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Masken überall: Im Kunsthaus wie am Waldrand

Das Aargauer Kunsthaus schickt sein Publikum mit «Maske. In der Kunst der Gegenwart» ins Freie und auf eine Achterbahn der Gefühle.
Sabine Altorfer
Idylle mit falschem Unterton bei der Performance von Sislej Xhafa: Das Argovia Philharmonic spielt in lauschiger Natur, sieht mit seinen Sturmmasken aber aus wie Schwerverbrecher. (Bild: Alex Spichale,31.8.2019)

Idylle mit falschem Unterton bei der Performance von Sislej Xhafa: Das Argovia Philharmonic spielt in lauschiger Natur, sieht mit seinen Sturmmasken aber aus wie Schwerverbrecher. (Bild: Alex Spichale,31.8.2019)

Was sich die schwarz-weissen Ziegen auf der Wiese über diesen Aufzug an Menschen und ihr seltsames Tun wohl denken? Bunt ist die Schar, die vom Tierpark Roggenhausen heraufzieht, schwarz-weiss das Häuflein, das sich mit Instrumenten bewaffnet vorne am Waldrand aufstellt – sich dann schwarze Sturmmasken überzieht und sanft zu spielen beginnt. Die Geigen- und Celloklänge vermischen sich mit dem fernen Kinderlärm, quellen langsam auf wie die Wolken, die von der Wasserfluh her über den sommerlich-blauen Himmel ziehen.

Die Zuhörer sitzen und stehen im grünen Gras und lauschen konzentriert der Komposition von Samuel Barber. Dabei rätselt wohl jede und jeder für sich, was an der Musik denn anders sei, wenn das Ensemble des Argovia Philharmonic aussieht wie Bankräuber. Wenn die Musikerinnen und Musiker nach den letzten Tönen die Masken wegziehen, lächelnde und ernste und verschwitzte Gesichter sichtbar werden, löst sich spürbar ein Teil der Spannung. Die Anonymität, die Entfremdung ist weg, hier stehen wieder Menschen. Dann folgt die Wiederholung: selbes Stück, selbe Masken, selbes Demaskieren, selbe Gefühlsverschiebung.

Was kann eine Maske nicht alles sein!

Was die Ziegen nach dem Abzug ihrer schwarz-weissen Musiker-Nachbarn denken, lässt sich nicht enträtseln. Auch die Wirkung dieser von Sislej Xhafa initiierten Performance auf die rund 150 Zuhörer nur teilweise. Auffällig wenig wird beim Apéro und danach an der Vernissage im Aargauer Kunsthaus darüber geredet. Man fand’s schön, als seltsam, als einen Bruch mit dem Üblichen, was eh schon gut ist …

Als Wechselbad der Gefühle erweist sich auch die Ausstellung «Maske. In der Kunst der Gegenwart». Alle alten Kulturen der Welt würden Masken kennen. Sie seien aber auch heute allgegenwärtig, im Alltag wie in den sozialen Medien – und entsprechend auch in der Kunst, sagt Kunsthaus-Direktorin Madeleine Schuppli. Sie und Co-Kuratorin Yasmin Aschfar haben denn auch 160 Werke von 36 Künstlerinnen und Künstlern aus 12 Ländern ausgewählt und damit einen munteren Parcours gebaut.

Was kann eine Maske nicht alles sein! Sie kann Schutz bieten: als weiches Stoffteil zum Schlafen im Flugzeug (auch wenn die drei bunten Masken von Amanda Ross-Ho für Riesen gedacht sind) oder als Gasmaske gegen unsichtbare Gefahr.

Nur für Riesen: die Masken von Amanda Ross-Ho. (Bild: Aargauer Kunsthaus)

Nur für Riesen: die Masken von Amanda Ross-Ho. (Bild: Aargauer Kunsthaus)

Doch wie beim Orchester oder bei echten Bankräubern lässt sich hinter einer Maske auch unerkannt handeln, die Sau rauslassen – wie es über die Fasnacht jeweils heisst – oder zum wilden Tier mutieren, wie das der Amerikaner Jamie Cameron in einem Video über den Klaus-Brauch der österreichischen Kampusse vorführt. Als gehörnte Tiere packen und malträtieren sie ihr Publikum, sodass selbst der Video-Betrachterin bange wird.

Schöner oder schrecklicher

Mulmig wird einem vor den vergleichenden Fotos von Kriegsversehrten mit entstellten Gesichtern und afrikanischen Masken (von Kader Attia). Aber man kann ja auch an sich selber Hand anlegen, zeigen gleich einige Werke. Man kann sich mit bildverändernden Programmen, Gesichtsprothesen, Kostümen und Masken in Monster, hässliche Fratzen, traurige Sexbomben, eine goldstrahlende Göttin oder sogar in seine Mutter und seine Vorbilder verwandeln. So vielfältig wie dieses Spiel mit dem eigenen Aussehen und der eigenen Identität vorgeführt wird, so unterschiedlich sind auch die Gefühle, die es auslöst.

Doch nicht nur an sich selber, sondern auch anderen Menschen oder an Bildern von anderen lässt sich hantieren. Gemalten Porträts werden schmerzhaft wirkende Metallgittermasken aufgemalt oder Filmstars werden mit Landschaftspostkarten zu Gefühlsträgern. Als Symbole von Gefühlen haben Emojis sich in elektronisch verschickten Botschaften etabliert, Olaf Breunig setzt sie auf Gruppenfotos den Menschen auf und verdichtet unzählige Aufnahmen zu einer witzigen, wandfüllenden Wimmelbild-Tapete.

Emojis auf Olaf Breuning's Wimmelbild-Tapete. (Bild: Aargauer Kunsthaus)

Emojis auf Olaf Breuning's Wimmelbild-Tapete. (Bild: Aargauer Kunsthaus)

Eine übergreifende Dramaturgie fehlt

Der Parcours folgt nicht einer Leitidee, ein grosser dramaturgischer Bogen lässt sich nicht erkennen. Manchmal sind verwandte, manchmal gegensätzliche – dann visuell ähnliche Ansätze zueinander gruppiert. Einzelne Themen und Aspekte tauchen mehrmals anders wieder auf, etwa die Maske als Objekt. Das kann eine rohe Gipsfratze sein, eine Schönheitsmaske, wie Insekten aufgespiesste japanische No-Masken in Simon Starling «Hiroshima-Project» oder Tierli-Larven für Kinder, die schwarz bemalt aber ins Bedrohliche kippen.

Und ja, es gibt auch erheiternde Momente: Etwa wenn Silvia Bächli und Eric Hattan zeigen, wie wenig es beim fröhlichen Basteln braucht, bis ein Gemüsekistli, ein Papiersack oder eine Guezliverpackung als Gesicht erscheint.

Wir bekommen eine breite Auslegeordnung des Phänomens Maske zu sehen, eine reichhaltige, anregende Sammlung von dem, was die Kunst im Moment zum Thema mit all seinen Widersprüchen zu bieten hat. Was die Ausstellung aber nicht leistet, sind Verbindungen oder erklärende Zusammenhänge zwischen den einzelnen Mosaiksteinen zu legen. Sie beweist: Maske ist überall. In der Kunst, im Einkaufszentrum, in der Küche – und ja, selbst am Waldrand. War da etwa nicht nur das Orchester maskiert, sondern spielte auch das Publikum seine Rolle, und waren gar die Ziegen maskierte Zugabe?

Maske. In der Kunst der Gegenwart. Aargauer Kunsthaus, bis 5. Januar 2020. Zahlreiche Veranstaltungen mit Filmen, Workshops, Performances und Maskenball für Kinder.

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