Die grossen Schweizer Theater bleiben trotz Zuschauerbeschränkung offen. Warum tun sie sich das an?

Bloss keine digitalen Experimente mehr! In Luzern, Zürich, Solothurn oder St. Gallen wird weitergespielt - koste es, was es wolle.

Julia Stephan
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Das Zürcher Schauspielhausensemble will unbedingt weiterspielen: Hier Karin Pfammatter und Sachiko Haraim Schiffbau-Foyer in den «Corona-Passionsspielen» von Nicolas Stemann.

Das Zürcher Schauspielhausensemble will unbedingt weiterspielen: Hier Karin Pfammatter und Sachiko Haraim Schiffbau-Foyer in den «Corona-Passionsspielen» von Nicolas Stemann.

Bild: Gina Folly

50 ist eine schreckliche Zahl. Aber man muss sich mit 50 auch nicht gleich einsargen! Ob in Luzern, St.Gallen, Baden oder Zürich: Die Schweizer Theater, seit Wochen pandemiebedingt im Publikumssparmodus, zeigen sich von der neuen Zuschauerbeschränkung des Bundesrats überraschend unbeeindruckt. Sie machen weiter. Mit allen Risiken und Nebenwirkungen wie Ausfällen und Publikumsschwund. Und koste es, was es wolle. Als wollten sie zeigen, dass ihr Kulturbekenntnis nicht nur Lippenbekenntnis ist. Dass Kultur nun mal im Handeln erfahrbar wird. Und dass sie ihre Leistungsaufträge, die sie mit ihren Geldgebern ausgehandelt haben, zu erfüllen gewillt sind.

Was bedeutet das für uns Zuschauer? Müssen wir aus Solidarität mit anderen unsere Theaterbesuche nun dosieren? Kriegt ein Theaterabend nun den Anstrich eines VIP-Events? Und darf man sich nun neu über drei Sitzplätze hinfläzen wie auf einer Couch?

Kassenmitarbeiter jonglieren mit verbliebenen Tickets

Dinge, die noch erprobt werden müssen wie so vieles gerade. Die Kassenmitarbeiter arbeiten unter Hochdruck, betreiben mit den wenigen Sitzplätzen Jonglage. Mehrspartenhäuser wie das Luzerner Theater tüfteln, wie die Rossini-Oper «Il barbiere di Siviglia» ohne Herrenchor funktioniert, weil Chöre auf der Bühne nun tabu sind. Am Theater Basel, wo der Musik viel Platz eingeräumt wird, entscheidet man heute, ob so ein Sparflammenbetrieb ab nächster Woche rentiert. Die tragischste Figur in diesem Drama ist das Konzert Theater Bern: Der Kanton hat dem Haus bis 23. November den Riegel vorgeschoben, nur Proben sind noch erlaubt. Auch Kanton Solothurn gestattet nur Vorstellungen vor 30 Zuschauerinnen und Zuschauern. Beide Beschränkungen sind eine Herausforderung für das Konzert Theater Biel Solothurn. Die Paul Burkhard-Opernpremiere «Casanova in der Schweiz» will man vor 30 Journalisten zeigen. Zu gross ist der Frust der vergeblichen Müh. «Wir hoffen, dass der Kanton Solothurn auch bald wieder Vorstellungen mit 50 Zuschauern zulässt», so Intendant Dieter Kaegi. Aber auch vor 30 spiele man weiter.

«Wir haben gesehen, wie dankbar das Publikum auf das Angebot, in andere Welten einzutauchen, in den letzten Wochen reagiert hat.»
Benjamin von Blomberg, Co-Intendant Schauspielhaus Zürich

Da hatte es das Schauspielhaus Zürich deutlich einfacher. Noch am Tag des Bundesratsentscheids gab es auf seiner Website ein klares Bekenntnis ab: «Ja, wir spielen weiter.» «Wir haben gesehen, wie dankbar das Publikum auf das Angebot, in andere Welten einzutauchen, in den letzten Wochen reagiert hat», sagt Co-Intendant Benjamin von Blomberg. Das Ensemble sei hoch motiviert. Dank Coronafinanzhilfen von Bund und Kanton seien 80 Prozent der Ausfälle gedeckt. Für die fehlenden 20 suche man nach Lösungen. «Wir haben selten so stark gespürt, in welch privilegierter Lage wir uns als subventioniertes Theater befinden», so der Co-Intendant. Man wolle mit seiner Reichweite auf Künstlerinnen und Künstler in Not aufmerksam machen. Gastspiele werden aus Solidarität nicht gecancelt.

«Auf digitale Formate haben wir einfach keine Lust mehr.»Jonas Knecht, Schauspieldirektor Theater St. Gallen

Schauspieldirektor Jonas Knecht vom Theater St.Gallen ist von seinem eigenen Wagemut und dem der gesamten St.Galler Direktion selbst überrascht. Man hat «Ja» zum Betrieb gesagt. Niemand weiss, wohin das führt. Nur: «Es braucht Kultur in diesen komischen Zeiten.» Systemrelevanz könne man nicht demonstrieren, indem man sich auf Sparflammenbetrieb in digitale Formate zurückziehe. «Auf die haben wir ehrlich gesagt auch keine Lust mehr», so Knecht.

Die eigene Handlungsfähigkeit stärken

Vielleicht verbirgt sich hinter dem Stemmen dieser Herkulesaufgabe auch der Versuch, sich als handelndes Subjekt wieder mehr zu spüren. Gerade in einer Zeit, wo sich viele bevormundet fühlen, stärken diese Bekenntnisse zum Theater wieder die eigene Handlungsfähigkeit.