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Meistergattinnen und «Bauhausmädels»

Viele am Bauhaus ausgebildete Fotografinnen, Textil- und Metallgestalterinnen revolutionierten das internationale Industriedesign. Sie wollten die «Kathedrale für den neuen Menschen» mitgestalten – doch wurden sie verdrängt und vergessen.
Bettina Kugler
Stölzl, Gunta (eigentl. Adelgunde).Weberin und Textildesignerin; Meisterin der Weberei-Klasse am Bauhaus Dessau;München 5.3.1897 – Männedorf 22.4.1983.Gruppenfoto der Weberei-Klasse von Gunta Stölzl; Stölzl mit Krawatte neben dem Werkmeister A.Albers. (Bild: AKG)

Stölzl, Gunta (eigentl. Adelgunde).Weberin und Textildesignerin; Meisterin der Weberei-Klasse am Bauhaus Dessau;München 5.3.1897 – Männedorf 22.4.1983.Gruppenfoto der Weberei-Klasse von Gunta Stölzl; Stölzl mit Krawatte neben dem Werkmeister A.Albers. (Bild: AKG)

Der Erfolg seines Bauplans für eine moderne, fortschrittliche Gesellschaft beim «schönen Geschlecht» muss Bauhaus-Gründer Walter Gropius geradezu überrumpelt haben. Als die Schule, erstmals zugänglich für jede «unbescholtene Person ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht», 1919 in Weimar den Betrieb ihrer künstlerischen Vorkurse und Werkstätten aufnimmt, sind Frauen jedenfalls in der Überzahl. 84 mehrheitlich junge Damen, aber auch einige bestandene, schon gut ausgebildete Kunsthandwerkerinnen haben sich eingeschrieben. Wie ihre 79 männlichen Kommilitonen sind sie begeistert von Gropius’ utopischem Programm, eine «neue Kathedrale für neue Menschen» zu bauen – auf Grundlage einer ganzheitlichen Sicht auf Architektur, Raumgestaltung, Bildhauerei, auf Metall- und Textilgestaltung, Farbe und Form. Doch Gropius und seine Mitstreiter bekommen schnell Angst vor der eigenen Courage.

Zwar haben Frauen in der noch jungen Weimarer Republik neuerdings das Recht, an Wahlen teilzunehmen. In den Köpfen leben Geschlechterklischees und patriarchale Vorstellungen allerdings weiter, auch unter den Enthusiasten der Moderne. Und so teilt Gropius den im Meisterrat vertretenen Bauhauslehrern bereits ein Jahr später, 1920, in geschwollener Förmlichkeit mit: «Das Zahlenverhältnis der Studierenden männlichen und weiblichen Geschlechts ist ein ­derartiges, dass ohne Zweifel mit der Aufnahme von Damen zurückgehalten werden muss. (...) Ich schlage daher vor, bei den Aufnahmen für absehbare Zeit ­Damen nur mit ganz ausserordentlicher Begabung aufnehmen zu wollen.»

Zuvor gab es für Frauen nur die Kunstgewerbeschulen

Immerhin gab es davon eine grosse Zahl; insgesamt 462 Frauen studierten zwischen 1919 und 1933 am Staatlichen Bauhaus, an einem der drei aufeinanderfolgenden Standorte Weimar, Dessau und Berlin; dies trotz der erwähnten «Zurückhaltung» gegenüber Damen ab 1920. Zuvor konnten Frauen lediglich eine Kunstgewerbeschule besuchen oder sich zur Zeichnungslehrerin ausbilden lassen; ein akademisches Studium der Malerei oder Bildhauerei war nicht möglich. Doch auch der kühne Entwurf einer modernen Gesellschaft freier, gleich­berechtigter Menschen rieb sich an der Tradition, auf die das Bauhaus gründete: der mittelalterlichen «Bauhütte» als Gemeinschaft von Lernenden und Lehrenden, unter einem Dach vereint.

