Kolumne

«Max liest»: Selbst einem Vielleser fehlt bei diesem schwierigen Text die Geduld

Unser Autor Max Rüdlinger schreibt diese Woche über einen anspruchsvollen Text mit langen Sätzen, der von seinen Lesern besondere Motivation verlangt.

Max Rüdlinger
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Max RüdlingerBild: CH Media

Max Rüdlinger
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Lektüre und ewig Lektüre! So seufzte der Dichter August Graf Platen (1796–1835) und fuhr fort:

«Es scheint fast, ich lebe nur, um zu lesen, oder ich lebe nicht einmal, sondern lese nur.»

Mir geht es nicht anders. Darüber hinaus sei eingestanden: Ich suche die literarische Berauschung, gar den schnellen Kick. Selbst philosophische Schriften müssen für mich grooven. Für Kniffligkeiten fehlt mir die Geduld. Was ich nicht innerhalb von drei Minuten verstehe, lasse ich bleiben. Dabei habe ich manchmal ein schlechtes Gewissen und fühle mich gedrängt, mich literarischen Herausforderungen zu stellen.

Also versuchte ich es. «Er hielt einen Brief in der Hand, er blickte auf und schaute mich an dann wieder den Brief dann wieder mich, hinter ihm konnte ich fuchsrote mahagonibraune falbe Flecken hin- und herziehen sehen: Pferde die zur Tränke geführt wurden, der Schlamm war so tief dass man bis an die Knöchel einsank doch ich erinnere mich dass es in der Nacht plötzlich gefroren hatte und Wack kam mit dem Kaffee ins Zimmer und sagte Die Hunde haben den Schlamm gefressen, ich hatte die Redensart noch nie gehört, ich glaubte die Hunde zu sehen …»

So geht es über sechs Seiten weiter, bis zum ersten Abschnitt, an welchen sich ebenfalls über sechs Seiten hinweg ein zweiter ähnlicher anschliesst … So beginnt «Die Strasse von Flandern» des Franzosen Claude Simon und zieht sich spärlich interpunktiert dahin. Die Geschichte aber schreitet alles andere als voran und gewinnt nur undeutliche Konturen. Simons Prosa wiegt einen in eine Art Trance.

Im «Times Literary Supplement» schrieb ein Kritiker über den Nobelpreisträger von 1985, er habe nie einen «wirklichen» Arbeitstag in seinem Leben ableisten müssen. Er habe das Glück gehabt, in die Klasse der «rentiers» hineingeboren zu werden. Simon wurde 1913 auf Madagaskar als Sohn eines Offiziers der Marine-Infanterie geboren, der im Ersten Weltkrieg fiel.

Simons Mutter, eine Lacombe Saint-Michel, die Voltaire und Balzac unter ihre Vorfahren zählen, starb 1924, und der junge Claude erbte Weinberge in der Nähe von Perpignan. Sie wurden von einem Verwalter bewirtschaftet. Produziert wurde ein Dessertwein, der an Cinzano weiterverkauft wurde. Auch wenn Simon nicht reich wurde, musste er sich doch nie um seinen Lebensunterhalt kümmern. 1939 wurde er als Kavallerist in den Kriegsdienst eingezogen und überlebte die Schlacht an der Meuse 1940.

Die Strasse von Flandern soll im äussersten Nordosten Frankreichs sein, auf welcher Simons Schwadron in einen Hinterhalt geriet. Simon wurde gefangen genommen und in das Kriegsgefangenenlager Stalag in der Nähe von Dresden deportiert. Später gelang ihm bei Bordeaux die Flucht. In der Folge schrieb und veröffentlichte Simon mehrere Romane, von denen er sich aber in der Folge als Lehrlingsarbeiten distanzierte. 1956 lernte er Alain Robbe-Grillet kennen, der für die «Editions de Minuit» arbeitete, die Keimzelle des «Nouveau Roman». 1960 veröffentlichte Simon «La Route des Flandres» in diesem Verlag.

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