Interview

Lucerne-Festival-Intendant Michael Haefliger: «Die Ansteckungskurve müsste bis zum Sommer deutlich abflachen»

Wegen des Coronavirus droht auch den Klassikfestivals im Sommer das Aus, wie die Absage von Verbier zeigt. Intendant Michael Haefliger über Szenarien, Ängste und Hoffnungen für Lucerne Festival im Sommer.

Urs Mattenberger
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Bleibt es im Sommer so gespenstisch leer wie in der Stunde Null? Das KKL Luzern vor der Eröffnung des Konzertsaals durch die Musikfestwochen 1998 (Archivbild LZ).

Bleibt es im Sommer so gespenstisch leer wie in der Stunde Null? Das KKL Luzern vor der Eröffnung des Konzertsaals durch die Musikfestwochen 1998 (Archivbild LZ).

Das Verbier Festival wurde am Freitag abgesagt: Setzt sich die Erkenntnis durch, dass die Sommer-Festivals vor dem Coronavirus kapitulieren müssen – also zeitversetzt bald auch Lucerne Festival?

Michael Haefliger: Nein, das kann man daraus so allgemein nicht folgern, mit Blick auf Luzern auch deshalb nicht, weil unser Festival doch einen Monat später beginnt. Wir wissen ja inzwischen, wie stark sich die Situation in wenigen Wochen verändern kann – bisher zum Schlechten, aber hoffentlich in absehbarer Zeit auch wieder zum Guten. Abgesehen davon sind die Rahmenbedingungen in Verbier von jenen in Luzern sehr verschieden.

Was ist in Luzern anders?

In Verbier muss die Infrastruktur für das Festival und dessen Konzertsaal lange vor dem Festival aufgebaut werden. Damit fallen Ausgaben an, die man bei einer späteren Absage nicht mehr einspielen kann. Und ob im Sommer Festivals tatsächlich stattfinden können, kann man zum jetzigen Zeitpunkt einfach noch nicht abschätzen. In Luzern sind langfristige Vorarbeiten nicht nötig. Die beginnen, wenn die Musiker des Lucerne Festival Orchestra hier ankommen und mit den Proben beginnen – also eine Woche vor Beginn des Festivals. Auch deshalb können wir mit dem Entscheid noch zuwarten.

Vor einer Woche begann der Vorverkauf für den Sommer. Also gehen Sie derzeit davon aus, dass dann Konzerte stattfinden. Aber werden jetzt überhaupt Karten gekauft?

Ja, der Vorverkauf ist überraschend gut gestartet. Die Zahlen erreichen zwar nicht die Werte vom Vorjahr. Aber das konnte man nicht erwarten, weil 2019 bis zum Schluss Spitzenwerte verzeichnete. Wir sind also zufrieden. Betonen möchte ich das zwar nicht, weil sich in den kommenden Wochen alles verändern kann. Aber ja: Momentan hoffen wir, dass dieses Beethoven-Festival stattfindet. Mit dem Motto «Freude», das das gemeinschaftliche Erleben feiern soll, würde es auch inhaltlich ein starkes Zeichen in dieser schwierigen Zeit setzen.

Frühe Absagen können die Stornierungskosten für Flüge und Hotels niedrig halten. Gibt es dafür Deadlines?

Das klären wir gegenwärtig ab, weshalb ich das nicht abschliessend beantworten kann. Das hängt stark mit den individuellen Verträgen mit den einzelnen Künstlern und Orchestern zusammen. Aber grundsätzlich bleibt uns genügend Zeit, das Festival abzusagen, ohne dass wir in allzu grosse Unkosten fallen würden. Entsprechende Berechnungen haben wir gemacht.

Wann ist denn der letzte Moment für eine Absage?

Wir sind der Meinung, dass wir aus heutiger Sicht bis spätestens Mitte Juni über die Durchführung entscheiden. Bis dahin sind immerhin noch zweieinhalb Monate. Und ich hoffe, dass wir in dieser Zeit mehr Klarheit darüber gewinnen, wie sich diese Pandemie entwickelt und ob sie sich kontrollieren lässt. Aber ich denke, die Ansteckungskurve müsste sich bis dahin deutlich verflachen, damit man solche Grossanlässe mit gutem Gewissen durchführen durchführen kann. Denn oberste Priorität hat natürlich die Gesundheit des Publikums und der Künstler. Das Schlimmste wäre, im Nachhinein festzustellen, dass der Entscheid, das Festival durchzuführen, falsch war und die Gesundheit von vielen Menschen und ihren Kontaktpersonen gefährdet.

Ihr Vorgänger Matthias Bamert zügelte während des Baus des KKL die Musikfestwochen nach Emmenbrücke, weil er glaubte, ein Festival, das einmal ausfällt, sei praktisch weg vom Fenster. Was würde eine Absage heute bedeuten?

