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MEINE MEINUNG: Begrabt endlich die «Nazi-Keule»!

Das Theaterstück «Die 120 Tage von Sodom» des Regisseurs Milo Rau stimmt nachdenklich. Ein Kommentar.
Livio Brandenberg
Livio Brandenberg, Journalist der Luzerner Zeitung. (Bild: Dominik Wunderli/LZ)

Livio Brandenberg, Journalist der Luzerner Zeitung. (Bild: Dominik Wunderli/LZ)

Letzte Woche las ich in unserer Zeitung eine Rezension des Theaterstücks «Die 120 Tage von Sodom», das im Zürcher Schauspielhaus angelaufen ist (hier gehts zum Artikel). Das Stück basiert auf dem gleichnamigen Film des italienischen Regisseurs Pasolini aus dem Jahr 1975. Darin geht es um eine Handvoll italienische Nazis, die sich angesichts des drohenden Untergangs ihres Regimes auf einem Anwesen nahe des Gardasees verschanzen, wo sie junge Männer und Frauen gefangen halten und diese missbrauchen, foltern und am Ende ermorden.

In der Besprechung der Neuauflage dieses Horrors auf der Theaterbühne werden Erscheinungen der heutigen Gesellschaft auf die gleiche Ebene gestellt wie die damaligen Sichtweisen und Handlungen der Nazis. Eine Erklärung oder konkrete Beispiele dafür, was die heutige, «verlogene», offenbar faschistische Gesellschaft zu einer solchen macht, bleiben aus. Beansprucht wird aber das Wissen um die einzige, «real existierende Wahrheit».

Es fällt mir schwer, solche Sätze unwidersprochen zu lassen. Mir ist bewusst, dass der moralische Mahnfinger – gerade in Kulturkreisen – auf Missstände und Elend zeigt, vielleicht zeigen muss, um die Menschheit an bestehende Ungerechtigkeiten zu erinnern. Und dass es Elend gibt auf der Welt, ist unbestritten. Doch muss ich mir als Mitglied der heutigen Gesellschaft zum abertausendsten Mal das Hakenkreuz umhängen lassen? Bewege ich mich wirklich in einer Gesellschaft, die für Dinge steht, die den monströsen Gräueltaten der Faschisten laut dem Rezensenten «in kaum etwas» nachstehen?

Meine Antwort lautet Nein. Man darf die heutige Gesellschaft für ihre Verfehlungen scharf kritisieren. Aber die Nazi-Beschimpfung ist falsch und unangebracht. Gerade in der oft gegeisselten westlichen Welt sind wir meilenweit davon entfernt, ähnliche Unmenschlichkeiten zu begehen wie die Schergen Hitlers. Wer denkt heute ernsthaft über Blutgesetze oder Massenhinrichtungen nach? Doch es ist schwierig, mit Gegenargumenten zu kontern, wenn im Angriff Argumente gar nicht erst genannt werden. Wie erwähnt: Wo und wie genau die heutige Gesellschaft «im Schlepptau von Populisten» – ich vermute, gemeint sind hier unter anderem Donald Trump oder die SVP – faschistische Dinge verübt, welche den perversen, mörderischen Auswüchsen des Dritten Reiches gleichkommen, wird nicht klar. Und genau hier liegt das Problem der «Nazi-Keule». Man stellt Personen, Staaten oder gleich die ganze westliche Gesellschaft pauschal in die braune Ecke, wo sie nur schwerlich wieder rauskommen.

Die «Nazi-Keule» hat in der Schweiz Tradition, geschwungen wird sie links wie rechts: Christoph Blocher, die ehemalige Zürcher SP-Stadträtin Ursula Koch, ihr Parteivorsitzender Christian Levrat und BDP-Präsident Martin Landolt taten es schon. Auch der damalige Präsident der FDP, Franz Steinegger, liess sich zu Nazi-Vergleichen hinreissen, um die in den 90er-Jahren aufkommende, polternde SVP in die Schranken zu weisen.

Mögen Nazi-Vergleiche noch so unbeholfene Abdriftungen sein, quasi Krümmungen des moralischen Zeigefingers, haben sie meistens ein gemeinsames Ziel: auf schlimme Zustände hinzuweisen. Der Regisseur von «Die 120 Tage von Sodom», der Berner Milo Rau, sieht die Gründe für eine Verrohung der öffentlichen Rhetorik darin, dass Ängste der Bevölkerung von der Politik in den letzten Jahren nicht genug beachtet wurden. Tatsächlich sind Politiker, aber auch Kulturschaffende und -kritiker gut beraten, sich dieser Blindheit zu entledigen, den Leuten besser zuzuhören, aber auch endlich die «Nazi-Keule» zu begraben.

Livio Brandenberg

livio.brandenberg@luzernerzeitung.ch

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