«Mein lieber Beethoven...»: Unser Autor schreibt dem Genie, dessen Jubiläum wir wegen Corona zu wenig feiern

«Mein lieber Beethoven...»: Unser Autor schreibt dem Genie, dessen Jubiläum wir wegen Corona zu wenig feiern

Mein lieber Beethoven, das ist ein Hilferuf, wir brauchen Sie! Stellen Sie Ihre Bouteille Rüdesheimer auf die Wolke neben Ihnen, und hören Sie mir zu. Ich bin Christian, darf ich Ludwig sagen? Wir zwei müssen eine Video-Sitzung abhalten. Ich will dir erklären, was das Virus, das der Welt den Atem nimmt, mit dir zu tun hat. Aber zuerst einmal: Prosit!

Christian Berzins
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Keine Angst, Ludwig, es geht mir nicht darum, zu sehen, welche Frau da links auf dem Foto zu sehen ist, lassen wir die «unsterbliche Geliebte» dein Geheimnis sein. Und wegen deines Ohrenleidens sehen wir von einer Zoom-Videokonferenz ab. Ich schreibe – du redest, okay? Nun denn, lies gut zu.

Wie geht es dir? Oben auf Wolke 7 über dem Sternenzelt alles in Ordnung? Man hört ja einiges. Mozart sei daran, sein «Requiem» zu vollenden? Er lässt Karajan die Erstaufführung dirigieren?! Und ist es wirklich wahr, dass Wagner einen «Parsifal II» mit dem Untertitel «Erlösung war gestern» geschrieben hat, aber eine Uraufführung nur zulässt, wenn der Schöpfer höchstpersönlich das Himmelweihspiel dirigiert?

Sorgen habt ihr … Wie es hier unten aussieht, wisst ihr wahrscheinlich nicht. Merkur, Gabriel oder die Donnervögel liegen auf ihrer faulen Haut. Ich sage dir aber, Beethoven, man fühlt sich wie in einer Erzählung von Maxim Gorki: Die Menschen haben sich daran gewöhnt, dass das Leben sie mit stets gleichbleibender Kraft niederdrückt, sie erwarten keine Wendung zum Besseren und glauben, Veränderungen könnten nur den auf ihnen lastenden Druck vermehren.

Es ist Beethoven-Jahr, und keiner geht hin

Dein 250. Geburtstag steht am 16. Dezember an (nebenbei: Könntest du mir sagen, dass es tatsächlich der 16. Dezember war? Wir wissen ja «nur», dass du am 17. Dezember getauft wurdest). Wo auch immer ein verstimmter Flügel steht oder eine Handvoll Dorfmusikanten herumtorkelt, ob in Scheunen oder himmelszeltschönen Konzertsälen, überall spielt man 2020 deine Musik. Denkst du jedenfalls.

Es ist Beethovens Jubiläumsjahr, und keiner gebührend feiern. Schlecht für uns, noch schlechter für ihn.

Es ist Beethovens Jubiläumsjahr, und keiner gebührend feiern. Schlecht für uns, noch schlechter für ihn.

Nun hält ein Virus die Welt im Schach, totenstill ist es in jedem Konzertsaal. Noch weiss keiner, wann wir wieder eine Sinfonie von dir öffentlich spielen. «Wo ist Ludwig?», fragte das Musikdorf Ernen visionär schon im Winter im Vorprogramm für Sommer 2020! Und wir brüllen es in jeden Konzertsaal hinein: «WO IST LUDWIG?»

Es ist Beethoven-Jahr, und keiner geht hin. Und ich sage dir: Die Leute drehen auch durch. Mittlerweile wird deine Musik verhunzt, wird dein Klavierstück a-Moll (WoO 59), «Für Elise», mit extragrossem Notenabstand gespielt, da sich nicht mehr nur die Menschen, sondern auch die Töne nicht mehr nahekommen dürfen. Der berüchtigte Halbtonschritt E-Dis zu Beginn ist jetzt verboten. Ein vermeintlich origineller Musikwissenschafter hat jedem Ton zum nächsten einen Abstand von mindestens einer kleinen Terz zum nächsten versetzt. Es entspreche den von der deutschen Regierung vorgegebenen 1,5 Metern.

Ludwig, verstehst du, die Lage ist ernst: Du wirst von Anhängern des Neo-Konzeptualismus vereinnahmt, du verkommst zum Fake!

Dein Held Egmont sprach einst durch Goethe und dich: 

«Ich sterbe für die Freiheit, für die ich lebte und focht und der ich mich jetzt leidend opfere.»

Schön und recht, Beethoven. Du hast Egmont dann aber triumphal sterben, die Freiheit in Tönen siegen lassen. Das haben wir in besseren Zeiten alle mehr oder weniger begriffen. Jetzt wären wir schon froh, wir könnten wieder einmal deine Chorfantasie hören und leben: «Nehmt denn hin, ihr schönen Seelen, Froh die Gaben schöner Kunst. /Wenn sich Lieb’ und Kraft vermählen, lohnt den Menschen Göttergunst.»

Versteh’ mich richtig: Ich meine es gut mit dir. «Ein wundes Herz wird weich und schmeichelt», spottest du? Seis drum, rede schlecht von mir. Mir geht es aber um zu viel – nicht zuletzt um dich. Soll ich hier erzählen, dass deine letzten Worte «Schade! – Schade! – zu spät!!» waren und es um eine verspätete Weinlieferung ging?

