«Man kann nicht einfach den Schalter umkippen», sagt der Intendant des Luzerner Sinfonieorchesters, Numa Bischof, über den Konzertbetrieb mit Corona

Bei der Saisoneröffnung des Luzerner Sinfonieorchesters könnte das KKL erstmals voll sein. Intendant Numa Bischof über den Weg dahin.

Urs Mattenberger
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Chefdirigent James Gaffigan eröffnet am 14. Oktober seine Abschiedssaison mit dem Luzerner Sinfonieorchester (im Bild bei einem Auftritt im letzten Jahr).

Chefdirigent James Gaffigan eröffnet am 14. Oktober seine Abschiedssaison mit dem Luzerner Sinfonieorchester (im Bild bei einem Auftritt im letzten Jahr).

Bild: Franca Pedrazzetti/PD

Endlich wieder ein voller Konzertsaal im KKL, wie es das Schutzkonzept seit dem 1. Oktober zulässt? Darauf müssen wir länger warten als erhofft. So beschränkten die Migros Classics für ihr Konzert gestern die Zahl der Besucher vorsichtshalber auf 1000, ebenso wie die Luzerner Kantorei für ihren «Elias» am kommenden Sonntag. Und dennoch wurden für beide Konzerte nicht alle verfügbaren Tickets verkauft.

Ein voller Saal? Dem Ziel näher kommen könnte das Luzerner Sinfonieorchester, das seine Saison am 14. und 15. Oktober unter der Leitung von James Gaffigan eröffnet. Auch für diese Konzerte gilt zwar das Schutzkonzept des KKL, wozu Masken, personalisierte Tickets, ein gestaffelter Auslass und der Verzicht auf Pausen gehören. Aber was Besucherzahl und Bühne anbelangt, klingt es nach Neuseeland, wo diese Woche die Corona­einschränkungen aufgehoben wurden.

Trotz Corona Grossbesetzungen, Zurückhaltung beim Publikum

Mit den steigenden Fallzahlen könnte sich die Ausgangslage zwar jederzeit verändern, doch «bei uns ist der Saal aktuell uneingeschränkt offen», freut sich Intendant Numa Bischof Ullmann. «Auch das Orchester kann in den Besetzungen spielen, die wir in der Abschiedssaison von James Gaffigan geplant haben.» Kein Problem ist das sowieso im Eröffnungskonzert – Romantik wie Brahms’ vierte Sinfonie gehört zum Kernrepertoire des Orchesters mit seinen 70 Musikern.

«Bei uns ist der Saal aktuell uneingeschränkt offen.»

Aber mit den im KKL zugelassenen 100 Musikern auf der Bühne sind nach aktuellem Stand selbst riesig besetzte Werke wie Strawinskys «Le sacre du printemps» (im Januar) machbar. Sie zeigen die Richtung, in die Gaffigan das Orchester weiterentwickelt hat. Dass dieses in dieser Saison mit Grossbesetzungen antritt, verträgt sich also mit Corona. Aber beim Kartenverkauf sieht auch Bischof Anzeichen für eine Zurückhaltung.

«Als die Besucherzahl auf 1000 limitiert war, konnten wir unsere Konzerte nicht bewerben, weil wir fast so viele Abonnenten haben», nennt Bischof einen Grund. «Hätten wir mit dem Kartenverkauf begonnen, hätten wir unter Umständen Abonnenten ausladen müssen.» Die Zeit, seit die Beschränkung aufgehoben wurde, sei zu kurz, um das aufzuholen: «Der Konzertbetrieb ist eine Art Maschine, die man jetzt allmählich wieder zum Laufen bringen muss. Da kann man nicht einfach den Schalter umkippen.»

