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Helen Meier zum 90. Geburtstag: Märchen einer bitterzarten Realistin

Die in Trogen lebende Schriftstellerin Helen Meier betrat die literarische Bühne in reifen Jahren. Am 17. April feiert sie ihren 90. Geburtstag – dazu erscheint ein magisch schön illustrierter Band mit bislang unveröffentlichten Texten aus den 1950er-Jahren.
Bettina Kugler
Die Schriftstellerin Helen Meier in ihrer Wohnung (Bild: Benjamin Manser)

Die Schriftstellerin Helen Meier in ihrer Wohnung (Bild: Benjamin Manser)

Nicht mehr jung: So trat Helen Meier vor über dreissig Jahren überraschend aus dem Nichts als Schriftstellerin hervor. 1984 las sie, die ihre Lebensmitte schon längst überschritten hatte, an den Klagenfurter Literaturtagen die Erzählung «Lichtempfindlich» und wurde dafür mit dem Ernst-Willner-Stipendium ausgezeichnet. Im selben Jahr erschien ihr Erstling «Trockenwiese». Was sich bis dahin in ihrer Schublade aufgestaut hatte, war nicht zu ahnen – als seien auch diese frühen Texte lichtempfindlich. Etliche Manuskripte hatte Helen Meier, Primarlehrerin mit Auslandserfahrung und Blick weit über ihr Heimatdorf Mels und ihren langjährigen Arbeitsort Heiden hinaus, vergeblich an Verlage geschickt, bevor Egon Ammann ihr Lektor und Verleger wurde.

Krisengeschichten der jungen Frau und Lehrerin

Nun kommen diese frühen Texte nach und nach zum Vorschein; zu einem Zeitpunkt, da Helen Meier das Schreiben aufgegeben, das Leben und die Welt aber noch immer im Blick hat. Mit der ihr eigenen vitalen, zuweilen schroff aufbegehrenden Empfindlichkeit. Zunächst war es der Prosaband «Die Agonie des Schmetterlings», den Charles Linsmayer in Zusammenarbeit mit der Autorin herausgegeben hat – vor zwei Jahren, als Helen Meier mit dem Kulturpreis des Kantons Appenzell Ausserrhoden geehrt wurde. Zu ihrem 90. Geburtstag am 17. April wird ein weiterer Band mit Texten aus dem Vorlass erscheinen: Texte, die lange in einem ­undatierten gelben Umschlag mit der Aufschrift «Märchen, an Egon Ammann gesandt» schlummerten, wie Charles Linsmayer im Nachwort anmerkt.

Es mag mit ihrer Tätigkeit als Lehrerin zu tun haben, dass ­Helen Meier im Alter zwischen 25 und 28 ausgerechnet Märchen zu schreiben beginnt. Aber noch eher mit ihrer Lebenssituation und dem Bewusstsein, dass da mehr in ihr steckt: Fantasie, ein ebenso zartes wie starkes Sprachvermögen. So wirkt der erste Text der Sammlung, «Der Teppich», wie ein Schlüssel zur geheimen Kammer, in welcher diese Märchen entstanden sind. Der Blick verweilt darin auf einem Jagdteppich in einem alten Schloss; in weit ausschwingenden Sätzen, mit Liebe zum Detail wird er ­betrachtet und beschrieben – bis den wilden Tieren unter den ­rosenumrankten Bäumen die Stunde schlägt. Bis sie um Mitternacht erwachen und lebendig, zu Akteuren werden. «Der Teppich» ist ein Märchen, in das die junge Helen Meier bildkräftig die Magie des Schreibens gebannt hat.

Zartheit, Drastik und ein melancholischer Humor

Tatsächlich gibt es unter den 23 Märchen Geschichten, die sich an Kinder richten, an einen Zuhörerkreis, wie ihn auch Hans Christian Andersen liebte und in die verspielte Erzählweise seiner Kunstmärchen einbezog. «Der Hut» gehört dazu, ein lebhaftes Dingmärchen – ebenfalls eine Verbeugung vor dem dänischen Dichter, dessen Ton und melancholischer Humor in vielen der frühen Texte Helen Meiers anklingt. Oder «Die Nacht», in welchem Kinder und ihre Sehnsucht nach Geschichten als Retter der Dunkelheit auftreten: ein Erzähl- und Vorlesetext, zeitlos schön, absolut staubfrei und unsentimental, bedenkt man seine Entstehungszeit im Kontext der Kinderliteratur der 1950-er Jahre.

Andere überraschen durch üppige Schönheit, eine fast liebliche Sanglichkeit der Sprache. Sie kommen wie aus ferner Zeit, weit weg von Helen Meiers späteren oft bitterbösen Texten. Vorweggenommen sind sie in der albtraumhaften, verstörenden Drastik des Märchens «Mondnacht», in der Grausamkeit von «Der Mann mit dem Hahn»: Märchen, die in seelische Abgründe leuchten wie die reiferen Texte der Autorin. In andere hat sie tiefe persönliche Krisen eingeschrieben, den frühen Unfalltod des Vaters, das seelische Leid über den Verlust dreier Vorderzähne, die sie entstellten. Schon jung das Nie-mehr hinnehmen zu müssen, hat Helen Meier zum Schreiben angetrieben – und die Ideen und Gestalten, die in ihrem Kopf lebendig wurden wie die ­Vögel auf dem Jagdteppich.

Hinweis
Helen Meier: Der weisse Vogel, der Hut und die Prinzessin. 23 Märchen, illustriert von Verena Monkewitz. Herausgegeben von Charles Linsmayer. Xanthippe, 184 S., Fr. 30.-

Buchvernissage und Geburtstagsfeier: 17. April, 17 Uhr, Festsaal der Kantonsbibliothek im Gemeindehaus, Trogen

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