Du hast einmal ins Tagebuch geschrieben:

«Gib mir Kraft, mich zu besiegen, mich darf ja nichts an das Leben fesseln.»

Heute, wo dein irdisches Leben längst vorbei ist, du keine Fesseln trägst, schau, dass wir Erdendasein-Verfluchte sie auch abwerfen können. Hilf uns, das Virus zu besiegen, damit wir dich wieder spielen und frei hören können.

Ich bitte dich, Ludwig, der mit Tönen alle Menschen zu Brüdern machen konnte: Hilf der Welt. Oder irgendwer sonst von da oben. Du, der vom Finger Gottes berührt wurde, der Götterliebling, der Olympier höchstselbst wird doch Einfluss haben! Wenn sich die Hauptverantwortlichen zusammentun, sollte doch ein Wunder möglich sein! Es müssen keine Toten erweckt, aber uns Erd-Lemuren wenigstens ein Impfstoff geschenkt werden. Versprich den echten Göttern als Dank eine feierliche Kantate – einfach ohne infektiöse Schiller-Verse wie «Diesen Kuss der ganzen Welt», okay?

Denk mal an früher! Da hast du mit Titanenwillen dem Schicksal in den Rachen gegriffen, liesst dich nicht niederbeugen und stattdessen alle deine Geisteskraft in vier Tönen donnern, besiegtest deine Todessehnsucht mit der 5. Sinfonie: ta-ta-ta-taaaaaaaaaa. Die Welt war gerettet.

Meintest du jedenfalls! Diktatoren, gegen die dein Napoleon ein Internatsschüler war, nahmen sich deiner Musik an. Die Welt lag 1944 in Trümmern, Deine Sinfonien aber wurden gespielt. Zum Fremdschämen war das, Beethoven!

Aber jetzt bist auch du am Arsch –fertig ta-ta-ta-taaaaaaaaaa. Wir hören nichts mehr, nichts von «mitbeteiligt mitgeheiligt», wie es Hugo von Hofmannsthal aussprach: «ER wäre nicht, wenn wir ihn nicht erlitten», sagt der Dichter.

Verstehst du? Du bist ohne uns Hörer nichts, Ludwig. Aber wir leiden zurzeit auch ohne dich. Und deswegen will ich dir helfen. Und du mir, denn die Welt hat von dir noch etwas zugute. Fern von Pathosrauch, okay?

Das Beethoven-Jahr ist deine letzte Chance, Ludwig

Rette uns, und du rettest dich. Denn dank der Wiederaufnahme des Beethoven-Jahrs könntest du es schaffen, deinen 1787 eingefangenen Mozart-Komplex abzulegen. War das ein Schaudern, als am 27. Januar 2006 vor und nach den Galakonzerten, in Salzburg zu seinem 250., alle Glocken läuteten, als sei Ostern und Weihnachten zusammengefallen.

An deinem runden Geburtstag, Ludwig, müssen wir wahrscheinlich in einem Bonner Altersheim sitzen, um von irgendeinem Musiker eines subventionierten Orchesters einen Mödlinger Tanz von dir zu hören.

Du entgegnest, dass dein Ruhm genug gross ist, dass du mit 78 600 000 Google-Einträgen mehr Erwähnungen hast als Bach, Verdi und Wagner zusammen. Aber wo steht Mozart? An seine 97 500 000 kommst du nie mehr heran. «Warten wir bis 2027, meinem 200. Todestag», sagst du? Viel Spass, bis dahin wird hier unten von den U50 keiner mehr wissen, wer «Ta-ta-ta-taaaaaaaa» komponiert hat. Das Beethoven-Jahr wäre deine letzte Chance gewesen. Jetzt ist es fast vorbei: Die Beilagen sind geschrieben, die Bücher erschienen, keiner spielt deine Werke.

«Die Kunst, die Verfolgte, findet überall einen Freistaat, Dädalus, eingeschlossen im Labyrinth, erfand die Flügel, die ihn oben hinaus in die Luft emporgehoben. Oh, auch ich werde sie finden, diese Flügel», schriebst du 1812 an einen Freund. Schenk uns jetzt diese Flügel, hilf uns!

Was mit der Beethoven-Totale BTHVN der Deutschen Grammophon und Decca sei, fragst du? «118 CD, 3 Blu-Ray, 2 DVD!» Schön und gut, aber deine Musik, das weisst du, schreit nach der Gemeinschaft, nach dem rauschhaften Erlebnis im Saal: Dein «Freude, schöner Götterfunken» soll spätestens zum Jahresausklang wieder überall gespielt werden und den Trübsinn über den Haufen jubeln.

Halte dich jetzt nochmals kurz fest, Beethoven – oder schenk dir noch ein Glas Rüdesheimer ein. Stell dir vor, für nicht wenige Musikjournalisten war das Beethoven-Jahr ein Graus, sie wünschten sich noch im Dezember 2019 das aktuelle Nichts: Wenn ein Jahr lang kein Beethoven gespielt würde, würdest du wieder erlebbar werden. Dagegen müssen wir ankämpfen, Ludwig! Sollen diese Leute doch ein Jahr lang nicht lieben, ein Jahr lang schweigen, ein Jahr lang keinen Weissen Trüffel essen: Wir anderen, wir möchten deinen 250. Geburtstag aber so ausgelassen feiern, als hätte Bacchus seinen 5000.

Mach’s gut, Ludwig, denk an uns!

Dein Christian Berzins

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