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Mann liest Frau: Wenn Männer feministische Literatur entdecken

Viel zu oft werden von Frauen geschriebene Bücher von Männern als Trivialliteratur abgetan. Sind ja auch so bunte Buchumschläge. Zum Frauenstreik haben drei Redaktoren Bücher von Frauen gelesen. Was hat es ihnen gebracht?
Daniel Fuchs, Simon Maurer, Niklaus Salzmann
Durch Bücher und in Büchern getrennt - dabei birgt vermeintliche Frauenliteratur neue, berührende Erkenntnisse. (Bild: Getty)

Durch Bücher und in Büchern getrennt - dabei birgt vermeintliche Frauenliteratur neue, berührende Erkenntnisse. (Bild: Getty)

Rabenväter gibt es nicht: Daniel Fuchs liest Elena Ferrante

Leda liegt mit einer Stichwunde im Krankenhaus und hat etwas Grausames getan. Damit ist der Spannungsbogen dieser thrillerhaften Geschichte über eine 48-jährige Akademikerin in Elena Ferrantes «Frau im Dunkeln» geöffnet.

Das letzte Buch über eine Frau – und von einer Frau drückte mir vor ein paar Jahren meine Mutter in die Hände. Thema: Die Versklavung einer des Schwachsinns diagnostizierten jungen Frau in den 1950er-Jahren in der Schweiz. Die Lektüre des Sachbuchs erschütterte mich, aber ein Frauenthema im engeren Sinn behandelte es nicht. Doch was heisst das schon, ein Frauenthema? Meine engste Weggefährtin ist eine Frau und Mutter. Warum sollte ich mich nicht mit Themen befassen, die sie betreffen könnten?

In «Frau im Dunkeln» geht es exakt um solche Themen. Doch hier kommt der Verlag ins Spiel. Bei Elena Ferrante hat er entschieden, mit dem Cover explizit ein Publikum an zu sprechen, welches sich eher mit der Art von Buchumschlägen assoziiert, mit denen typischerweise Frauenbücher präsentiert werden. Doch mehr dazu später.

Als Leser von «Frau im Dunkeln» bin ich sofort gepackt, erfahre vieles über das Leben einer Neapolitanerin, die im Schoss einer Grossfamilie aufwuchs, sich von ihr emanzipierte, eine Familie gründete, das Glück aber nicht in ihren beiden Töchtern fand, sondern an der Universität und in der Literatur.

Doch das Muttersein mit all seinen Schattenseiten kommt in ihr hoch, als sie, die vornehme Grossstädterin, in Süditalien allein ihre Sommerferien verbringt – und eine junge Neapolitanerin mit ihrer Tochter beobachtet. Mehr noch, sie eigentlich stalkt und der Tochter der fremden Touristin schliesslich das Liebste wegnimmt.

Wie liest sich das als Mann? Ich erfahre viel über die Zerrissenheit einer Mutter, die ihre Töchter liebt und gleichzeitig abstossend findet. Zur Rabenmutter wird, in Abgründe blickt.

Mir kommen Mutterfiguren aus meinem eigenen Leben in den Sinn. Verdammt, wie war ihnen zumute? Wie ergeht mir das als Vater?

Bin ich etwa ein Mann im Dunkeln und weiss gar nicht, auf welches Pferd ich setzen soll? Auf den Beruf, der an Bedeutung verliert, wenn du deinen Teil der Kinderbetreuung übernimmst. Oder auf das Kind, auf die Familie, der du – ob du willst oder nicht – das andere unterordnest. Warum ist das Wort Rabenmutter eigentlich viel geläufiger als Rabenvater?

Daniel Fuchs (Bild: CH Media)

Daniel Fuchs (Bild: CH Media)

Die Lektüre packt mich, weil sie so gar nicht sanft erzählt ist, sondern ungeschminkt, direkt, brutal. Und sie macht mich nachdenklich. Ich befasse mich mit Themen wie: Was bedeutet die Liebe zu einem Kind, wie verändert sie sich im Laufe des Lebens?

In unserer Zeit sind das alles andere als Frauenthemen. Wäre nur nicht die alles andere als Männer ansprechende Aufmachung des Buchs.

Ich habe es als E-Book auf mein Smartphone geladen. Aus Bequemlichkeit und aus dem Grund, rascher mit der Lektüre beginnen zu können. Als ich im voll besetzten Zug das E-Book-App starte und aufs in Hellblau und grossen Buchstaben gehaltene Cover blicke, bin ich froh, das Buch nicht physisch in der Hand zu halten. Ich hätte das Gefühl, den Leuten um mich herum etwas erklären zu müssen.

Egalitarist, nicht Feminist: Simon Maurer liest Jessa Crispin

Sind Sie Feministin? Das ist der erste Satz, dem Leserinnen und Leser in Jessa Crispins feministischem Manifest begegnen. Als ich ihn lese, halte ich ein: Obwohl ich die Gleichstellung der Geschlechter überzeugt mittrage, springt mir kein lautes Ja aus der Brust.