Corona-Umstellungen mit prominenten Überraschungen

Ungewiss ist auch, wie weit das Publikum Vertrauen in das Schutzkonzept hat. «Es gibt einzelne Abonnenten, die wegen Corona eine Pause einlegen, aber die Mehrheit bleibt dabei», weiss Bischof und verweist auf eine Aktion, mit der das Orchester dieses Vertrauen stärken will: «Allen Abonnenten haben wir eine Stoffmaske geschenkt, die mit einer auswechselbaren Membraneinlage einen viel höheren Schutz gewährleistet als herkömmliche Masken.»

Auch im Programm führt Corona zu Umstellungen, etwa um Überlängen zu vermeiden. So wird im ersten Konzert der Saison das Eröffnungsstück ersetzt durch Aaron Coplands kurze «Fanfare for the Common Man». Die grössere Umstellung bekommt das Luzerner Publikum nicht zu spüren: Zum 100-Jahr-­Jubiläum der schweizerisch-schwedischen Handelsbeziehungen hätte das Orchester mit diesem Programm nach Stockholm reisen sollen. Wegen Corona findet der Festakt in Stockholm zwar statt, aber das Konzert wird per Streaming übertragen. Immerhin verdanken die Luzerner dem Anlass die Entdeckung des schwedischen Romantikers Franz Berwald. Von ihm erklingen für Orchester bearbeitete Lieder: Die in der Schweiz lebende schwedische Sopranistin Lisa Larsson hat sie zu einer eigenen «Traumreise» zusammengestellt.

Abgesagt werden musste wegen Quarantänebestimmungen der Auftritt von Hélène Grimaud mit der Camerata Salzburg. Prominenten Ersatz, nämlich den Startenor Benjamin Bernheim, fand Bischof für das Lunchkonzert vom 23. Oktober: «Ich hatte im letzten Sommer ein Rezital von ihm in Evian besucht. Am Sonntag rief ich ihn an, ob er das auch in Luzern machen würde. Und er hat spontan zugesagt!»

Das ist auch deshalb reizvoll, weil Bernheim im November in Zürich den Des Grieux in Puccinis «Manon» singt. Und es ist ein Beispiel dafür, wie Corona überraschende Lösungen ermöglichen kann. Ein weiteres ist das Konzert Ende Oktober mit dem Ausnahmepianisten Krystian Zimerman. Hier fällt zwar der Gastdirigent Peter Oundjian und mit ihm Beethovens vierte Sinfonie aus. Dafür macht Zimerman, was er nur dann tut, «wenn es ihm mit dem Orchester wohl» ist, wie Bischof weiss: In Beethovens viertem und fünftem Klavierkonzert leitet er das Orchester vom Flügel aus.

Mit Coronaänderungen fast alles nach Plan

Saisonstart

Mit Ausnahme des «Drum Circle» finden die folgenden Konzerte des Luzerner Sinfonieorchesters im Konzertsaal des KKL statt. Eröffnungskonzert, Mi/Do, 14./ 15. Oktober, 19.30: James Gaffigan eröffnet seine Abschiedssaison romantisch mit Brahms’ vierter Sinfonie und Liedern von Berwald (Lisa Larsson).

«Drum Circle», Do, 15. Oktober, 18.30, Orchesterhaus (beim Südpol): rhythmisches Experimentierfeld für alle, unabhängig von Alter oder musikalischen Vorkenntnissen (5 Franken; mit dem Rhythmuspädagogen Thomas Viehweger).

Lunchkonzert, Freitag, 23. Oktober, 12.30: Der Tenor Benjamin Bernheim gibt – als prominenter Einspringer und vor seiner nächsten Premiere am Opernhaus Zürich – ein französisch geprägtes Liedrezital (mit Klavier). Das Extrakonzert mit Hélène Grimaud entfällt wegen Quarantäne­bestimmungen (Mo, 26. Oktober).

Zum Beethoven-Jahr, Fr, 30. Oktober, 19.30/So, 1. November, 18.30: Krystian Zimerman leitet im vierten und fünften Klavierkonzert das Orchester vom Flügel aus, weil Dirigent Peter Oundjian wegen Quarantänebestimmungen nicht einreisen kann. (mat)

www.sinfonieorchester.ch