Hier wird scharf geschrieben

Im Roman «Virginia» lässt die US-Schriftstellerin Nell Zink ein Happy End platzen und setzt mit beissendem Spott zur umfassenden Gesellschaftskritik an. Die Elite der USA kommt nicht gut weg.

Bernadette Conrad
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Es gibt diesen Moment, in dem die Literaturstudentin Peggy Vaillaincourt, kurze Locken, 17-jährig, den Starprofessor ihres Colleges in einer Weise herausfordert, die vieles entscheidet. «Peggy stand da und starrte ihn an, und er starrte zurück. Sie bot ihm einen Zigarillo an … ‹Vergessen Sie’s›, sagte Peggy. ‹Ich kann auch ohne Ihre Hilfe Stücke schreiben. Ich brauche nicht mal Anne Sextons Hilfe. Ich scheisse doppelt und dreifach auf sie und Milton.› ‹Klingt mir nach einer geborenen Schriftstellerin›, sagte er. ‹Ich würde es sehr begrüssen, wenn Sie in meine Vorlesung über englische Dichtung kämen.›»

Dass Peggy hier kurz die Rollen vertauscht, hat ihn vielleicht ausgelöst – jenen Kick, der den ansonsten nur von schwulen Dichtern umgebenen Professor veranlasst, nun für eine Weile seine Tage und Nächte mit Peggy zu verbringen und sie schliesslich sogar heiraten zu wollen. Wir sind mitten in den 1960er-Jahren. Peggy zieht vom Campus ins viktorianische Holzhaus von baufällig-morbidem Charme, das dem Dichterprofessor von seinen Eltern vermacht worden ist. Dort werden Sohn Byrdie und Tochter Mireille geboren.

Von Jonathan Franzen entdeckt und gefeiert

So weit, so klischeehaft – nur wird diese Geschichte von Nell Zink erzählt, deren Begabung für klug anspielungsreiches, von Spott- und Ironie durchsetztes Erzählen vor einigen Jahren von Jonathan Franzen entdeckt und gefeiert wurde.

Denn so ist das bei ihr, und so war es auch schon in ihren Romanen «Der Mauerläufer» und «Nikotin»: Eine Weile bedient sie die Leseerwartung, man könne hier einer weiteren brillanten amerikanischen Stimme zuhören, die in ihrem locker erzählten Collegeroman nebenbei noch eine grundlegende Kritik der bürgerlichen Ehe und der komplexen Schädigungen ihrer Kinder unterbringt, Fakten zur Umweltsituation und Rassenproblematik, Genderidentitäten und homosexueller Liebe – ähnlich ambitioniert wie Jonathan Franzen. Um aber bald zu merken, dass Zink die geläufigen Schemata nochmals trickreicher von Anfang an unterläuft. Sie nutzt Erzählmuster als Folie, als Erzählumriss, den sie entschieden anders füllt.

Tochter erhält die Biografie eines verstorbenen Kindes

Ihre Ironie kehrt die Dinge von innen nach aussen, so gnadenlos, bis die Absurdität zum Himmel schreit. Als Peggy samt Tochter die Ehe verlässt, sitzt ihr die Angst, der mächtigere Ehemann könnte sie ausfindig und ihr auch das zweite Kind abspenstig machen, so in den Knochen, dass sie ihre Tochter mit der Biografie – und den Papieren – eines verstorbenen schwarzen Kindes ausstattet. Um von da an in der Black Community ein prekäres Leben von der Hand in den Mund zu führen, in dem vor allem Drogen den Lebensunterhalt sichern.

«Seit ich in Europa lebe, sehe ich ganz klar»

Wenn dann irgendwann nach dieser gesellschaftlichen Talfahrt der schwule Ehemann und die mittlerweile glücklich liierte lesbische Ehefrau Peggy sich zufällig wiederfinden, dann entsteht das klare Gefühl, dass Zink sie alle mitten im Happy End ihrem grossen Gelächter preisgibt: die Oberschicht mit ihrem «alten Geld» und ihren beinharten Vorurteilen, die Gender- und die Minderheitenpolitik oder eine juristische Kaste, die Drogendelikte genau in dem Mass verfolgt und nicht verfolgt, wie es für das eigene Image gut ist.

«Seit ich in Europa lebe, sehe ich ganz klar, dass das Leben in den USA immer noch das in einer Kolonie ist», sagte Zink jüngst in einem Interview mit der «Berliner Zeitung». Sie lebt, in Virginia aufgewachsen, seit 2013 in einer Kleinstadt unweit von Berlin. Wie Franzen ist auch sie eine leidenschaftliche Vogelbeobachterin und -schützerin, begabt mit der Fähigkeit, im grossen Abstand besonders scharf zu sehen.

Nell Zink: Virginia. Roman. Rowohlt, 318 S., Fr. 34.–