist und Komponist schienen hier untrennbar. Von Carlini erklang zudem ein neues Stück für Saxofon, Violine, Cello, Klavier und Schlagwerk nach dem Mythos von Sisyphus. Beim Hören hielt man sich vor allem an die Fragmente der Tonleiter, die das Ensemble auf- und abstieg.

Trotz klassischer Instrumentalbesetzung war das digitale Zeitalter auch hier spürbar. So etwa in der «Replikation» von Peter Mutter (1992), der den Pianisten Eugene Carmona die tiefen Klaviertasten wie eine Computertastatur bearbeiten liess. Sein Instrument gab dabei dumpfe Klänge von sich, da die Saiten des Flügels mit Papierstücken gedämpft wurden. Über dem rasanten Tastenrhythmus des Klaviers entwickelten die Flötistin Delphine Grataloup und der Violinist Vlad Pescaru sinnliche Klänge – die allerdings vom Klavier wie mit einer «Delete»-Taste immer wieder gelöscht wurden.

Richard Kind (1945) liess in seinem Stück «Kristall» eine scheinbar simple Ausgangsmelodie durchs Ensemble wandern und in vielen Farben aufleuchten. Er vertraute auf die als «Kirchenfensterwirkung» bekannte Kompositionsmethode von Oliver Messiaen. Auch Manuel Büchel (1988) stellte in seinen «Sinesischen Chkizzen» (sic) Experimente an. Speziell war die Verteilung der Melodietöne auf die Instrumentalisten, wobei das Ensemble Sargo erneut mit wachem Zusammenspiel brillierte.