Kolumne

«Max liest»: Wie der Schweizer Medizinmann zum Barthaar des Jaguars kam

Unser Autor Max Rüdlinger schreibt diese Woche über die erstaunlichen Abenteuer des Paläontologen Martin Prechtel.

Max Rüdlinger
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Max RüdlingerBild: CH Media

Max Rüdlinger
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Der mächtigste Schamane in Santiago de Atitlán im Hochland von Guatemala war ein Tz’utujil namens Nicolas Chiviliu. Als der in New Mexico in einem Reservat – als Sohn einer indianischen Kanadierin und eines schweizerischen Paläontologen – geborene Martin Prechtel ihm über den Weg lief, soll ihn Nicolas Chiviliu angeherrscht haben, wieso er so lange gebraucht habe. Schon seit zwei Jahren rufe er nach ihm.

Im Buch «Geheimnisse des Jaguars» beschreibt Prechtel seine Lehr- und Wanderjahre. Seine Einweihung habe Jahre in Anspruch genommen. Prechtel lernte auch die Tz’utujil-Klack- und-Knack-Sprache. Da er sie von Frauen gelernt habe, sei es zu Heiterkeitsausbrüchen gekommen, wenn er sein Maul aufgemacht habe, da bei den Tz’utujil Männer und Frauen nicht die gleiche Sprache sprechen. Wo tun sie das schon?!

Zu den Aufgaben, die der Schamane seinem Lehrling stellte, gehörte es, von diesem oder jenem Tier ein Barthaar, eine Schwanzfeder zurückzubringen. Eines Tages hatte Prechtel ein von den Arbeitern einer Bergwerksgesellschaft entweihtes Heiligtum einer Gottheit instandzustellen. Nachdem er die Arbeit beendet hatte, brach die Nachmittagssonne durch den Nebel und badete das Heiligtum in Licht. Voller Bewunderung und Euphorie sei er aufgestanden, als er gespürt habe, wie eine warme Flüssigkeit seine Waden hinuntergelaufen sei. Ein Gestank sei in die Luft gestochen. Er habe sich umgedreht, und neben ihm sei ein grosses altes Jaguarweibchen gestanden und habe sein Bein bespritzt, als sei er ein Baum. Da habe er in sich zwischen Mensch und Tier gefunden, ein strahlendes Bewusstsein, weder Furcht noch Mut. Er habe nach unten gegriffen und dem Tier mit einer kräftigen Bewegung ein langes weisses Schnauzhaar ausgerissen. Das Jaguarweibchen habe gehustet und gemurrt, den Kopf schief gelegt, einen Eckzahn entblösst und sei dann ins Dickicht davongetrottet.

Zitternd sei er mit dem Barthaar dortgestanden. Wenn der Gott dieses Heiligtums die Götterwelt verlasse, wusste Prechtel, tue er es in Gestalt eines Jaguars. Und nun hatte er dessen Barthaar! Prechtel war auch bildender Künstler, und auf Anregung seines Meisters wandte er sich wieder diesem Metier zu. Alsbald hatte Prechtel in seinem Atelier alle Ruheständler, alte Knaben des Dorfes, hinter sich, die mit Ratschlägen nicht zurückhielten: «Meinst du nicht, da muss mehr Rot auf die Sonne?» oder «Sollten nicht die Zähne grösser sein?»

Was die Alten nicht ausstehen konnten, war, wenn Prechtels Figuren keine rechten Augenbrauen hatten. Die Sache lief aus dem Ruder, als die Kerle von Prechtel verlangten, ein Hirsch oder ein Pferd müsse Augenbrauen haben. Als der Maler monierte, Hirsche hätten keine Augenbrauen und Pferde auch nicht, entgegneten die Dorfoberen: «Aber meinst du nicht, dass sie gern welche hätten, damit sie uns besser sehen können?» Als Chiviliu starb, wurde Prechtel dessen Nachfolger und Medizinmann von annähernd 30 000 Menschen.

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