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Kolumne

«Max liest»-Kolumne: Zu viel Lesen macht dumm

Unser Autor Max Rüdlinger erklärt in seiner aktuellen Kolumne, warum wir unsere Zeit nicht nur mit Lesen verbringen sollten.
Max Rüdlinger
Max RüdlingerBild: CH Media

Max Rüdlinger
Bild: CH Media

Ich habe eine Schwäche für lange Worte wie «Vierwaldstätterseedampfschifffahrtskapitänsgattin». Auch kann ich, ohne zu stottern, «Lysergsäurediäthylamid» (LSD) hersagen, oder «Parerga und Paralipomena». Was Letzteres heisst, habe ich lang nicht gewusst. Erst kürzlich konnte ich bei Gelegenheit der Lektüre des so betitelten Schopenhauer-Werks in Erfahrung bringen, dass das griechische Worte sind und auf Deutsch etwa «Beiwerke und Nachträge» bedeuten.

Dabei handelt es sich um eine Sammlung «kleiner philosophischer Schriften». Versammelt sind da Aufsätze wie «Versuch über das Geistersehen und was damit zusammenhängt», «Über den Selbstmord», «Über die Weiber» oder «Über Lesen und Bücher». Das interessierte mich natürlich sehr.

Ich scheue mich nicht, mich als lesesüchtig zu bezeichnen. Auf alle Fälle wüsste ich nicht, wie ich mein Leben ohne Bücher zu meistern vermocht hätte. Das Arno-Schmidtsche Diktum «Books – the rest is a nightmare» ist mir alles andere als fremd.

Ich bin in bester Gesellschaft. Francesco Petrarca hatte es auch mit Büchern. Er schrieb, es sei nicht so, dass er eine Bibliothek besitze, sondern seine Bibliothek besitze ihn. In einem Brief aus dem Jahr 1346 teilte er mit, göttliche Gunst habe ihn von den meisten menschlichen Leidenschaften befreit, aber eine unersättliche Lust verbleibe, die er weder fähig noch willens gewesen sei zu bezähmen. Er könne nicht genug an Büchern bekommen. Wahrscheinlich habe er schon mehr, als er überhaupt noch lesen könne.

Das ist bei mir definitiv so: All die Bücher in meinem Wohnzimmer sind ungelesen und dienen mir als Memento mori: Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, sie alle bis zu meinem Lebensende zu lesen. Diese Problematik war Schopenhauer nur zu gut bekannt. Er schrieb: «Es wäre gut, Bücher zu kaufen, wenn man die Zeit, sie zu lesen, mitkaufen könnte, aber man verwechselt meistens den Ankauf der Bücher mit dem Aneignen ihres Inhaltes.»

Schopenhauer wies in «Lesen und Bücher I» darauf hin: «Wann wir lesen, denkt ein anderer für uns: Wir wiederholen bloss seinen mentalen Prozess.» Demnach sei uns beim Lesen die Arbeit des Denkens grösstenteils abgenommen. Daher komme es, dass wer den ganzen Tag lese, dazwischen sich aber in gedankenlosem Zeitvertreib erhole, die Fähigkeit, selbst zu denken, allmählich verliere. Solches sei der Fall vieler Gelehrter: Sie hätten sich dumm und dämlich gelesen.

Schopenhauer fügt erklärend hinzu, dass man das Gelesene erst durch späteres Nachdenken – durch Rumination – aneigne. Tue man das nicht, fasse es nicht Wurzel und gehe meist verloren. Es sei mit der geistigen nicht anders als mit der leiblichen Nahrung: Kaum der fünfzigste Teil von dem, was man zu sich nehme, werde assimiliert. Das Übrige gehe durch Evaporation, Respiration oder sonst ab. Zu dem komme, dass zu Papier gebrachte Gedanken nichts weiter seien als die Spur eines Fussgängers im Sand. Man sehe den Weg, den er genommen habe, aber um zu wissen, was er gesehen habe, müsse man seine eigenen Augen gebrauchen.

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