Dirigent Iván Fischer am Osterfestival: «Meine Religion ist die Kultur»

Der Ungare Iván Fischer dirigiert am geistlichen Festival weltlich-konzertante Werke von Mozart und Bartók. Er spricht mit uns über jüdische Identität, die humanitäre Rolle der Kultur und eine Lösung für die neue Musik im 21. Jahrhundert.

Interview: Urs Mattenberger
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Friedliche Alternative zur Politik: der ungarische Dirigent Iván Fischer (68). (Bild: Akos Stiller/PD)

Friedliche Alternative zur Politik: der ungarische Dirigent Iván Fischer (68). (Bild: Akos Stiller/PD)

Iván Fischer, in Ungarn geben Sie Konzerte in Synagogen, aber am Osterfestival dirigieren Sie ein weltliches Programm. Weil Sie eine starke jüdische Identität haben, aber zur dritten Generation ohne Religion in der Familie gehören, wie Sie selber sagen?

Meine Religion ist die Kultur. Es ist eine Glaubensangelegenheit, weil ich fest daran glaube, dass Musik Gutes tut. Dieses Glauben habe ich meiner Familie zu verdanken. Sie haben im 19. Jahrhundert aufgehört, ein frommes, religiöses, jüdisches Leben zu führen. Stattdessen haben sie die Kultur als Idol gewählt, ihre Götter wurden Goethe, Mozart und Beethoven. So bin ich aufgewachsen. Es ist ein schönes Erbe.

Was bedeutet Ihnen diese jüdische Identität ohne Religion – und ohne Gott?

Die jüdische Identität ist komplex, neben der Religion gibt es die neugierige Mentalität, der in jeder Situation anwesende Humor, die starke Verbundenheit mit der Familie, die Diskussionslust und so weiter. Die jüdische Tradition bleibt in einigen Generationen noch erhalten, auch wenn sie nicht mehr die Religion praktizieren. Und die Kultur ermöglicht es, die Adoration weiter zu empfinden, die man früher in der Religion fühlte.

Obwohl Ministerpräsident Orban eine Nulltoleranz gegenüber dem Antisemitismus deklariert hat, nimmt dieser in Ungarn zu. Wie erleben Sie die politische Lage im Land?

Antisemitismus spielt keine wichtige Rolle jetzt in Ungarn. Überall nimmt es etwas zu, aber der Hass richtet sich in Ungarn nicht gegen die Juden, sondern gegen die Flüchtlinge. Das beobachte ich nicht gerne, weil ich immer auf der Seite der Gefährdeten stehe. Auch diese humanistische Haltung war eine starke Familientradition bei uns.

Der Pianist András Schiff tritt aus Protest gegen diese Entwicklung nicht mehr in Ungarn auf. Können Sie im Land selber mit Ihrem Budapest Festival Orchester politische Zeichen setzen?

Politik ist nicht unser Beruf. Wir setzen allgemeine Zeichen der Menschlichkeit, Toleranz und Schönheit. Die Kunst und vor allem die Musik, die keine Sprachgrenzen kennt, hat eine enorm wichtige Funktion in der aktuellen angespannten Lage. Europa hat eine sehr lange friedliche Periode geniessen können, aber viele Leute scheinen das jetzt zu vergessen. Spannungen treten auf, die leicht entflammen können. Wir bieten die friedliche Alternative.

Mit dem Budapest Festival Orchester experimentieren Sie mit neuen, publikumsnahen Konzertformaten. Für den Auftritt am Lucerne Festival, das im Sommer solche Formen bietet, hätte Sie das nicht interessiert?

Nein, weil ich ein traditionelles Konzert auch sehr schön finde. Die innovativen Konzertformate, die ich eingeführt habe, dienen dazu, neue, vor allem junge Leute für die Musik zu gewinnen. Das war und ist ein Riesenerfolg, unser Publikum wächst und verjüngt sich. Aber das traditionelle Publikum muss auch bedient werden.

Mit Mozart und Bartók kombinieren Sie in Luzern Komponisten, die man nicht in einem Atemzug nennen würde. Was verbindet diese Werke und Komponisten?

Ich schlage Ihnen vor, ein sehr schönes Buch von Ferenc Fricsay zu lesen. Fricsay war ein wunderbarer ungarischer Dirigent, einer meinen Vorbilder. Das Buch heisst «Über Mozart und Bartók». Er beschreibt die Parallelen sehr schön. Ich möchte das nicht in zwei Sätzen zusammenfassen, weil Sie und Ihre Leser dann das Buch vielleicht nicht lesen werden. Sie können es aber auch so auffassen, dass diese Programmierung eine Hommage an Ferenc Fricsay ist.

Sie haben sich kritisch über den Sprachverlust der modernen Musik nach 1945 geäussert. Ist Bartók, für den die Volksmusik Osteuropas der Ausgangspunkt für eine «musikalische Wiedergeburt» war, ein Urahne für eine neue Musik, die wieder verständlich sein will?

Ja, vielleicht. Bartók hat aber seine eigene Musiksprache, die nur begrenzt mit der Volksmusik zu tun hat. Die Volksmusik hat ihm ermöglicht, ganz neue Wege zu finden. Bei Strawinsky ging es ähnlich, er hat auch viele russische Wurzeln gefunden. Aber beide grossen Komponisten haben sich dann von diesen Wurzeln entfernen können. Beide haben neue Quellen gefunden und diese in die Kunstmusik ­sublimiert. Schon Bach hatte ­Luther’sche Lieder bearbeitet, für ihn war das eine hochwichtige Quelle. Die Volksmusik ist deshalb nicht die Lösung, das wäre zu kurz gegriffen.

Worin könnte denn die ­Lösung für die Musik des ­ 21. Jahrhunderts liegen?

Die Frage des 21. Jahrhunderts ist eine andere. Nach dem turbulenten 20. Jahrhundert wird die Menschheit hoffentlich wieder die Schönheit wählen und zulassen. Und das wird sich in der Musik widerspiegeln.

Samstag, 13. April, 18.30, Konzertsaal KKL: Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Werke von Mozart und Bartók (Violinkonzert Nr. 1 mit Janine Jansen). www.lucernefestival.ch