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MALERIN: Stacheln im Machtgefüge

Nach neun Vergaben an Männer erhielt mit der aus Luzern stammenden Malerin Pia Fries zum ersten Mal eine Frau den Gerhard-Altenbourg-Kunstpreis. Die Einrichtung des Preises beruht auf tragischen Hintergründen.
Brigitte Schmid-Gugler
Pia Fries signiert an der Preisverleihung im Lindenau-Museum in Altenburg den Katalog zur Ausstellungseröffnung. (Bild: Jens Paul Taubert)

Pia Fries signiert an der Preisverleihung im Lindenau-Museum in Altenburg den Katalog zur Ausstellungseröffnung. (Bild: Jens Paul Taubert)

Brigitte Schmid-Gugler

Von Beginn der nunmehr fast zwanzigjährigen Geschichte des Preises sei es das Ziel gewesen, herausragende Lebenswerke von Künstlerinnen und Künstlern der Gegenwart zu würdigen. Die Auszeichnung wolle auf eine Kunst aufmerksam machen, die sich «in ihrer Unabhängigkeit» behaupte und in diesem Sinne einen engen Bezug zum Leben und Werk des Namensgebers herstelle, sagte der Direktor des Linden­au-Museums, Roland Krischke, bei der Preisvergabe in Altenburg. Das Museum bewahrt weltweit die grösste Sammlung von Werken Gerhard Altenbourgs aus allen Schaffensphasen.

Der Amerikaner Cy Twombly, der Schweizer Markus Raetz, der Deutsche Olaf Holzapfel und weitere sechs international bekannte Künstler der Gegenwart haben den Kunstpreis, dotiert mit 50000 Euro (Preisgeld, Ausstellung, Katalog), seither erhalten. Das Lindenau-Museum in der Thüringer Stadt Altenburg hat für die angekauften Werke der Preisträger separate Räume in der Dauerausstellung eingerichtet.

Üppig-sinnlicher Umgang mit Farbe und Bewegung

Hinzu kommen nun die Bildtafeln von Pia Fries, einer Schweizerin aus Luzern, die für ihr Kunststudium nach Düsseldorf gegangen war, Meisterschülerin von Gerhard Richter wurde und seither in Deutschland arbeitet und lehrt. Sie zeigt sich hocherfreut über den Kunstpreis, es ist nicht der erste, den sie erhält. «Dennoch», unterstreicht sie im Anschluss an die Preisverleihung, «es gibt immer noch viel zu wenig Frauen, die in der Kunst Karriere machen.» Warum das so ist, führt sie auf die besseren Netzwerke zurück, die Männer sich schaffen. Einhergehend mit einer «nicht zu knappen Portion Selbstbewusstsein».

Pia Fries gehört zu den Vertreterinnen der reinsten Malerei. Was dies bedeutet, zeigt sich in der parallel zur Preisverleihung eröffneten Ausstellung mit dem Titel «Vier Winde» im Lindenau-Museum von Altenburg. Grossflächige Ölmalereien auf Holz, Leinwand und Papier. Pastose, schwerelose Buntfarbigkeit ohne Oben und Unten. Vage figürliche Elemente setzt sie mitunter als Siebdrucke hinzu. In grossen Weissanteilen als atmosphärische Gefässe überlässt sie die Materialität der Ölfarbe ihrer ganz eigenen atmenden Plastizität und Elastizität. Sie fächert, bläht, leckt, häufelt, kräuselt, wälzt sich, franst aus, platzt, furcht und entzieht sich jeglicher Festsetzung oder Deutung. Pia Fries’ zeichenhafte Malereien sind pure Sinnlichkeit – emotional und intellektuell eine Entsprechung zum Dasein schlechthin. Die Malkapitel – oder Werkserien – verwandeln sich noch im Prozess des Sehens in etwas, das wir flüchtig zu erkennen glaubten.

Ihre Bilder werden international gezeigt. In der Schweiz war die heute 62-Jährige in den Kunstmuseen Luzern (Nordmann-Preis) und St. Gallen («ambigu», 2010) und im Aargauer Kunsthaus (1997) zu Gast. Harald Szeemann, damaliger Leiter der Kunstbiennale Venedig, hatte sie 1999 im Rahmen von «dappertutto» an die Lagunen geholt.