Denn irgendwie fühle ich mich nicht wohl dabei, mich selbst zum aktiven Unterstützer jener Ideologie auszurufen, welche per Definition das ausschliessliche Weiterkommen des anderen Geschlechts zum Ziel hat. Mein Typus – jung, weiss, männlich – ist ausserdem eines der Lieblingsfeindbilder radikaler Feministinnen, ich entschliesse mich deshalb, die Frage unbeantwortet zu überspringen.

Buchautorin Jessa Crispin ist keine gewöhnliche Feministin, das merkt man als Leser gleich. Grundsätzliche Solidarität mit ihren Geschlechtsgenossinnen lehnt die Amerikanerin ab, vom Establishment-Feminismus des 21. Jahrhunderts hält sie nicht viel. Gnadenlos kritisiert sie die Entwertung des Feminismus­begriffs, die in den letzten Jahren stattgefunden habe.

Feminismus ist laut Crispin eine Worthülse geworden. Modelabels verdienen Geld mit überteuerten Kleidern, die nur wegen der Aufschrift «Feminist» gekauft werden. Weisse Frauen aus Ober- und Mittelschicht sowie Pop- und Filmstars benutzen ihn für das Vorwärtstreiben der eigenen Karriere. Die wirklich hilfsbedürf­tigen Frauen aus der Unterschicht stehen schon lange nicht mehr im Zentrum der modernen Ideologie.

Simon Maurer (Bild: CH Media)

Simon Maurer (Bild: CH Media)

Crispin fordert nichts weniger als eine gerechtere Welt für alle Unterdrückten – nicht nur für Frauen. Das ist nur mit einem radikalen Systemwechsel möglich. Um einen solchen zu erreichen, muss der Feminismus laut Crispin das Patriarchat und den Kapitalismus gleichzeitig angreifen. Denn die beiden Ungetüme sind miteinander eng verknüpft, das eine kann nicht ohne das andere eliminiert werden.

Nach der Lektüre dieses Manifests habe ich meine Antwort auf die Einstiegsfrage gefunden: Ich bin nicht Feminist – sondern Egalitarist.

Das Bekämpfen der Unterdrückung von Randgruppen unterstütze ich, doch will ich meine Hilfe nicht an ein passendes Geschlecht binden. Denn der elternlose Asylantenjunge benötigt die Unterstützung der Gesellschaft mindestens so sehr, wenn nicht noch mehr, wie die aufstrebende Bankmanagerin, der ein Verwaltungsratsmandat verweigert wurde.

Erbarmungslos realistisch: Niklaus Salzmann liest Zadie Smith

«Meine Mutter war Feministin», schreibt die Ich-Erzählerin in Kapitel Eins von «Swing Time». Es ist eine Feststellung ganz ohne Wertung. Ebenso nüchtern geschrieben, wie die Tatsache, dass der Vater die Tochter zum Ballettunterricht bringt und ihr Gummibänder an die Schläppchen näht, während sich die Mutter ihrer eigenen politischen Karriere widmet.

Die wichtigsten Rollen in diesem Buch sind allesamt weiblich besetzt: die Ich-Erzählerin mit frappanter Ähnlichkeit zur Autorin. Ihre Mutter. Ihre Kindheitsfreundin. Der Popstar, deutlich angelehnt an Madonna.

Doch Zadie Smith definiert diese Charaktere nicht durch Geschlechterrollen. Vielmehr zeigt sie vielschichtige Menschen auf, jede mit ihrer eigenen Denkweise, geprägt vom sozialen Umfeld, von wirtschaftlichen Verhältnissen, von der Hautfarbe und ja, auch vom Geschlecht, aber dieses ist nur einer von vielen Faktoren. Das ergibt sehr real wirkende Figuren von hoher Glaubwürdigkeit.

Und gerade weil deren Weiblichkeit nicht im Vordergrund steht, kann ich mich auch als männlicher Leser gut in diese Figuren hineinversetzen.

Umso stärker wirkt es, wenn sie dann doch plötzlich Sexismus begegnen. Denn es fühlt sich beim Lesen nicht an, als hätte mich die Autorin gezielt auf solche Themen hinweisen wollen – vielmehr zeigt sie glaubhaft auf, wie jede Frau in ihrem Leben mit Sexismus konfrontiert wird.

Niklaus Salzmann (Bild: CH Media)

Niklaus Salzmann (Bild: CH Media)

Frappant wird dies bei einer kleinen Formulierung, welche die Erzählerin bei einem Rückblick auf ihre Kindheit braucht: Ihr sei klar geworden, dass sie «vergleichsweise grosses Glück hatte», schreibt sie. Dies im Vergleich zu vielen ihrer Freundinnen, die als Kinder missbraucht wurden.

Umgekehrt ausgedrückt: Als Mädchen braucht es Glück, um nicht sexuell missbraucht zu werden.

Dasselbe liesse sich auch mit Zahlen aus Umfragen verdeutlichen oder in einem Essay schreiben. Aber durch das Verpacken in einen Roman gelingt es der Autorin, bei mir – dem männlichen Leser – Betroffenheit zu wecken. Und damit kommt sie den realen Problemen auf gewisse Weise näher als mit puren Fakten.

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