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Wie das Vorlesen wirkt: In der Fabrik, in der Ehe, im Kloster

Nicht nur am Kinderbett wird vorgelesen. Drei Episoden aus zwei Jahrtausenden zeigen: Vorlesen macht Fabrikarbeiter zu Literaturfans, kann zu einer Belastung für eine Ehe führen und zwingt Mönche zum Schweigen.
Hansruedi Kugler

Mein Name: «Montecristo»

In der Zigarrenfabrik
Hansruedi Kugler
Handgerollte kubanische Zigarren. «Montecristo» gehören zu den qualitativ hochwertigen und teuren unter ihnen. (Bild: Getty)

Handgerollte kubanische Zigarren. «Montecristo» gehören zu den qualitativ hochwertigen und teuren unter ihnen. (Bild: Getty)

Ihren Namen verdankt die beliebteste kubanische Zigarre einem französischen Abenteuerroman aus dem Jahr 1846: «Der Graf von Monte Christo» von Alexandre Dumas. Dieser Roman gehörte zu den Lieblingsbüchern der kubanischen Zigarrenwickler (Torcedores). Die Zigarrenmarke «Montecristo», von der jährlich 25 Millionen Stück verkauft werden, ist ab 1935 gebräuchlich. Eine Legende besagt, dass eine Gruppe von Torcedores 1870 den Autor Dumas noch um Erlaubnis baten, den Titelhelden zur Zigarrenmarke zu machen. Eine Ehre, die Dumas gewährt habe. Verbürgt ist, dass der Dichter und Zigarrenwickler Saturnino Martinez im Jahr 1866 begann, Fabrikarbeitern während der Arbeit aus einer selbst hergestellten Zeitung vorzulesen. Arbeiterbildung war sein Ziel. Die Fabrikbesitzer machten mit und das Vorlesen wurde in kurzer Zeit so beliebt, dass es auf Romane ausgedehnt wurde. Anfänglich wurde ein Arbeiter zum Vorleser bestimmt, der nicht vom Fabrikanten, sondern von seinen Arbeitskollegen bezahlt wurde.

Literatur als Beziehungsprobe

In der Ehe
Hansruedi Kugler
Gähnt die Gattin, wenn der Schriftsteller vorliest, so muss das nicht das Ende der Ehe ankündigen, meinte Hugo von Hofmannsthal. Bild: Getty

Gähnt die Gattin, wenn der Schriftsteller vorliest, so muss das nicht das Ende der Ehe ankündigen, meinte Hugo von Hofmannsthal. Bild: Getty

«Eine Ehe besteht nicht darin, dass man alles miteinander teilt.» Der Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal scheint diesen Satz nicht mal ironisch gemeint zu haben: «Wenn ich etwas vorlas, so ging sie aus dem Zimmer, und heute noch kann sie das Vorlesen nicht leiden, und alles ist gut so, wie es ist.» Gemeint hatte er seine Ehefrau Gerty, mit der er bis zum Tod zusammenblieb. «Ich habe nie darüber gedacht, ob sie sich auch für Gespräche interessiert, die ich mit meinen Freunden führe.» Eine aus heutiger Sicht merkwürdige, scharfe Trennung zwischen intellektuellem und sozialem Leben. Der Aufklärer Denis Diderot hingegen sah das Vorlesen als Erziehung seiner Frau an. Mit dem erzwungenen Vorlesen von spöttischen Romanen wollte er deren Bigotterie austreiben, beschrieb er 1781. Sie habe bis anhin nur gelesen, was «zu ihrer geistigen Erbauung diente». Das scheint ihn, den Aufklärer und Geniesser Diderot, gelangweilt und geärgert zu haben. Deshalb entwarf er ein Programm mit mehreren hundert Büchern.

Zuhören, essen, schweigen

Im Kloster
Hansruedi Kugler
Benediktinermönche essen im Kloster in Silver City schweigend und hören dem Vorleser zu. Bild: imago

Benediktinermönche essen im Kloster in Silver City schweigend und hören dem Vorleser zu. Bild: imago

«Und es soll die grösste Stille herrschen bei Tisch, so dass kein Flüstern und kein Laut vernehmbar ist ausser der Stimme des Vorlesers.» So steht es im Artikel 38 des Regelwerks des heiligen Benedictus von Nursia, dem Ordensgründer aus dem 6. Jahrhundert. Das Schweigen bei Tisch sollte nicht nur die Konzentration auf den gelesenen Text fördern. Unerwünscht waren auch Publikumsreaktionen. Impulsive Kommentare wurden so im Keim erstickt, auch «damit es keine Gelegenheit zum Unfrieden gibt». Schliesslich ist das Lesen ein heiliger Akt der Erbauung, der zuvor Gottes Segen bedarf. «Herr, öffne meine Lippen, damit mein Mund dein Lob verkünde», lautet die Bitte des Vorlesers. Mitbestimmung bei der Buchauswahl gab es nicht. Der Klostervorstand bestimmte, was gelesen wird, «doch keiner möge es wagen, aufs Geratewohl zum Buch zu greifen und mit dem Lesen anzufangen». Jeweils für eine Woche wurde ein Klosterbruder als Vorleser bestimmt, der zu allen Mahlzeiten diesen «Dienst» tue. Die Tradition wird noch heute beibehalten.

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