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Marlene Streeruwitz und ihr wütender Roman: «Oh ja. Sie war vergiftet»

Marlene Streeruwitz’ «Flammenwand» ist ein furioser, wütender Monolog im Liebes- und Weltschmerz. Die 69-jährige österreichische Autorin ist eine grandiose Dramaturgin mit bitterem Humor.
Hansruedi Kugler
Marlene Streeruwitz feuert brillante Diskurssalven wie Lavabrocken auf ihre Leser. (Bild: Georg Hochmuth/APA)

Marlene Streeruwitz feuert brillante Diskurssalven wie Lavabrocken auf ihre Leser. (Bild: Georg Hochmuth/APA)

Untreue Männer, prügelnde Nazi-Väter, depressive Mütter und die neue, rechtsgerichtete österreichische Regierung. Klingt nach etwas abgehangenen Stereotypen feministischer Patriarchatskritik. Aber wie Marlene Streeruwitz hier in den Schmerz geht, in die Schutzlosigkeit und in die politische Gegenwart, das ist existenziell, sprachlich und dramaturgisch grossartig gemacht.

Ihr neuer Roman ist zornig, poetisch und ja, sogar mit leiser Ironie geschrieben. Eine Wucht! Kein Wunder, gerät das Sprechen und Denken der Hauptfigur Adele ins Stocken und in überhastete Kürzestsätze. Kommt hinzu: Die Erinnerung knallt ihr auch noch die vergiftete Familienvergangenheit ins Gehirn.

Der Auslöser für den stundenlangen, selbstquälerischen Monolog scheint vorerst banale Eifersucht. Die 52-jährige Wienerin Adele, frisch verliebt, hat gerade ihren Geliebten Gustav durch ein Fenster eines Cafés konzentriert und versunken eine SMS tippen sehen. Die SMS aber geht nicht an sie, sondern an eine andere Frau. Adele ahnt es bald.

In ihrer erlösungsbedürftigen Liebessehnsucht stolpert sie nun alleine durch das winterlich eisige Stockholm. Und steigert sich in einen fulminanten, atemlosen Rundumschlag. Wut und Selbsthass schaukeln sich dabei hoch. Oder wie es im Text heisst: «Oh ja. Sie war vergiftet.» Unschwer zu erkennen ist das literarische Vorbild, Ingeborg Bachmanns fulminante Anklage «Undine geht» an die liebesimpotenten, betrügerischen, gepanzerten Männer namens Hans aus dem Jahr 1961.

Männer lieben nur rhetorisch

Den Romantitel «Flammenwand» hat Marlene Streeruwitz von Dante Alighieri entlehnt. In dessen «Göttlicher Komödie» müssen Dante und Vergil beim Übergang vom Fegefeuer ins Paradies durch eine Flammenwand. Glühende Erkenntnis hier wie da: Streeruwitz feuert brillante, psychoanalytische Diskurssalven wie Lavabrocken vor allem auf die männlichen Leser.

Gustav sucht für seine Liebesunfähigkeit Opfer, die er sich aber auf Distanz hält. «Rhetorische Liebe» sei das, beklagt sich Adele. Ohne Hingabe. Beischlaf findet nicht statt – für sie die grosse Kränkung: «Sex war so wichtig für sie, weil sie da ganz werden konnte. Werden hätte können.»

Gustav aber ist impotent oder tut so, er befriedigt Adele einhändig, stumm, jeden Morgen – was sie an ihren Vater erinnert, der als einarmiger Kriegsinvalide nach Hause kam und mit dem einen Arm Adeles Bruder letztlich in den Tod prügelte. Solch quälende Überlagerungen prägen den Roman, überfallartig im Moment des Liebesbetrugs.

Traumatisch verbindet die Autorin damit Liebesschmerz mit heilloser Vergangenheit. Schutzlos wird sie auch von Bildern überfallen. Folter, Krieg, die menschenfeindliche Ideologie von Strafen und Unterdrückung, die im politischen Rechtsruck in Österreich bis in die Schule wieder aufkomme.

Aus der Hölle von Unterwerfung und Schuldgefühl herausfinden

Dabei hätten Adele und Gustav ein schönes, kultiviertes Paar abgegeben. Er Korruptionsfahnder in Berlin, sie Deutschlehrerin für Migranten. Aus der Zufallsbekanntschaft eines Konzerts waren unzählige, lange Telefongespräche geworden. Nazivergangenheit und Familienunglücke wurden besprochen. Ihre Hoffnung, dank Gustav aus all dem herauszufinden, aus der Hölle von Unterwerfung und Schuldgefühl, aber wird ruiniert.

Adele sieht sich in der von ihr verachteten Rolle als Unterstützerin des Mannes, als Dulderin seiner Schwächen, sie ertappt sich bei der Negierung eigener Wünsche und des eigenen Begehrens. Adele ist einem Entführer vorgetäuschter Liebe nach Stockholm gefolgt. So sieht sie es und verachtet sich für ihr tatenloses, depressives Schmollen:

«Sie hätte ihre Mutter sein können, die in einem Kaffeehaus sass und vor sich hin sinnierte.»

Ihr Handy hat sie ausgeschaltet, eine Aussprache meidet sie. Stattdessen kauft sie aus spontaner Solidarität Romafrauen Kleider ab. Sie zieht sich diese als Sinnbild ihres gefühlten Aussenseitertums, ihres Ausgeschlossenseins an und wird fortan auf der Strasse und in Restaurants als Aussätzige behandelt.

Die Sprache hyperventiliert

Die für Marlene Streeruwitz typischen Kürzestsatz-Kaskaden passen perfekt zu Adeles stürmisch pulsierendem Bewusstseinsstrom. Hyperventilierend könnte man dieses Sprechen nennen:

«Kampfloses Eingeben. Masochismus. Alle Wut. Alles Toben. Gegen sich selbst gerichtet. Und zivilisiert genannt. Erwachsen.»

Die 69-jährige österreichische Autorin ist in diesem Roman auch eine grandiose Dramaturgin mit bitterem Humor. Einmal lässt sie ihre Heldin als vermeintliche Ladendiebin von einem Sicherheitsbeamten mit einem Taser niederstrecken. Mit dem Feuermal auf der Hand scheint sie den Leserinnen zuzurufen: Durch diese Flammenwand müsst ihr springen. Aber ihr werdet euch verbrennen beim Ausbruch aus der Demütigung im Patriarchat.

In einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagte Streeruwitz pessimistischer: «Wir hängen auf dem Weg ins Paradies und sind in dieser Flammenwand gefangen.»

Marlene Streeruwitz: «Flammenwand», Verlag S. Fischer, 414 S.

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