Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Video

Michael Sommer stellt Weltliteratur mit Playmobil-Figuren in Youtube-Videos nach

Jede Woche inszeniert Michael Sommer auf seinem Youtube-Kanal Literaturklassiker mit Playmobilfiguren. Dafür hat er den Grimme-Online-Award bekommen. Vor allem Maturanden lieben seine Videos.
Julia Stephan
«Odyssee» von Homer.«Odyssee» von Homer.
«Krieg und Frieden» von Tolstoi.«Krieg und Frieden» von Tolstoi.
«Faust» von Goethe. (Bild: Bilder: Michael Sommer)«Faust» von Goethe. (Bild: Bilder: Michael Sommer)
3 Bilder

Weltliteratur in zehn Minuten

Wir schreiben das Jahr 2013. ­Michael Sommer, Dramaturg am Theater Ulm, arbeitet mit einem Regisseur an einer handlungsarmen Fassung von Georg Büchners Revoluzzer-Drama «Dantons Tod». Schon als Germanistik-Student hat er lieber Theater gespielt als in Seminaren gesessen, wo Literatur nicht Spass macht, sondern zum Lesen verpflichtet.

Michael Sommer realisiert: Der Rotstift des Regisseurs hat am Stück eine arge postdramatische Handlungszerstückelung vollführt. Sommer, der das Massaker nicht mitverschuldet hat, will den Zuschauern bei einer Einführungsveranstaltung deshalb zeigen, was ihnen alles an Action entgehen würde bei dieser Inszenierung. Er bietet Puppen aus der Requisitenkammer für ein Casting auf: Das erste Kurz­video – Weltliteratur, auf zehn Minuten komprimiert – wird gedreht.

Inzwischen setzt sich Sommers Playmobil-Ensemble aus 950 Figuren zusammen. Die Fangemeinde schickt ihm Figuren als Spenden, mit dem Reclam-Verlag arbeitet er eng zusammen. Sommer sagt sich irgendwann mal: «Wann hat man im Theater mal 2000 Menschen, die einem bei einer Inszenierung zuschauen?» Das Theater hat er aufgegeben. Seinen Youtube-Kanal «Sommers Weltliteratur to go» haben 73'558 Menschen abonniert. Die meisten zwischen 16 und 26 Jahre alt und gefangen in den Zwängen des Bildungssystems. Viele hat Sommer vor dem Matura-Galgen gerettet – vor den Abschlussprüfungen schnellen die Zugriffe auf seinen Kanal in die Höhe. Im Juni 2018 wurde er mit dem Grimme-Online-Award in der Kategorie Kultur und Unterhaltung ausgezeichnet.

Barbie-Ken und die Schlümpfe als Aushilfen

Auch wenn der Bücherwurm sich jede Woche durch einen neuen Schinken nagt: Satt wird der in München lebende Teilzeitlehrer damit nicht. «Meine Videos sind Longseller. Ich betrachte sie als meine Altersvorsorge», sagt er. Wo Influencer ein neues, schnelllebiges Adidas-Modell in die Kamera halten und damit reich werden, ist die Wertsteigerung dieser zeitlosen Klassiker verzögert. Eine Kurzfassung von «Romeo und Julia» wird Jahre später noch angeklickt. Die Markenschuhe sind dann längst in die Altkleidersammlung gewandert. Aber reichen die 7,5 cm grossen Spielfiguren aus Plastik wirklich ans Format von Weltklassikern heran? Nicht immer.

«Playmobil-Figuren haben keine besonders originellen Frisuren», sagt Sommer. Das Herausstellen von Individualität sei ein Problem. «Bei zeitlosen Stoffen besetze ich die Rollen gerne querbeet durch alle Epochen.» Doch gerade beim 19. Jahrhundert und den stark in der Lebensrealität dieser Zeit verhafteten Romanen kriegt Sommer ernste modische Ausstattungsprobleme.

