Einzelausstellung in der Galerie Urs Meile in Luzern: Mikrostruktur oder Universum?

Julia Steiner denkt gross und zeichnet fein. Mit monumentaler Gouache und fliegenden Bronzevögeln spürt sie der flüchtigen Zeit nach.

Susanne Holz
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Künstlerin Julia Steiner bei ihren Werken «system (fence)» (2019, Gouache auf Papier) und «flight (weight)» (2016-2019, Bronze und Draht).

Künstlerin Julia Steiner bei ihren Werken «system (fence)» (2019, Gouache auf Papier) und «flight (weight)» (2016-2019, Bronze und Draht).

Bild: Pius Amrein (Luzern, 10. März 2020)

Man betritt den hellen Ausstellungsraum der Galerie Urs Meile in Luzern und der Blick fällt unmittelbar auf ein grossformatiges Bild an der Wand, ein horizontal gedachter Zaun mit vielen lichten Stellen, Gouache auf Papier, mit einem trockenen und groben Borstenpinsel gezeichnet. Das Spiel von Schwarz und Weiss ist hoch ästhetisch – und obwohl hier kein Rot oder Gelb zu sehen ist, strahlt das Bild Wärme ab, etwas sehr Positives schwingt hier mit.

Vielleicht ist es seine Dynamik, die freie Flüchtigkeit, welche die Künstlerin Julia Steiner mit dem «system (fence)» benannten Werk vermitteln will, die dieses Bild so anziehend macht. Die 37-Jährige mag die Körperlichkeit grossformatiger Bilder, die dem Betrachter die Möglichkeit des visuellen Eintauchens bieten. Rhythmus, Dichte und Dynamik sind ihr wichtig. «Das Flüchtige, das sich verändert, das finde ich spannend», erklärt Steiner.

Tiefer Blick in einen geträumten Raum

Vor ihrem Werk «system (fence)» stehend, meint die 1982 im Kanton Bern geborene und heute in Basel lebende Künstlerin: Die hier angedachte Zaunstruktur sei so durchlässig wie abgrenzend. «Ein Spiel mit der Raumstruktur.» Und man wisse nicht, um was für eine Grösse es sich dabei handle: «Um Mikrostruktur oder Universum?»

Ein Spiel mit Grenzen ist auch Steiners Installation «Der letzte Raum». Gouache, Licht, Stoff, Holz und Metall kommen hier zusammen. Auf Bauchhöhe öffnet sich dem Besucher der Einzelausstellung – der vierten von Julia Steiner bei der Galerie Meile in Luzern – ein karges Zimmer, in das man förmlich hineingezogen wird von den mit Gouache gezeichneten dunklen Wirbeln an Wand und Decke.

Es wundert einen nicht, dass es mit diesem Raum etwas Spezielles auf sich hat, mit seiner Kargheit, dem Bett darin und der Bank davor. Die Künstlerin erzählt, ihn so geträumt zu haben, nur in den Massen doppelt so gross, und zwar geträumt als den Raum, in dem sie einmal sterben wird. Anfang und Ende, Innen und Aussen, Hell und Dunkel – Steiner mag es, in ihrer Kunst entgegengesetzte Pole zu verbinden.

Bei den drei Vogelobjekten der Serie «flight (weight)», die, an Drahtseil von der Decke schwingend, den Betrachter in ihren Bann ziehen, stehen sich massive Bronze und fragile Vergänglichkeit gegenüber. Vergänglich ist hier sowohl das Subjekt Vogel, das – in Keramik und Gusssand verpackt – ausgebrannt wurde, um die so entstandene Hohlform mit Bronze ausgiessen zu können. Nicht von Dauer ist aber auch der Flug des Bronzeobjekts, seine Bewegung im Raum. Der Besucher kann den metallenen Raubvogel anstossen, damit er seine Kreise zieht, doch bald einmal steht das Vogelobjekt wieder still.

Swiss Art Award und Manor Kunstpreis

Julia Steiners spannendes Schaffen ist bis Juli auch in Kaiserslautern zu sehen, im mpk Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern. Die Künstlerin ist Preisträgerin des Swiss Art Awards sowie des Manor Kunstpreises.

Hinweis

Ausstellung Julia Steiner: «circular flight» in der Galerie Urs Meile, Rosenberghöhe 4, Luzern. Bis 2. Mai 2020. Geöffnet Dienstag bis Freitag, 10 bis 18 Uhr. www.galerieursmeile.com