In dieser althergebrachten Handwerksordnung gab es zwar eine «Frau Meisterin». Die aber war Gattin des Meisters; sie führte das Haus – und allenfalls die Buchhaltung der Werkstatt. Für Gesellinnen, gar Meisterinnen war in der «Bauhütte» kein Platz vorgesehen, und auch das Bauhaus tat sich mit den lernbegierigen, hoch motivierten und vor Kreativität geradezu berstenden Pionierinnen der Moderne schwer.

Die gläserne Decke im Labor der Moderne

Sie schufen zum einen Modelle, die das internationale Industriedesign revolutionierten. Zum anderen kreierten und lebten sie ein neues Frauenbild: liessen sich die Haare schneiden, trugen Reformkleider oder Hosen. Dennoch konnten sie sich gegen männliche Platzhirsche kaum durchsetzen. Oft scheiterte ihre Karriere daran, dass sie den Gemeinschaftsgedanken stärker verinnerlicht hatten. Die Schule freilich hielt sie ebenfalls kurz. Etliche Frauen, darunter die geschätzte Tanzpädagogin Gertrud Grunow, hatten lediglich Honorarverträge. Das Bauhaus stand ihnen zwar offen, doch es liess sie bald schon an seiner ­gläsernen Decke abprallen.

Nur eine einzige, die Münchnerin Gunta Stölzl (siehe Kasten), schaffte es, in den Kreis der Meister vorzudringen. Sie hatte ab 1927 als «Jungmeisterin» die Leitung der Weberei inne – einer Werkstatt, die 1921 zur «Frauenabteilung» erklärt worden war. Gunta Stölzl galt als geniale Lehrerin; ihr Anspruch aber, den Studierenden Raum für kreative Experimente zu gewähren, scheiterte am zunehmenden Produktivitätsdruck gerade der industriell erfolgreichen Weberei. Zudem wurde sie nach ihrer Heirat mit dem aus Galizien ­stammenden Architekten Arieh Sharon ­Opfer von Verleumdungen. 1931 kam sie ihrer Kündigung zuvor und emigrierte in die Schweiz.

Kaum Chancen in den technischen Klassen

Schon in den Anfangsjahren zeigte sich, dass die Bauhaus-Studentinnen in «weibliche» Nischen gedrängt und von den technischen Klassen ferngehalten wurden. Die Tischlerei traute man ihnen körperlich nicht zu, für die Architektur als Königsdisziplin des Bauhauses fehlte ihnen vermeintlich das Abstraktionsvermögen. Nur wenige Frauen setzten sich in Männerdomänen durch: etwa Marianne Brandt als Metalldesignerin. Sie entwarf Teekannen und Leuchten, schuf aber auch experimentelle Collagen und fotografierte; ihr Förderer László ­Moholy-Nagy bezeichnete sie als «meine beste und genialste Schülerin».

Dennoch blieben vor allem Männer als Bauhaus-Künstler im Gedächtnis: neben Walter Gropius Namen wie Mies van der Rohe, Paul Klee, Johannes Itten. Erst seit den 1980er-Jahren werden die Biografien herausragender Bauhaus-Absolventinnen erforscht. Zahlreiche Porträts und Bücher zum Thema sind seither erschienen; zur 100-Jahr-Feier findet es in Neuerscheinungen, in Vorlesungen und Ausstellungen Beachtung – etwa der Schau «Bauhausmädels» in Erfurt. Ein Titel ganz im Ton der vermeintlich so fortschrittlichen Künstlerpatriarchen.

Zum Weiterlesen: Patrick Rössler, Elizabeth Otto: Frauen am Bauhaus. Wegweisende Künstlerinnen der Moderne. Knesebeck, 192 S., Fr. 52.– (erscheint am 21.2.) Ulrike Müller: Bauhausfrauen. Komplett überarbeitete und aktualisierte Neuausgabe. Elisabeth Sandmann, 168 S., Fr. 53.– (erscheint am 31.3.)

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