Mann oh Mann

Die Theaterwerkstatt Frauenfeld inszeniert das dritte Sommertheater im Greuterhof Islikon. «Am Hang» bleibt hart an ­Markus ­Werners ­Romanvorlage, lässt alles in der Schwebe, gefällt mit feinen Einfällen.

Dieter Langhart
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«Am Hang» im Greuterhof Islikon: Giuseppe Spina (Thomas) zwischen Silvana Peterelli (Valerie) und Joe Fenner (Felix). (Bild: Andrea Stalder)

«Am Hang» im Greuterhof Islikon: Giuseppe Spina (Thomas) zwischen Silvana Peterelli (Valerie) und Joe Fenner (Felix). (Bild: Andrea Stalder)

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Die Kurzform: Thomas Clarin ist jung, Scheidungsanwalt, Schürzenjäger, er glaubt an die freie Liebe; Felix Loos ist alt, Altphilologe, Witwer, er glaubt an die ewige Liebe. Haben die beiden dieselbe Frau geliebt? Die Langform hat der Schaffhauser Markus Werner 2004 als Roman verfasst: Zwei Männer lernen sich zufällig kennen, sitzen zwei Abende beim Merlot bianco auf einer Hotelterrasse in Montagnola und lassen ihre so gegensätzlichen Weltanschauungen und Liebesauffassungen aufeinanderprallen.

Die Theaterfassung, nicht die erste, hat Noce Noseda von der Theaterwerkstatt geschrieben und sie mit zwei Männern und zwei Frauen inszeniert. Keine leichte Aufgabe, denn es gilt, Bilder zu finden für einen schier endlosen Dialog, für das herausragende Sprach- und Denkspiel, für Markus Werners spröden Humor. Schliesslich soll im Greuterhof Sommertheater stattfinden, keine Philosophiestunde.

Zwei Schauspielerinnen in fünf Rollen

Der Regisseur bleibt hart an der Vorlage. Er strafft die Gespräche zwischen Thomas und Felix, lässt insbesondere biografische Details und Exkurse weg. Noce Noseda behält nur, was sich szenisch nutzen lässt: die Terrasse des «Bellevue» als Ort, was die beiden Männer einander erzählen, als Handlung. Rhythmisch nutzt Noseda den Kontrast zwischen Dialog und Erinnerung, zwischen jetzt und damals. Und er lässt fünf Frauen auftreten.

Silvana Peterelli und Adele Raes wechseln fliegend zwischen ihren Rollen als Servierdamen und den drei Romanfiguren Bettina (Felix’ verstorbene Frau), Valerie (Thomas’ Kurzzeitgeliebte) und Atemtherapeutin Eva (Thomas’ neue Eroberung). Regisseur Noseda nutzt die Identitätswechsel geschickt, um die Schlüsselfrage des Romans offenzulassen: Sind sich Bettina und Valerie zufällig im Kurhotel in Cademario drüben begegnet, oder sind sie ein und dieselbe Frau?

In seiner Verfilmung 2013 hat Markus Imboden die Lösung vorweggenommen, was auch kritisiert wurde. Noce Noseda hingegen behält das schwebende Element der Vorlage. Mehr noch, er verleiht den drei Frauen aus dem Roman etwas Mystisches und Geheimnisvolles. Er spielt so auch die kriminalistische Note in Werners Roman aus, auch wenn er das Verwirrspiel um Felix’ Identität (im Roman nennt er sich Thomas) unberücksichtigt lässt.

«Leg dich ins Bett mit deiner Fehldeutung»

Geschickt nutzt Regisseur Noseda den vorgegebenen Innenhof. In den Ecken rechts und links eine Parkbank und ein Sofa als Andeutung für die Kennenlern- und Liebesorte von Thomas und Valerie; aus einem Fenster im zweiten Stock wartet Felix mit einem Fernrohr auf die Winkzeichen seiner Frau Bettina – eine schöne Umsetzung eines Romandetails. In der Bühnenmitte die Hotelterrasse mit zwei Tischen, an denen sich Thomas und Felix unterhalten. Vorn stehen zwei weitere Stuhlpaare – an Tischen ohne Tischblatt, als könne da nichts Wahres ausgebreitet werden.

Mann oh Mann – wie unterschiedlich sind im Roman doch der junge Thomas und der alte Felix, der einmal sagt: «Ja, ich verstehe, die Ehemänner sind die Flaschen und du der Feuerteufel.» Die Hauptakteure ereifern sich, reden über Handys und Zeitgeistfragen, über Treue und Unterhosen ohne Eingriff, betrinken sich, torkeln spät in der Nacht im Regen hoch zu Thomas’ Ferienwohnung in Agra.

Am nächsten Tag, am Pfingstsamstag, reden sie weiter, trinken weiter, ­torkeln wieder den Berg hoch.

Thomas: «Nichts spannender, erregender, als sich an eine fremde Frau heranzutasten.» Felix: «Leg dich ins Bett mit deiner Fehldeutung, und vergiss nicht, die Tür zu verriegeln.»

Nicht alle Einfälle helfen der Handlung

Giuseppe Spina spielt den Anwalt Thomas mit einer frechen, fast überheblichen Nonchalance, fläzt sich überlegen auf Stuhl oder Sofa. Joe Fenner gibt den Felix als müden, matten Mann, der seine Prinzipien verteidigt – der aber auch mit einer Pistole auf Thomas zielt, weil er sich in seiner Grundhaltung angegriffen fühlt und Verdacht schöpft, als Thomas ihm von Valerie erzählt.

Die Pistole ist nur einer der Einfälle, der leichtfüssigen Einsprengsel, mit denen Noce Noseda seine Inszenierung unterlegt. Nicht alle wirken relevant, etwa dass Felix vor Stückbeginn C. F. Meyers Ballade «Die Füsse im Feuer» rezitiert, die im Roman nur gestreift wird. In der Schlussszene wiederholt Felix ein Leitmotiv: Hesses Gedicht «Stufen». Er wiederholt es, beschränkt sich aber nicht auf die Verse «Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne», sondern erzählt die erste Strophe fertig: «Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.» Dann macht es peng.

«Am Hang», Greuterhof Islikon, Di–Sa, 20.30 Uhr, bis 1.9. Karten: theaterwerkstatt.ch