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Juergen Teller: Der Starfotograf fotografiert sich am liebsten nackt

Juergen Teller zählt international zu den gefragtesten Fotografen der Gegenwart. Er hatte von Kurt Cobain bis Kate Moss viele Stars vor der Kamera, fotografiert für Modemagazine, Labels. Weitaus interessanter aber sind seine persönlichen Arbeiten.
Dieter Langhart
Juergen Teller fotografiert Juergen Teller während des Shootings mit Rapper Kayne West. Er ist mit dem Resultat nicht wirklich zufrieden.

Juergen Teller fotografiert Juergen Teller während des Shootings mit Rapper Kayne West. Er ist mit dem Resultat nicht wirklich zufrieden.

Wenn man Teller heisst und Fotograf ist, muss man auch mal Teller fotografieren. Jürgen Teller hat sich einen Spass daraus gemacht, auch wenn das nur in seiner Heimat Deutschland ironisch war, nicht in London, wo Teller plates heissen. Da fährt er mit zwanzig hin, ohne ein Wort Englisch zu können, und nannte sich Juergen.

Er hat gesoffen und gefressen

Sein Vater ist ein depressiver Alkoholiker, schlägt seine Frau, seine Mutter glaubt an ihn und besucht noch heute jede seiner Ausstellungen. Doch wer ist dieser 54jährige Juergen Teller, einer der gefragtesten und begabtesten Fotografen seiner Generation, wie tickt er?

Antworten geben seine Fotografien. Sie sind ab heute im Fotomuseum Winterthur zu sehen. «Enjoy your life!» heisst die grosse Retrospektive. Geniesse dein Leben! Teller hat das ausgiebig getan, hat gesoffen und gefressen und Kette geraucht, hat geheiratet und Kinder gezeugt, in Maria Wörth zwölf Kilo abgespeckt und ist inzwischen Professor für Fotografie in Nürnberg. Geniesse dein Leben!

Er fotografiert kommerziell, aber nie gefällig

Juergen Teller ist eine Ikone der kommerziellen Fotografie. Er hat sie alle abgelichtet für Zeitgeist- und Modemagazine: Kanye West und Kim Kardashian, Claudia Schiffer und Kate Moss. Aber Teller ist anders: derb, frech, unverblümt; überblitzt statt perfekt ausgeleuchtet. Der übliche Glamour ist ihm ein Graus. Tellers Bildsprache ist spielerisch, auch wenn er nichts dem Zufall überlässt. Was nach spontaner Komposition aussieht, ist sorgfältig geplant – und viel effektiver als ein Schnappschuss.

Stets bleibt Teller der Regisseur, auch wenn er sich in Szene setzt und jemanden den Auslöser drücken lässt.

Manchmal ist es seine Mutter oder seine Frau, die Londoner Galeristin Sadie Coles, wie bei der Fotoserie, in der er nackt mit Charlotte Rampling posierte.

Im Grunde sind all seine Inszenierungen Selbstporträts. «Es ist einfach die Art, wie Du die Dinge siehst und wie gewisse Dinge Dich neugierig machen und dich einfach mitreissen», sagt der Fotograf. Teller wird so zum Storyteller: Er reflektiert das Medium Fotografie als Spiegel der Gesellschaft und untersucht, wie medienwirksam es ist. Er tut dies behutsam und mit viel Ironie und Selbstironie.

Dem Plastikdinosaurier entweicht die Luft

Zwei Räume bilden eine Klammer um Tellers Arbeit. Gleich hinter dem Foyer knallt dem Besucher ein riesiges Bild entgegen: Blutorangen schwimmen über dem melancholischen Gesicht des Fotografen. Diese Arbeiten, bisher nur in Pop-Magazinen zu sehen, sind hier erstmals ausgestellt. Mit rotem Stift hat Teller den Raum beschriftet: «Self reflections, Melancholy and Blood Oranges».

Stillleben mit einem erschöpften Plastikdinosaurier, Tellern und Blutorangen. (Bild: Bilder: Juergen Teller)

Stillleben mit einem erschöpften Plastikdinosaurier, Tellern und Blutorangen. (Bild: Bilder: Juergen Teller)

Grossformate wechseln mit kleinen Bildern ab, Einzelaufnahmen mit Serien, alle rahmenlos und mit Nadeln an die Wand gepinnt. Einem aufblasbaren Dinosaurier vor seinem Londoner Atelier geht die Luft raus, als sei er erschöpft; zittrig spiegelt sich der Fotograf in einer Glasscheibe; ein Fuchs blickt schwarzweiss und traurig; verwischte Landschaften aus dem Zug von Paris nach London. Zahlreich und oft wiederkehrend sind Tellers Motive, es sind Einfälle, Eingebungen, nach aussen gekehrte Innensichten, Erzählungen von Krisen.

Der Kabinettraum schliesst die Klammer. In den Vitrinen einige der mit Tellers Fotografien bedruckten Teller. Riesig ein ironisches Selbstporträt, mit Retuschier- und Optimieranweisungen versehen.

Die zarte Serie «Irene im Wald» zeigt die geliebte Mutter und Verwandte unweit seines Geburtshauses im fränkischen Bubenreuth. Eine Wand illustriert, wie Tellers Fotografie polarisiert: eine Fotostrecke aus dem ZEIT-Magazin, daneben Leserbriefe: Hymnen und Verrisse.

Nackte Geschichten aus einer Fabelwelt

Juergen Teller will nicht das Alltägliche fotografieren – er lebt in einer Fabelwelt, aus der er fotografisch erzählt. Von seinen Modellen die Bereitschaft zum Unverfälschten, zum Ungeschönten, sich selbst fragt er: Was bewegt mich, was berührt mich? Welches sind meine Höhenflüge, welches meine Falltiefen?Was ist mit der Nacktheit? So hockt er in «Self-portrait with balloons» im Bett auf einer weissen Decke, einen Strauss aus bunten Ballonen in der Hand. Er sagt dazu: «Ein grosser Teil meiner Arbeit ist Modefotografie, deshalb will ich mit Mode nichts zu tun haben, wenn ich mich selbst fotografiere.» Nacktheit an sich interessiert ihn nicht, auch wenn die Aufnahmen von Charlotte Rampling seine Entwicklung geprägt haben.

Ausstellung

Juergen Teller: Enjoy your life! Im Fotomuseum Winterthur noch bis 7. Oktober

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