Meisterschülerin von Gerhard Richter

Anders als ihr rational und methodisch vorgehender, weltberühmter Lehrer Gerhard Richter entscheide sie unmittelbarer, wiederhole nie ein Bildmotiv, wie jener es zu tun pflege. «Jede Tat ist ein Wagnis, durchläuft mehrere Entscheidungsprozesse. Sie steht für sich, ist nicht übertragbar und lässt sich nicht verifizieren», sagt Pia Fries über ihre Malakte.

In München, wo sie an der Akademie der bildenden Künste seit drei Jahren eine Professur für Malerei und Grafik innehat, und während früheren Gastprofessuren in Düsseldorf, Karlsruhe und Berlin begleitet und beobachtet sie die Entwicklung von angehenden Kunstschaffenden, erlebt, wie junge Menschen sich mit Themen der Gegenwart, der Kunst- und Weltgeschichte auseinandersetzen und sich ihnen künstlerisch stellen. «Die existenziellen Fragen sind ähnlich wie die zu meiner Studienzeit. Unterschiede sehe ich hingegen darin, dass frühere Generationen eher eine differenziertere aktive Antihaltung hatten, ein Stachel sein wollten im Getriebe von Macht, Politik und Wirtschaft.» Die grösste Veränderung dürfte im unvergleichlich härter umkämpften, von Galerien, Sammlern, Kunstmessen und Museen gepushten und dirigierten Kunstmarkt auszumachen sein. Es brauche einen grossen Durchhaltewillen – ohne gleich den ultimativen Durchbruch zu wittern.

Wer dies in seiner ganzen Unbedingtheit zu tun bereit war, ist jener Künstler, der dem Altenbourg-Kunstpreis seinen Namen gab: Gerhard Altenbourg, er starb 1989 im Alter von 63 Jahren, gehört zu den wichtigen deutschen Kunstschaffenden der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Die über 1000-jährige Stadt, zwischen Leipzig, Gera und Chemnitz gelegen, mit Schloss, Marktplätzen, einer sehr gut erhaltenen Altstadt, mehreren Museen und Kirchen hatte vor der Wende rund 60000 Einwohner. Heute sind es noch halb so viele. Zahlreiche Gebäude aus dem 19. und 20. Jahrhundert und viele Ladenlokale stehen leer.

Unbequemer Künstler in der ehemaligen DDR

Marek Waldenburger bringt die Besucherin zum Wohnhaus Gerhard Altenbourgs. Er verweist auf frühere, längst geschlossene Unternehmen, erzählt vom dramatischen Niedergang der Stadt und den zögerlichen Versuchen, den alten Glanz wieder herzustellen. Der kunstaffine Landschaftsarchitekt hilft im Lindenau-Museum beim Auf- und Abbau von Ausstellungen. Auch er ist ein Weggezogener, er lebt seit vielen Jahren in Leipzig. Seit bald drei Jahren ist er mit der Pflege des Gartens von Gerhard Altenbourg betraut. Dieser ist Teil des Gesamtkunstwerks des Künstlers, der eigentlich Gerhard Ströch hiess. Bei der Pforte des Hauses, welches für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden soll, erwartet uns Inge Grimm, Leiterin der Stiftung und zuständig für die Betreuung des Nachlasses.

Dass der Sohn eines Baptistenpredigers sich Mitte der 1950er-Jahre ausgerechnet den Künstlernamen seiner Heimatstadt gab, könnte durchaus als eine Art Stockholm-Syndrom verstanden werden. Der 1926 Geborene, er hatte in Weimar Kunst studiert, wurde von der realsozialistischen Parteidiktatur schikaniert und übergangen. Seine Kunst war dem Regime zu unangepasst. Trotz allen Widrigkeiten fanden seine Werke den Weg zu Sammlern und in Galerien im Westen – sogar das New Yorker Museum of Modern Art kaufte ein Werk von ihm.

Das bis unters Dach mit Kunst und Büchern vollgestopfte Wohnhaus, Altenbourgs Elternhaus aus den 1920er-Jahren, trägt die Handschrift seines früheren Bewohners: ein in sich geschlossenes Reich, die eingeschränkte Bewegungsfreiheit spiegelnd. Jeder Winkel bis hin zu Armaturen, Türrahmen und Wänden wurde vom Künstler ausgestaltet und bemalt. Ironie des Schicksals: Gerhard Altenbourg kam zwei Monate nach dem Mauerfall bei einem Verkehrsunfall mit mehreren Toten auf der Autobahn ums Leben.

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