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Bald schreiben Maschinen unsere Bücher

Sie sind als einfältige digitale Meinungsmacher in Verruf geraten. Doch den Sprachrobotern gelingen mittlerweile auch die feinen literarischen und poetischen Töne.
Adrian Lobe
Die Bezeichnung Schreibmaschine könnte durch Sprachroboter eine neue Bedeutung erhalten. (Bild: Getty)

Die Bezeichnung Schreibmaschine könnte durch Sprachroboter eine neue Bedeutung erhalten. (Bild: Getty)

Man kann es sich wie eine Slotmaschine im Spielkasino vorstellen: Der Mensch betätigt einen Hebel, dann beginnt die Maschine zu rattern und spuckt einen Vers aus. Der britische Buchdrucker und Tüftler John Clark stellte diese hölzerne Apparatur 1845 in London vor. Der erste Literaturautomat sah aus wie eine Orgel oder ein Küchenschrank und generierte lateinische Gedichte. Über eine aus Rädern, Spulen und Federn bestehende Mechanik wurden Buchstaben zu Worten zusammengebaut und nach vorgegebenen Satzbauregeln in eine der sechs freien Slots platziert. Für einen Schilling Eintritt konnte das Publikum das mechanische Schauspiel sehen.

Knapp 15 Jahre hatte Clark an der Maschine getüftelt. Es war die Zeit, in der Informatik-Pioniere wie Charles Babbage die ersten programmgesteuerten Rechenmaschinen entwickelten. Bis zu 26 Millionen mögliche Verse hatte Clarks Eureka-Maschine auf dem Kasten. Allerdings war sie langsam. Der Automat musste jeden Buchstaben einzeln einfügen. Das dauerte. Einen Vers pro Minute schaffte die Eureka-Maschine. Hohe Dichtungskunst war der Output auch nicht.

Ideenrecycling begleitet die ganze Literaturgeschichte

Moderne Computer sind nicht nur schneller, sondern auch pfiffiger, obwohl sie immer noch nach einem vorgegebenen Skript operieren. Der Google-Ingenieur Ray Kurzweil hat ein Poesieprogramm («Cybernetic Poet») entwickelt, das mit Hilfe sprachgestaltender Techniken automatisch eine Versdichtung erzeugt. Basierend auf Gedichten, die es zuvor «gelesen» hat, erzeugt das System ein Sprachmodell, welches Sprachstil, Rhythmen und Aufbau imitiert. Ein computergenerierter Haiku klingt dann so: «Verrücktes Mondkind/hüte dich vor dem Sarg/trotz deinem Schicksal.»

Mit Zuschreibungen wie «kreativ» muss man bei Denkmaschinen vorsichtig sein, weil Kreativität noch immer die Domäne des Menschen ist und der Geist sich nicht automatisieren lässt. Für den Haiku hat der kybernetische Poet Lyrikmaterial einer Dichterin gesampelt.

Doch sind Literatur und Poesie nicht schon immer ein Ideenrecycling gewesen? Die Literaturgeschichte ist eine Geschichte des ständigen Kopierens. Schon Balzac sah sich mit Vorwürfen konfrontiert, seine Comédie humaine sei ein Plagiat von Homers Odyssee. Der Autor, schrieb der Schriftsteller Italo Calvino, sei eine schreibende Maschine – er folge den Regeln anderer Autoren. «Die wahre Literaturmaschine wird eine sein, die selbst das Bedürfnis verspürt, Unordnung zu produzieren, als Reaktion auf die vorhergehende Produktion von Ordnung.»

Horrorgeschichten aus Tweets zusammengesetzt

KI-Systeme gehen eher strukturiert vor. Google hat 2016 in Kooperation mit Universitäten eine künstliche Intelligenz entwickelt, die mit Texten von 11000 unveröffentlichten Büchern gefüttert wurde und auf dieser Grundlage Gedichte kreierte. Die computergenerierten Verse wirken etwas holprig und nicht immer poetisch. Trotzdem staunt man über so manches Stilmittel wie etwa Steigerungen. Und welcher menschliche Poet hat nicht auch einmal Kitsch produziert?

Bots sind als digitale Propagandisten in sozialen Medien in Verruf geraten. Doch mit entsprechenden Trainingsdaten gelangen KI-Systeme auch zur Poesie. Es gibt mittlerweile Automaten, die anspruchsvolle Gedichte kreieren – oder Prosa. Das MIT Media Lab etwa hat einen Schreibbot namens Shelley A.I. (benannt nach der Frankenstein-Autorin Mary Shelley) entwickelt, der auf Grundlage von Tweets Horrorgeschichten schreibt. Auf der Webseite erhält man Einblick in die Schreibfabrik. In der Kurzgeschichte «Standing in the Woods» beschreibt der Ich-Erzähler, wie er vor einer düsteren humanoiden Gestalt flieht.

Der Text ist fragmentarisch, was daran liegt, dass er sich aus 14 Tweets von fünf Teilnehmern sowie den Antworten des Bots zusammensetzt. Dafür, dass es sich um eine Koproduktion von Mensch und Maschine handelt, ist das Werk erstaunlich gut durchkomponiert. Es gibt einen Spannungsbogen, und der Text ist ambivalent. Shelley A.I. ist ein Beispiel dafür, wie man aus Tweets Literatur erschaffen kann. In Japan hat es ein von einem KI-System mitgeschriebener Roman in die zweite Runde eines Literaturwettbewerbs geschafft. Das hätte wohl selbst John Clark nicht für möglich gehalten.

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