MALTERS: «Schluck und Jau» – Freilichtspiel der Theatergesellschaft Malters

In der neusten Produktion der Theatergesellschaft Malters ist endlich mal wieder der stimm­gewaltige Luzerner Sänger Bruno Amstad zu erleben: Für die Komödie «Schluck und Jau» hat er die Musik komponiert.

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Der Luzerner Sänger und Komponist Bruno Amstad macht die Musik für das Freilichtspiel der Theatergesellschaft Malters «Schluck und Jau». (Bild: Eveline Beerkircher (Malters, 24. Mai 2017))

Der Luzerner Sänger und Komponist Bruno Amstad macht die Musik für das Freilichtspiel der Theatergesellschaft Malters «Schluck und Jau». (Bild: Eveline Beerkircher (Malters, 24. Mai 2017))

In den letzten Jahren sind Bruno Amstads Auftritte seltener geworden. Zwölf Jahre lang hatte er mit seiner Stimmkunst Christy Dorans New Bag geprägt. Im Le Théâtre Kriens sang er 2010 in der Dialektfassung von «Der kleine Horror­laden» auf eine unnachahmlich natürliche Weise die fleischfressende Pflanze. Ein Jahr später stand er bei der Musicalgala als Sänger auf der Bühne, u. a. mit Songs aus «West Side Story», «Lion King» oder «We Will Rock You».

Auch um den gefeierten Solokünstler, der allein mit Stimme und Loop-Geräten orchestrale Welten auch auf grossen Festivalbühnen erschaffen hat, ist es ruhig geworden. Aus gesundheitlichen Gründen muss der Musiker seit ein paar Jahren ­kürzertreten.

Musiker und Komponist

Als Musiker und Komponist hat Bruno Amstad schon wiederholt mit der Werkstatt für Theater gearbeitet. Neben kleineren Projekten waren das grosse Produktionen wie das Freilichtspiel «Tyyfelsbrigg» in Andermatt (2013), «Störfall – Nahaufnahme Tschernobyl» (2012) oder das Tribschen-Freilichtspiel «Ein Luzerner Sommernachtstraum» (2007). Für «Cyclope», das Artistikspektakel frei nach Jean Tinguely, welches 2012 in Biel sowie 2014 in Winterthur und Basel stattfand, war Amstad stark an den Kompositionen beteiligt.

«Schluck und Jau» heisst nun das Freilichtspiel von Gerhart Hauptmann (1862–1946), das die Theatergesellschaft Malters in einer adaptierten Fassung von Gisela Widmer auf die Bühne bringt (siehe Kasten). Der Stoff, der in einer höfischen Gesellschaft angesiedelt ist, habe ihn als Verantwortlichen für die Musik nicht sogleich angesprungen, sagt Bruno Amstad. «Beim Lesen des Skripts hörte ich eine Musik dazu, die eher nach einem kleinen Kammerorchester klang. Und ich fragte mich, wie ich das selber herstellen könnte.»

Lieder und Soundtrack

Aber nach diesem ersten Eindruck begann er, die Musik in der Spätromantik genauer zu recherchieren. Er studierte einige Komponisten in jener Zeit und wie sie ihre Werke strukturierten und musikalisierten. Er realisierte, dass die Musik im Vergleich zur Klassik bereits etwas offener und auch opulenter war. «Ich konnte mich gut mit der Struktur der Kompositionen anfreunden und hatte auch Ideen, wie ich die musikalischen Elemente einsetzen würde.»

In einer ersten Textlesung mit Autorin Gisela Widmer und Regisseur Livio Andreina wurde grob bestimmt, wo Musik vorstellbar war, wo eher nicht und wo allenfalls. Aufgrund dieser dramaturgischen Linie erarbeitete Amstad verschiedene Stücke und musikalische Skizzen, die dann im Lauf der Probenarbeit weiter bearbeitet, verdichtet, reduziert oder erneuert wurden.

Amstads Theatermusik besteht zum einen aus Liedern, die er komponierte und arrangierte und die vom Ensemble mehrstimmig gesungen werden. Vor allem aber hat er mit Computer, Synthies und Samplern einen Soundtrack produziert, den er auf der Bühne live modulieren und auch mit seiner Stimme unterstützen wird. «Ich kann die Musik fortlaufend gestalten, mal diese oder jene Elemente gewichten und so die passenden Stimmungen schaffen.»

Die Kompositionen orientieren sich immer mal wieder an der Vorstellung eines Kammerorchesters. «Ich arbeite viel mit Streicher- und Bläserelementen, die ich auf meine eigene Art einsetze und gestalte.» Auch die Elemente des Sphärischen und Mystischen, die Amstads Klangwelt auszeichnen, sind nicht zu überhören.