Das war eine Einschätzung vor 20 Jahren, die man nicht einfach auf heute übertragen kann. Aber eine Absage wäre in künstlerischer Hinsicht ein herber Schlag, auch volkswirtschaftlich für Luzern und das KKL. Die Verluste, die bei einer Absage entstünden, könnten wir zwar einmal verkraften. Aber wenn es zu einer zweiten oder gar dritten Welle kommen sollte und die Pandemie sich ins nächste Jahr hinzieht, wird es schwierig. Dann stellt sich ohnehin grundsätzlich die Frage, wie es mit Grossveranstaltungen weitergeht.

Welche Unkosten bleiben dem Festival bei einer Absage?

Zum einen bleiben die Fixkosten für unser Team, das wir um jeden Preis aufrecht erhalten müssen. Allein schon deshalb, weil wir einen Planungshorizoont von rund zwei Jahren haben und deshalb bereits das Festival 2021 vorbereiten. Und natürlich fallen Stornierungskosten an, die wie gesagt abhängig sind von den Abmachungen mit den einzelnen Künstlern.

Sie mussten das viertägige Wochenende mit Teodor Currentzis von Anfang April absagen. Können Sie da die Verluste beziffern?

Dazu finden noch Gespräche statt. Es fallen nicht die vollen, aber sicher partielle Kosten an. Die Verluste bewegen sich in einem höheren sechsstelligen Bereich.

Wer springt in die Lücke: Fliessen etwa die Sponsorenbeiträge für bestimmte Veranstaltungen, auch wenn diese abgesagt werden?

Wir gehen davon aus, dass wir mit den Sponsoren gute Gespräche führen können und es da ein Entgegenkommen gibt. Anderseits haben wir eine Reserve, die wir bei der Stiftung Freunde Lucerne Festival aufgebaut haben. Diese böte im Fall einer Absage eine wichtige Unterstützung. Sehr wichtig ist aber auch für uns, dass der Bund auch Kulturveranstaltern Unterstützung zugesagt hat. Für das Currentzis-Wochenende werden wir Anfang April ein Gesuch einreichen können, aber mit welchem Beitrag wir rechnen können, weiss ich noch nicht.

Musiker haben durch ihr Wanderleben ein überdurchschnittliches Ansteckungsrisiko. Sind Ihnen Fälle bekannt von Künstlern, die im Sommer in Luzern eingeplant sind?

Ja, Anne-Sophie Mutter wurde positiv auf das Coronavirus getestet und hat das mit einer Videobotschaft publik gemacht. Zudem hat das City of Birmingham Symphony Orchestra mitgeteilt, dass seine Chefdirigentin Mirga Gražinytė-Tyla infiziert wurde. Ein grosses Problem ist aber allein schon die Angst vor einer Ansteckung. Dass diese in Mailand panische Züge angenommen hat, weiss ich von den Berichten von Riccardo Chailly. Er wohnt in unmittelbarer Nachbarschaft zu seinem Sohn, darf aber seine Enkelkinder höchstens aus der Ferne im Garten sehen. Ja, für uns alle ist das eine enorm schwierige Situation, wie sie die Menschheit seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr erlebt hat. Trotzdem bin ich zuversichtlich, dass wir und auch das Festival den Weg in eine neue Zukunft finden, wenn diese Krise durchgestanden ist.

Der Vorverkauf für Lucerne Festival im Sommer läuft seit einer Woche (im Fall einer Absage werden die Tickets zurückerstattet): www.lucernefestival.ch

Alarmsignal für Klassikfestivals: Verbier abgesagt

Lucerne Festival im Sommer dauert vom 14. August bis 13. September und ist zeitlich später angesetzt als viele andere Klassikfestivals im Sommer, die deshalb unter grösserem Zeitdruck stehen. Ein erstes Alarmsignal dafür, dass nach den Open-Air-Festivals auch Klassikfestivals das Aus droht, ist die am Freitag bekanntgegebene Absage des Verbier Festivals im Wallis (17. Juli bis 2. August). Abgesagt wurde in unserer Region bereits der Boswiler Sommer (24. Juni bis 5. Juli). Das Menuhin Festival in Gstaad (ebenfalls ab 17. Juli), geht wie viele noch davon aus, dass sich die Krise durch «gemeinsame solidarische Disziplin» stabilisieren lässt und das Festival durchgeführt werden kann. Die Salzburger Festspiele entscheiden bis am 15. April über die Pfingstfestspiele (Ende Mai) und bis am 30. Mai, ob die Sommerfestspiele (ab 18. Juli) stattfinden. Noch keine Angaben machen die Bayreuther Festspiele (25. Juli bis 30. August) (mat.)