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Interview

Michail Schischkin: «Für mein Buch gibt es noch kein Regal»

Der russische Autor Michail Schischkin ist überzeugt, mit seinem E-Book eine neue Literaturgattung für sich entdeckt zu haben. Am 17. Januar liest er im Literaturhaus Zentralschweiz in Stans aus seiner 1000-seitigen russischen Kulturgeschichte «Tote Seelen, lebende Nasen». Der Text ist mit zahlreichen Bildern, Tonmaterialien und Filmen verlinkt.
Julia Stephan
Hat den Kanon der russischen Literatur im Kopf: Michail Schischkin (57) zuhause im solothurnischen Kleinlützel. (Georgios Kefalas/KEYSTONE)

Hat den Kanon der russischen Literatur im Kopf: Michail Schischkin (57) zuhause im solothurnischen Kleinlützel. (Georgios Kefalas/KEYSTONE)

Michail Schischkin, im Literaturhaus Zentralschweiz werden Sie aus Ihrer Essaysammlung «Tote Seelen, lebende Nasen» zur Russischen Kulturgeschichte lesen. Sie haben die über 1000 Seiten im Eigenverlag herausgebracht. Warum entscheidet sich ein Autor von Rang und Namen wie Sie für das Self-Publishing-Modell?

Im Buch gibt es nicht nur 16 Essays, sondern auch über 400 Kommentare mit Bildern, Musik und Filmausschnitten. Das macht den Unterschied. Als ein Papierbuch kann es gar nicht existieren. Die Verlage, Buchverkäufer und überhaupt die menschliche Psyche brauchen für jedes Buch ein Regal. Für mein Buch gibt es noch kein Regal.

«Dieses Buch ist meine persönliche Rebellion gegen das Diktat der Salesmanager.»
Michail Schischkin, Autor

Was macht Sie da so sicher?

Ich habe zuerst dieses Projekt einigen Verlagen angeboten, alle fanden die Idee grossartig und faszinierend, aber sagten ab: «Wir haben sowas noch nie gemacht, wir werden neue Leute oder Firmen beauftragen müssen, zu viel Aufwand, wir haben unsere Kostenpläne, und unsere Salesmanager sagen, das Projekt werde sich kaum rentieren.» So wollten Salesmanager mein Buch töten. Ich war deprimiert und enttäuscht. Man hat eine gute Idee, es gibt Leute, die sich für ein solches Buch interessieren, aber zwischen mir und meinen Lesern dringen Salesmanager ein und sagen «Nein».

Wie kamen Sie auf den E-Book-Einfall?

Meine Frau Zhenya sagte mir: «Dann machen wir das Buch selbst!» Und wir haben es gemacht. Ich schrieb Essays und Kommentare, meine Frau übernahm die ganze technische Arbeit. Damit ist dieses Buch meine persönliche Rebellion gegen das Diktat der Salesmanager. Wir sind im 21 Jahrhundert und die Entwicklung der Technologien hat es möglich gemacht.

Ihr Werk bezeichnen Sie selbst als eine «Einführung in die russische Kulturgeschichte». Richten Sie sich gezielt an Menschen, welche Russland von Grund auf nicht verstehen?

Das multimediale Projekt macht diesen Einstieg attraktiv und spannend für alle. Das ist eine Art Enzyklopädie. Eine gewöhnliche Enzyklopädie ist immer unpersönlich. Und dieses Buch ist meine sehr persönliche Enzyklopädie der russischen Kultur und Geschichte. Aber es geht nicht nur um Russland, mein «russisches» Projekt hat auch viele Schweizer Bezüge.

«Ich war lange sicher, dass der Begriff die russische politische Emigration zum Lexikon der veralteten Begriffe gehört.»
Michail Schischkin, Autor

Die wären?

