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Zorn ist der Motor für Miriam Cahns Kunst

Die bald Siebzigjährige, die zu den bedeutendsten Schweizer Künstlerinnen zählt, zeigt in Bern eine furiose Retrospektive. In ihren Werken setzt sie sich mit Sexualität, Gewalt und Migration auseinander.
Christina Genova
Miriam Cahn und ihre feministische Version von Gustave Courbets «L'origine du monde». (Bild: KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Miriam Cahn und ihre feministische Version von Gustave Courbets «L'origine du monde». (Bild: KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Als erstes geht es in den Sexraum. So nennt Miriam Cahn das Kabinett, das sie im Kunstmuseum Bern eingerichtet hat und wo es explizit zur Sache geht, auch Gewalt ist im Spiel. In der Mitte hängt ihre Version von Gustave Courbets «L’origine du monde». Wir schauen zwischen die nackten Beine einer Frau. Ihre Abaya ist hochgeschoben, der Körper entblösst. Im Gegensatz zu Courbets Darstellung hat sie einen Kopf, und der ist bis auf die ­Augen verschleiert. Das Werk ist ebenso als Beitrag zur Verhüllungsdebatte wie als Kritik am männlichen Blick auf den Körper der Frau zu verstehen.

Die Frau blickt den Betrachter direkt an, wie so häufig bei ­Miriam Cahn, die darauf achtet, dass ihre Werke auf Augenhöhe gehängt sind. «L’origine du monde schaut zurück», nennt sie es, und sie betont, dass anders als bei Courbet die Frau auch eine Klitoris habe: «Das Lustzentrum der Frau sollte man genauso zeigen wie das des Mannes.» Das Begehren, die weibliche Sexualität, sind Themen, die Miriam Cahn umtreiben. Sie bricht lustvoll Tabus, provoziert, nennt die Dinge beim Namen. Auch eine Auswahl ihrer pornografischen Zeichnungen «Das klassische Lieben» ist ausgestellt. Die Frau als sanftes Wesen, das sei verlogen:

«Schon mit 14 Jahren habe ich mir meine Pornografie selbst gemacht.»

Miriam Cahn führt mit sichtlichem Vergnügen durch die eben fertig gewordene Berner Ausstellung, die sie selbst kuratiert hat. Sie besteht aus rund 180 Werken in sechs Räumen – eine Gesamtinstallation mit Arbeiten aus allen Werkphasen. Das Auftreten der in Basel aufgewachsenen Künstlerin, die seit vielen Jahren im Bergell wohnt, ist gänzlich ­uneitel: Das kurze graue Haar steht ihr strubbelig vom Kopf und sie trägt eine korallenrote Steppweste.

Festgenommen wegen Kohlezeichnungen

Im Juli wird Miriam Cahn siebzig und sie ist weit davon entfernt, altersmilde zu sein – im Gegenteil: «200 Mal am Tag ­empöre ich mich. Der Zorn ist ein guter Motor.» So wie sie sich einst gegen Atomkraftwerke und die Balkankriege engagierte, so solidarisiert sie sich heute mit der Me-Too-Bewegung. Kämpferisch ist Miriam Cahn schon als junge Frau: Bereits die erste Aktion, mit der die Künstlerin 1979 an die ­Öffentlichkeit tritt, ist ein Protest. Nachts bemalt sie in Basel den Betonrohbau einer umstrittenen Autobahnbrücke mit Kohlezeichnungen. Sie wird deswegen festgenommen und zu einer Busse verurteilt. In einer Vitrine liegen Skizzen aus jener Zeit.

Miriam Cahns frühe Kohlezeichnungen entstanden auf allen Vieren am Boden. (Bild: KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Miriam Cahns frühe Kohlezeichnungen entstanden auf allen Vieren am Boden. (Bild: KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Damals zeichnet sie mit Kohle und Bleistift auf dem Boden, manchmal mit geschlossenen Augen, und schafft in furiosen Performances grossformatige, expressive Zeichnungen. Ihr «Kriegsschiff mit Kanone» füllt in Bern eine ganze Wand. «ich zeichne liegend, kriechend, kauernd, mit schwarzer kreide, tanze auf weissem papier und wasche mir anschliessend den staub vom körper», beschreibt sie 1983 ihre Arbeitsweise.