Lebenswert statt Marktwert

Trotz der veränderten Bedingungen arbeitet Bruno Amstad konsequent weiter an seiner Musik, trainiert seine Stimme, kreiert Sounds am Computer. Regelmässig tritt er im Duo mit Albin Brun auf. Und seit letztem Herbst ist er bei der Band Dub Spencer und Trance Hill dabei. Im November und Dezember war er mit ihnen als Gastmusiker auf Tour in der Schweiz und in Deutschland. Die Musik, die dem Luzerner wichtig ist, entsteht live, «in einem bestimmten energetischen Rahmen». Das interessiert Amstad mehr, als CDs herauszugeben und im offiziellen Musikbusiness präsent zu sein. «Musik ist für mich ein Lebenswert, nicht ein Marktwert.»

Seine eigene musikalische Arbeit absorbiert ihn so stark, dass er wenig andere Musik hört. Noch immer lässt er sich gerne von klassischer indischer Musik inspirieren. «Das tonale System und die Auffassung von Zeit sind dort so anders. Da kann ich immer wieder Neuland entdecken.» Klassische Musik hört er in erster Linie, um das musikalische Material und die Art der Kompositionen zu studieren.

Weiterhin ein offenes Ohr hat Am­stad für traditionelle Gesänge und Klänge aus anderen Kulturen. «Diese Musik hat einen ganz andern Anspruch, als wir ihn in unserer Popkultur gewohnt sind. Hier geht es ständig darum, zu produzieren, Trends nachzurennen, zu verkaufen. Das geht völlig an mir vorbei. Mich interessiert Musik!»

Pirmin Bossart
kultur@luzernerzeitung.ch

«Ich glaub, ich sitz auf dem falschen Thron!» – Zum Stück

«Tu einfach so, als wärst du es, bis du irgendwann selbst daran glaubst.» Der amerikanische Soziologe und Psychotherapeut Paul Watzlawik war vom Funktionieren dieser Methode überzeugt. Weil sie unser Handeln beeinflusst. Und das wiederum bestimmt, wie andere uns sehen.
Zur Anwendung kam dieser Psychotrick aber schon zu Zeiten, da war Watzlawik weder eine «Institution» der Wissenschaftsgeschichte noch geboren. Shakespeares Verwirrspiele bauen ebenso darauf auf. Und in Gerhart Hauptmanns (1862–1946) Komödie «Schluck und Jau», 1900 mässig erfolgreich uraufgeführt am Deutschen Theater Berlin, wird diese Strategie zur humorigen Stückgrundlage. Da werden die Landstreicher Schluck und Jau, arme Schlucker mit Alkoholproblem, von einer gelangweilten Fürstendelegation aufgegabelt. Die beiden sollen zu Unterhaltungszwecken in den Glauben versetzt werden, sie seien Fürstin und Fürst. Das Spiel läuft gut. So gut, bis einer der beiden kaum noch von seinem (Irr-)Glauben abzubringen ist und die Gesellschaftsordnung zu kippen droht.


In Luzerner Mundart

Die Theatergesellschaft Malters hat die selten gespielte Komödie in die routinierten Hände der Luzerner Theaterautorin Gisela Widmer überantwortet. Widmer hat Übung im Überschreiben älterer Stoffe. Im Juni kommt ihr Stück «Stadt der Vögel» nach dem griechischen Original von Aristophanes auf der Halbinsel Tribschen zur Aufführung. Hauptmanns selten inszeniertes Stück, das die Autorin als zu «ausufernd» empfand, wurde von ihr gestrafft und in die Luzerner Mundart übersetzt. Aktualisieren habe sie den Text gar nicht erst müssen, schreibt Widmer. «Es gibt momentan auf der Welt genügend ‹Fürsten›, die mit dem Volk ihr Spiel treiben.» Egal, ob Germany’s nächstes Topmodel inthronisiert wird, egal, ob als Fürsten verkleidete Narren die Welt regieren oder Fürsten Narren zur Macht verhelfen: Das Stück liefert den vertrauten Humus und erfrischende Antworten.

Schauplatz der Freilichtinszenierung mit 25 Laiendarstellern (Regie: Livio Andreina) wird der Platz vor der Ramstein-Schüür in Malters sein. Bühnenbildnerin Anna Maria Glaudemans hat vor, diesen «Luftraum» so zu gestalten, dass verschiedene Szenarien – von der Gosse bis zum fürstlichen Jagdschloss – vorstellbar werden.


jst

Premiere: Mittwoch, 7. Juni, 21.00
«Schluck und Jau», Freilichtspiel in der Ramstein-Schüür gegenüber dem All’Aria-Park in Malters.
Aufführungen bis Samstag, 15. Juli
VV: www.theater-malters.ch

Die titelgebenden Landstreicher Schluck und Jau. (Bild: PD)

Die titelgebenden Landstreicher Schluck und Jau. (Bild: PD)