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MEHR RANFT: Sinnliche Begegnung mit Bruder Klaus

Regisseur Geri Dillier bündelt alle Stärken der Obwaldner Laientheaterszene, um Bruder Klaus für Augen und Ohren erfahrbar zu machen. Gerade weil das Visionsgedenkspiel sinnliches Erleben vor Erklärungen stellt, macht es nachhaltig Eindruck.
Mit starken Bildern statt Geschwätzigkeit vermittelt die Inszenierung Zugänge zu Bruder Klaus. (Bild: Roger Grütter (16. August 2017))

Mit starken Bildern statt Geschwätzigkeit vermittelt die Inszenierung Zugänge zu Bruder Klaus. (Bild: Roger Grütter (16. August 2017))

Romano Cuonz
kultur@luzernerzeitung.ch

Hunderte erwartungsvolle Leute gehen auf einem schmalen Kiesweg bergan – eher ruhig und nachdenklich die einen, überwältigt vom einzigartigen Blick hinunter zum Sarnersee, hinauf zum Flüeli-Ranft und hinüber auf den Pilatus die andern.

Ziel der Besucher ist ein eigens für das Visionsgedenkspiel errichteter Holzpavillon mitten auf der idyllischen Sachsler Allmend. Nach und nach wird klar: Das Theatererlebnis mit dem Titel «Vo innä uisä» hat bereits begonnen. Gewaltig und still. In dieser Landschaft, die Bruder Klaus geprägt hat.

Ein Stück, das Dimensionen sprengt

Initiative Obwaldner – allen voran Ludwig Krummenacher und Peter Lienert – hatten die Idee, das Gedenkjahr «600 Jahre Niklaus von Flüe» auch szenisch zu bereichern. Dem Mystiker und Heiligen Niklaus von Flüe, zu dem schon so viel gesagt, geschrieben und gezeigt wurde, konnten sie nur mit einem ganz neuen Stück gerecht werden. Einem, das fast alle bisherigen Dimensionen eines Laientheaters sprengt.

Der Aufwand (mit nahezu einem Millionenbudget) ist denn auch riesig. Doch die Uraufführung am Samstag bewies es auf eindrückliche Weise: Er zahlt sich aus. Das spartenübergreifende Kunstwerk in Ton, Bild und Wort begeistert das Publikum. Nicht zuletzt weil es ihm erlaubt, sich dem rätselhaften Mystiker, der so viele Geheimnisse in sich birgt, emotional zu nähern. Im schlichten Pavillon aus heimischem Holz wird die Innenwelt des Visionärs spürbar: sinnlich und mit szenischer Stille statt grosser Geschwätzigkeit – in bewusstem Gegensatz zu zahllosen Informationen und oft unbeholfenen Erklärungen über Bruder Klaus.

Pilgervision als starker Mittelpunkt

Das künstlerische Konzept hat der Sachsler Geri Dillier entworfen. Mit kluger Regiearbeit, akribisch auf jedes theaterhandwerkliche Detail achtend, leitet er hier ein grosses Gemeinschaftskunstwerk. In den Mittelpunkt der Aufführung stellt Dillier – ideenreich, bild- und tonstark – die Pilger­vision (gelesen von Hanspeter Müller-Drossaart). Sie erzählt, wie ein unbekannter Pilger plötzlich vor Bruder Klaus steht. Überliefert sind dazu Worte des Mystikers: «Als er anfing zu singen, füllte die Stimme die Gegend, und das Erdreich und alles, was zwischen Himmel und Erde war, füllte die Stimme, wie es die kleinen Orgeln den grossen tun.»

Der Videokünstlerin Judith Albert gelingt es grossartig, mit ihren kunstvoll bewegten, farbigen Bildwelten den Zuschauern Räume zu öffnen. Ihnen Impulse zu eigenem Nachdenken zu geben. Eher Einstiegs- und Annäherungsmöglichkeiten als Theater im herkömmlichen Sinn sind die lose aneinandergefügten Szenen, die Autor Paul Steinmann verfasst hat. 20 Spielerinnen und Spieler – eine Auslese bester Laiendarsteller aus Obwaldens Theatervereinen – agieren auf der Bühne. Bruder Klaus sei eben gestorben, erfährt man.

Nun, da er tot ist, reden sie über ihn: Sein ältester Sohn und der Jugendfreund Erni genauso wie Pfarrer Ysner oder der korrupte, in den «Möttelihandel» verwickelte Landammann. Auch Frauen im Dorf machen sich ihre Gedanken, derweil ein Walliser Agent «rauhbolzige» Obwaldner Jugendliche als Söldner anwirbt. Die Quintessenz zieht Kaplan Bachtaler in seinem Monolog: «Unten im Ranft habe ich viel vernommen, was man nicht aufschreiben kann, wo es keine Sprache dafür gibt, keine Worte. Ist es darum weniger wert? Weniger wahr?»

Chorgesang als Tüpfelchen auf dem i

Dass dieses Spiel beim Zuschauer einen tiefen, ja bleibenden Eindruck hinterlässt, verdankt es ganz stark auch der Musik, namentlich dem Auftritt eines Theaterchors – fast ein wenig nach «griechisch-antikem» Vorbild. 19 Sängerinnen und Sänger, bald in dunklen, bald in schimmernden Kostümen, führen das Publikum wortwörtlich in eine andere, eine mystische Welt: Mit wunderschön feinen Liedern wie «Gangä» oder «Vo innä uisä». Oder sie erzeugen bei einem mit dem rhythmisch aggressiven «Söldnerlied» Gänsehautstimmung. Komponiert hat all die Lieder und Toncollagen Jul Dillier, der auch den Chor leitete. Zweifelsohne das frühe Meisterstück eines noch jungen Musikers.

Am Ende des Stücks verlässt der Zuschauer den Pavillon. Hat die Landschaft mit beleuchteten Stadeln und Kapellen vor sich. Und da bleibt ihm noch viel Platz fürs Nachdenken.

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