Wütende Texte

Streitbar ist Miriam Cahn, das zeigt sich auch in ihren Texten, die sie gegenüber ihrer Kunst als gleichwertig erachtet. Sie legt sich darin mit Galeristen ebenso an wie mit Museumsdirektoren und der eigenen Familie. «Das Schreiben gibt eine gewisse Klärung», sagt sie. Im Verlag Hatje Cantz erscheint im März der Band «Das zornige Schreiben» (Fr. 37.–) mit Korrespondenz und Texten aus vier Jahrzehnten. Schonungslos legt die Künstlerin darin offen, wie sie denkt und fühlt. (gen)

Schon früh gelingt Miriam Cahn der künstlerische Durchbruch: 1982 wird sie an die Documenta 7 eingeladen (zieht ihren Beitrag aber zurück), 1984 vertritt sie die Schweiz an der Biennale in Venedig. In den 1990ern wird es ruhiger um sie. Seit einigen Jahren wird ihre Kunst wiederentdeckt. Nach einem prominenten Auftritt an der letzten Documenta eröffnet nun das Kunstmuseum Bern einen Reigen von Ausstellungen. Nach Bern reist die Schau nach München und Warschau; auch das Kunsthaus Bregenz und die Reina Sofia in Madrid zeigen 2019 Einzelausstellungen.

Natürlich ist Miriam Cahn eine feministische Künstlerin, doch diese Schublade ist ihr zu eng. Lieber redet sie von Gleichwertigkeit, das schliesst Menschen, Tiere, Pflanzen, die ganze Schöpfung mit ein. Für ihre ­zutiefst humanistische Haltung steht auch der selbst gewählte Ausstellungstitel «Ich als Mensch».

Nicht Badende, sondern Ertrinkende

«Das Mittelmeer ist ein Massengrab», sagt Miriam Cahn und malt ertrinkende Migranten. (Bild: KEYSTONE/Peter Klaunzer)

«Das Mittelmeer ist ein Massengrab», sagt Miriam Cahn und malt ertrinkende Migranten. (Bild: KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Besonders stark bewegt Miriam Cahn das Thema Migration. Sie, die Tochter von Flüchtlingen, der Vater war Jude, nimmt diesbezüglich kein Blatt vor den Mund: «Wenn man weggeht, geht man weg. Das ist ein Menschenrecht.» Sie malt Menschen, verloren in einer weiten Ebene, schutzlos und nackt. «Nein, das sind keine badenden Kinder, sondern Ertrinkende», korrigiert sie eine Frau vor einem Gemälde ihrer Werkserie «Mare Nostrum». Tatsächlich lässt das in betörenden Blautönen gehaltene Werk die Betrachter auf den ersten Blick nichts Schlimmes ahnen. Und wieder redet Miriam Cahn Klartext, spitzt zu:

«Europa hat die Flüchtlinge fallen gelassen. Das Mittelmeer ist inzwischen ein Massengrab.»

Miriam Cahn vor ihrem Aquarellzyklus «Atombombe». (Bild: KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Miriam Cahn vor ihrem Aquarellzyklus «Atombombe». (Bild: KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Auch Miriam Cahns grossformatige Aquarelle in leuchtendem Cyan, Magenta und Gelb führen zuerst auf die falsche Fährte. Es sind keine Blumen, sondern Atompilze. Der Aquarellzyklus «Atombombe» aus den 1980ern markiert Miriam Cahns Hinwendung zur Malerei. Er erhält heute, kurz nach der Aufkündigung des Abrüstungsvertrags über ­nukleare Mittelstreckenwaffen durch die USA und Russland, eine erschreckende Aktualität.

Bis 16.6., Kunstmuseum Bern

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