Im Kapitel «Wilhelm Tell als Spiegel der russischen Revolutionen. Ein Versuch der vergleichenden Denkmalogie» geht es um Schweizer Denkmäler, durch die ich die Schweizer Besonderheiten und Schweizer Mentalität beschreibe. Im Kapitel «Suworow – ein Schweizer Mythos» geht es um die Schweizer Geschichte und ihre Wahrnehmung. Ich verfolge ausführlich nicht nur die berühmte Alpenüberquerung, sondern den Schweizer Suworow-Mythos und publiziere Materialien, die praktisch unbekannt sind: Zitate aus dem Tagebuch Nikolai Grjazews, der als Offizier die Alpenüberquerung mitgemacht hat. Es wird offensichtlich, dass die berühmte Schlacht bei der Teufelsbrücke nur ein Mythos ist. Im Kapitel «Heidis Schuld und Sühne» erfährt der Leser, warum der Schweizer Kinderbuch-Klassiker in Russland verboten wurde. Für den Schweizer Leser gibt auch viel Wissenswertes und Neues, nicht nur aus der russischen Kulturgeschichte.

In Ihrem Vorwort schreiben sie: «Sprache fällt Urteile.» Ihre Kulturgeschichte unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von denjenigen, die in den Bücherregalen stehen. Der markanteste?

Ich glaube, ich habe eine neue Literaturgattung für mich entdeckt: ein Kommentar. Es geht darum, in wenigen Sätzen lebendige Menschen auferstehen zu lassen, durch wichtige Lebensknoten und Zitate, die beim Leser Emotionen hervorrufen. Eine «wissenschaftliche» Fussnote stellt sich diese Aufgabe nicht, die Prosa macht das. Die Anmerkungen werden oft zu «Kleinromanen», in denen nichts erfunden ist.

Ihre Spezialität ist es, sich anhand historischer Figuren und deren Zitaten durch die Geschichte zu hangeln. Ist das Ergebnis dieser Essays die Folge eines jahrelang geführten Zettelkatalogs?

An diesem Buch habe ich eigentlich mein ganzes Leben lang gearbeitet. Die Arbeit an einem Text ist ja nicht das Tippen auf der Tastatur. Die Niederschrift bedeutet nur die Geburt des Kindes, man muss ja es noch austragen. Einige Essays wurden bereits früher in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften publiziert, aber stark gekürzt. Die Herausgeber wollen heutzutage, dass die Autoren immer kürzere Texte schreiben, idealerweise wie in «20 Minuten». Und sie wollen immer das Recht der ersten Nacht über den Titel haben. Sowohl der Titel als auch der Inhalt sollte nicht zu anspruchsvoll für die Leser sein. Ich konnte es nie verstehen, warum die Verleger ihre Leser für unterentwickelt halten.

Sie betonen immer wieder, 1995 nicht aus politischen, sondern aus familiären Gründen in die Schweiz gezogen zu sein. Gab es eine Zäsur in Ihrem Leben, einen Punkt, an dem Sie erkannt haben: Jetzt bin ich doch plötzlich zum Emigranten geworden?

Meine Welteinstellung hat sich nicht verändert, wie auch früher, meine ich, als Schriftsteller muss man überall leben. Wichtig ist nur, was du schreibst. Russland aber ist in den letzten Jahren anders geworden. Meine Heimat emigrierte aus dem 21. Jahrhundert in die Vergangenheit. Ich war lange sicher, dass der Begriff «die russische politische Emigration» zum Lexikon der veralteten Begriffe gehört. Nun aber wurde die politische Emigration wieder Realität. Die Zäsur war der Anfang des Kriegs gegen die Ukraine 2014.

Michail Schischkin liest am 17. Januar, 19.45 Uhr, im Literaturhaus Zentralschweiz in Stans. Mit dem Autor unterhält sich Isabelle Vonlanthen. www.lit-z.ch

Buchhinweis: Michail Schischkin: Tote Seelen, lebende Nasen. Eine Einführung in die russische Kulturgeschichte. Petit Lucelle, 2019. 1068 S., Fr. 39.–. Download unter www.schischkin.net

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