Kolumne

«Max liest»: Heilung durch die Kraft der Gedanken?

Unser Autor Max Rüdlinger schreibt diese Woche über einen Uhrmacher, der schon im letzten Jahrhundert die Grundsätze der modernen Esoterik vertrat.

Max Rüdlinger
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Max RüdlingerBild: CH Media

Max Rüdlinger
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In müssiggängerischer Zeit aus den Tiefen meiner Bibliothek gegraben: «Occult America» (2009) von Mitch Horowitz. Der Autor legt in wildem intellektuellem Ritt – aber überzeugend – dar, wie in den USA heutige gesellschaftliche Ideale wie Gleichstellung und Persönlichkeitsentwicklung diversen mystischen Subkulturen entsprossen oder von Initianten alternativen Denkens aufs Tapet gebracht worden sind. Dabei bin ich auf den Uhrmacher Phineas Parkhurst Quimby gestossen.

In den frühen Vierzigerjahren des 19. Jahrhunderts tourte Quimby mit einem siebzehnjährigen Jungen namens Lucius Burkmar durch New England. Dabei versetzte er Lucius in Trance, und der diagnostizierte Krankheiten und verschrieb Heilkuren. Es zirkulierten Geschichten von Burkmars Fähigkeiten. Doch Quimby gewann die Überzeugung, dass es weder dessen geistige Kraft, den menschlichen Körper zu durchleuchten, noch dessen Kräuterteekuren waren, welche die Leute heilten, sondern die Fähigkeit des Jungen, zu ändern, was die Leute von ihren Kalamitäten glaubten. Es machte den Anschein, als sei im Geist die Ursache und auch die Heilung der Krankheiten zu verorten.

In der Folge entwickelte Quimby eine Philosophie «mentaler Heilung» und begann selber, Patienten zu behandeln. Wenn jemand krank sei, erklärte er, so gebe er ihm oder ihr zu bedenken, dass die Krankheit darin liege, was er glaube, und dieser Glaube irre sich. Während Quimby sich auf die heilenden Kräfte des Geistes konzentrierte, festigte sich in ihm die Auffassung, dass das Unterbewusste eine Erweiterung der göttlichen Kraft sei, durch welche eine Person mit entsprechendem Training und Verständnis äussere Umstände schaffen könne. Das Glück des Menschen liege in dem, was er glaube. Und er meinte das im wortwörtlichen Sinne. Damit nahm Quimby zentrale Glaubenssätze der heutigen Esoterik und insbesondere des Konzepts des positiven Denkens vorweg.

Interessant auch: In den 50er- und 60er-Jahren machten Ronald und Nancy Reagan kein Geheimnis daraus, dass sie den Astrologen Carroll Righter sowie das Medium Jeane Dixon konsultierten. Dixons Ruf gründete darauf, dass sie die Kennedy-Ermordung vorausgesagt hatte. 1956 schrieb das Magazin «Parade», Dixon glaube, dass die Präsidentschaftswahlen 1960 von einem Demokraten gewonnen würden. Der Gewählte werde als Amtsinhaber ermordet, wenn auch nicht unbedingt in seiner ersten Amtsperiode. Dixon machte auch ziemlich viele falsche Voraussagen, wovon einige von kommunistischen Verschwörungen handelten und dass Israel massenhaft zum Christentum konvertieren werde.

Als Gouverneur Kaliforniens verwunderte Reagan, als er seine Inauguration auf zehn Minuten nach Mitternacht ansetzte. Auch während seiner Zeit als Präsident hatte man sich stets zu fragen, wie weit seine und Nancys Abhängigkeit von der Astrologie gehe. Zeugnisse von Freunden und politischen Verbündeten und selbst Passagen in Reagans Memoiren bestätigten die Ernsthaftigkeit, mit welcher sich das Paar mit der okkulten Kunst befasste. So war es Sterndeuter Righter, der auch die Mitternachtsinauguration bestimmt hatte.

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