Sommer setzt dann auf Piraten oder Ritter, welche die Kniebundhosen des 19. Jahrhunderts ebenso glaubhaft rüberbringen. Ritter hatte der Spielzeugher­steller schon in den 1970er-Jahren im Programm – zusammen mit den Indianern, welche Karl Mays «Winnetou»-to-go für Sommer zur Fingerübung machte. Wenn der ehemalige Dramaturg mehr Musse hat, weicht er auch mal vom Schema X ab. Dann besetzt er die pubertierenden Schüler aus Frank Wedekinds «Frühlingserwachen» mit blauen Schlümpfen, funktioniert eine Zigarettenpackung Gauloises für den berühmten Balkon aus Shakespeares «Romeo und Julia» um. Und bei der «Odyssee» reüssiert Ken, der gut gebaute Lebenspartner der Barbiepuppe, als Zyklop, dem mit einer Zigarette jüngster Bauart das Auge ausgestochen wird.

Improvisation als Teil der Inszenierung

Produziert hat Sommer seine 240 veröffentlichten Filme – mit den englischen Synchronisationen sind es 303 – mit einem Camcorder, radikalen Streichfassungen und vor im Stil der Fotografie des 19. Jahrhunderts drapierten Kulissenbildern, die er sich lizenzfrei aus dem Netz fischt. Sein riesen Talent, Sachverhalte neudeutsch zuzuspitzen, ist wohl einer der Hauptgründe, warum man trotz der Kürze der Videos dem Eskapismus verfällt und zum Serienjunkie wird.

In der «Odyssee» etwa bringt Sommer die Willkür im griechischen Götterhimmel mit dem Satz auf den Punkt: «Athene hat Odysseus als Hobby entdeckt und stellt die Weichen dafür, dass er wieder heimkommt.» Und im Vorspann zu Bert Brechts «Die Heilige Johanna der Schlachthöfe» warnt er: «Liebe Vegetarier, in dem Stück ‹Die Heilige Johanna der Schlachthöfe› tut Bert Brecht so, als sei Dosenfleisch der normale Aggregatszustand von Rindern.» – und verballhornt damit Brechts episches Theater mit seinen ans Publikum gerichteten Appellen.

Sommers Finger wuseln dabei beständig durchs Kamerabild. Die Improvisation ist Programm. Seine Botschaft: Nehmt Literatur nicht so ernst, spielt damit rum! Und vergesst diese Vorstellung von der Unantastbarkeit grosser Werke, die viele Deutschlehrer noch heute weitergeben. Zum Vorbild genommen hat er sich die Lakonie des Illustrators John Atkinson. Der bringt «Moby Dick» auf die zwei Formeln «Man vs. Wale» und «Wale wins». Oder kritzelt unter den über zweitausend Seiten schweren Schmöker «Krieg und Frieden» die lakonische Bemerkung: «Everyone is sad. It snows.»

Für Nietzsche-Anhänger ist das Kinderkram

Natürlich stösst man in dieser für Kinder geschaffenen Playmobilwelt an Grenzen der Darstellbarkeit. Die immer länger werdenden «Harry-Potter»-Romane machen ihm zu schaffen. Moderne Texte, etwa die von Elfriede Jelinek, die mehr «Nabelschau der Sprache» sind als Handlung, verlieren im Sommer-Sound an Klang. Und bei abstrakt-philosophischen Klassikern wie Nietzsches «Also sprach Zarathustra» verfehlt eine Zusammenfassung der Handlung den Stoff komplett. Trotz Sekundärliteratur, die sich der Literaturwissenschafter in solchen Situationen vorher noch «reinpfeift», waren Nietzsche-Anhänger erbost, als sie ihren ­Zarathustra auf «Kindergartenniveau» verballhornt sahen. Sommer hats bereut, aber der ­Beweis ist erbracht: Nicht alle Nietzsche-Fans können über sich selbst lachen.

Kein Wunder also, wird Sommer niemals Lyrik «verplaymobilieren». Dann lieber tatsächlich ausufern in die Literatur dieser Welt, wie sein Kanal programmatisch verspricht. Langweilig wird’s ihm eh nicht. Fürs Radio Bremen kreiert er Literaturrätsel. Und letzten November erschien sein Buch «Gehst du Goethe! Speed-Dating mit deutschen Klassikern».

Hinweis: Michael Sommer: Gehst du Goethe! Speed-Dating mit deutschen Klassikern. S. Fischer Verlag, 160 S., Fr. 35. Hier geht's zum Youtube-Kanal von Michael Sommer.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.