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Mexikos junger Literaturstar

Mit 19 Jahren schrieb die Mexikanerin Aura Xilonen ein verblüffendes Buch über einen jungen Illegalen in Amerika und Trumps Mauer. Ein Wunderwerk ist auch die deutsche Übersetzung.
Valeria Heintges
Aura Xilonen. (Bild: Alamy)

Aura Xilonen. (Bild: Alamy)

Immer mal wieder spuckt der Büchermarkt Werke aus, da kann man nur staunen, weil sie so wunderbar schräg in der Landschaft liegen. Neustes Beispiel: «Gringo Champ» von Aura Xilonen. Xilonen ist Mexikanerin, 1995 in Mexiko-City geboren, heute 23 Jahre alt. Sie war 19, als ihr Roman vor vier Jahren in ihrer Heimat erschien.

Doch nicht nur das Alter der Autorin verblüfft, sondern auch ihr Thema und – das vor allem – ihre Sprache. Das Thema: Dem jungen Mexikaner Liborio, den alle nur Chico nennen, gelingt die Flucht über den Rio Bravo in die USA. Jetzt sitzt er kurz hinter der Grenze fest. Obwohl Xilonen ihr Buch schrieb, bevor Donald Trump Präsident wurde, kann «Gringo Champ» als Kommentar zu «the WALL» und mithin zum Streit um die Haushaltssperre in den USA gelesen werden. Es ist aber – zum Glück – ganz anders und auch viel mehr als das. Es ist nämlich ein Wunderwerk der Sprache und eine Glanzleistung der Übersetzerin Susanne Lange, die dafür gerade für den Übersetzerpreis der Frankfurter Buchmesse nominiert wurde.

Beim Fluchen werden ­Eingeweide durchforstet

Xilonen erfindet eine Sprache für ihren Neu-Amerikaner, die zum Teil Ingleñol ist, also Mischmasch aus Spanisch und Englisch. Dazu kommen Fachwörter, weil Liborio als Angestellter einer «Book», einer Buchhandlung, Bücher über Nacht liest, darunter ein Wörterbuch, das er radikal plündert, um die Worte dann mal passend, mal unpassend einzusetzen. Dazu kommen Fetzen humanistischer Bildung, denn auch die alten Griechen und spanische Klassiker fallen Liborio in die Hände.

Ein schwankender Held, der sich mit knallharten Haken verteidigt

Susanne Lange mischt in ihrer Übersetzung Deutsch mit Englisch, streut ein «fokkin» als Rhythmusgeber ein, lässt mit «Peanutstimme» reden und «home­wärts» gehen. Da wird mit einer Fantasie geflucht, bis die Pflanzen- und die Tierwelt durchforstet ist und die Eingeweide gleich mit. Dazwischen wird Fachsprache gestreut, bis alle erdrückt werden von einer «rachitischen Insolvenz», bis sich einem «astigmatischen Bastard» die «Haarfollikel aufstellen» oder einer «gravitaben genervt» ist. Die erfundenen oder falsch verwendeten Worte werden aber nicht zum Selbstzweck verwendet, sondern bilden den widerspenstig-kratzenden Rahmen für wunderbar feine, zuweilen fast kitschige Sprachbilder. Die Autorin zeichnet Liborio als widersprüchlichen, zwischen wilder Wut und tiefster Verzweiflung schwankenden Helden, der sich mit knallharten rechten Haken verteidigt, um sein waidwund-verliebtes Herz zu retten und zwischendurch in Literatur zu versinken. Jedenfalls in dem Lebensweg, den ihm Xilonen zugedacht hat und dem der Leser – trotz einiger kleinerer Längen – staunend folgt. Vom Sprachlosen über den Büchernarr zum Boxer, vom totalen Habenichts zu einem, der es schaffen kann. Wenigstens dieser eine.

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