Interview

KKL-Neujahrskonzerte: Stargeiger Vadim Gluzman  über seine Beziehung zu Luzern, Beethoven und den Sinn für Freiheit

Den israelischen Geiger Vadim Gluzman und das Luzerner Sinfonieorchester verbindet eine zehnjährige Geschichte. Nun steht beim Neujahrskonzert eine weitere Zusammenarbeit bevor.

Katharina Thalmann
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Sie starten das neue Jahr in Luzern. Vor zwei Jahren erschien Ihre Aufnahme von Johannes Brahms’ Violinkonzert D-Dur op. 77 mit dem Luzerner Sinfonieorchester und dem Dirigenten James Gaffigan. Welche Beziehung haben Sie zu Luzern?

Vadim Gluzman: Mein erster Auftritt mit dem Luzerner Sinfonieorchester war vor fast zehn Jahren, als ich Sofia Gubaidulinas Konzert «In Tempus Praesens» aufgenommen habe. Über die Jahre habe ich die positive Entwicklung dieses Orchesters miterlebt. Und sobald Brahms aufgenommen war, planten wir das nächste Projekt: Die Aufnahme von Beethovens Violinkonzert mit Alfred Schnittkes Kadenz und seinem dritten Violinkonzert.

«Oft spielt die Geige die zweite Stimme – aber eine unfassbar wichtige zweite Stimme», beschreibt der aus der ehemaligen Sowjetunion stammende Gluzman sein Instrument.

«Oft spielt die Geige die zweite Stimme – aber eine unfassbar wichtige zweite Stimme», beschreibt der aus der ehemaligen Sowjetunion stammende Gluzman sein Instrument.

Bild: Marco Borggreve

Das Beethoven-Konzert nehmen Sie zum ersten Mal auf. Was verbinden Sie mit dem Stück?

Es gehört nicht zu den Werken, die ich früh in meiner Karriere auf die Bühne genommen habe. Ich hatte nie das Gefühl, dafür bereit zu sein. So schloss ich einen Pakt mit mir selbst: Ich wollte es nicht spielen, bevor ich 30 wurde. Und das Schicksal war derselben Ansicht: Erst mit 30 wurde ich eingeladen, das Stück zu spielen. Im gleichen Jahr wurde ich Vater.

2020 feiert die ganze Welt Beethovens Geburtstag. Was bedeutet es für Sie, Beethovens Violinkonzert genau dann aufzunehmen?

Das ist überhaupt nicht beabsichtigt. Es ist einfach so passiert, unabhängig von diesem Geburtstags-Brimborium. Bei aller Liebe: Wir haben Beethoven schon die letzten 200 Jahre gespielt und werden seine Musik auch weiterhin spielen.

Im November feierte Europa ein ganz anderes Jubiläum: Vor 30 Jahren fielen die Berliner Mauer und der Eiserne Vorhang. Deswegen wanderten Sie mit Ihrer Familie aus der Sowjetunion nach Israel aus. Welchen Einfluss hatte dieser Umzug auf Ihre Biografie und Ihre künstlerische Entwicklung?

Ich war damals 16 Jahre alt. Mir war bewusst, wie schrecklich die Sowjetunion war, aber ich war kein erwachsener Mensch. Ich will in keinem Sinne politisch klingen, aber damals hatte ich zum ersten Mal im Leben einen Sinn für Freiheit. Sie ist der Unterschied zwischen einer Demokratie und einem totalitären Regime. Das betrifft jeden Aspekt des Alltagslebens: vom Anstehen für das Essen bis zur Art, wie Musik unterrichtet wird. Und Wahl- oder Meinungsfreiheit – das gab es alles nicht.

Was hat Wahlfreiheit mit Musikunterricht zu tun?

Ich erinnere mich an meine erste Geigenstunde ausserhalb der Sowjetunion. Mein Lehrer fragte mich nach meiner Meinung über eine bestimmte Passage in einem Stück. Ich war wie eingefroren! Ich wurde noch nie zuvor nach meiner Meinung gefragt. Es war, als hätte ich zum ersten Mal wirklich Sauerstoff eingeatmet, um dann zu realisieren, dass ich in den Jahren zuvor noch nie geatmet hatte. Es war ein fast schwindelerregendes Gefühl.

Damit schliesst sich der Kreis zum Neujahrskonzert: Sie kombinieren den Freiheitskämpfer Beethoven mit Schnittke, der ein Dissident war – am 250. Geburtstag Beethovens und dem 30. Jahrestag des Mauerfalls.

Stimmt genau. Alfred Schnittkes Kadenzen für das Beethoven-­Konzert sind sensationell. Ich liebe, dass er darin die ganze Geschichte der Violine ab Beethoven zitiert: Brahms, Schostakowitschs erstes, Bartoks zweites Violinkonzert, Alban Berg – er zeigt uns damit, dass alles, was seither passiert ist, von Beethoven abstammt.

Im Oktober erschien Ihre neue Aufnahme mit Klaviertrios von Tschaikowsky, Babajanian und Schnittke. Wie und warum halten Sie diese Balance zwischen Kammermusik- und Soloaufnahmen?

Ich wünschte, ich könnte mehr Kammermusik spielen! Sie ist der Grundstein jeglichen Musizierens. Musik ist – unabhängig von der Besetzung – immer ein Dialog. Wird Musizieren zum Monolog, ist das eine sehr langweilige Angelegenheit. Das ist nicht zu empfehlen.

Wie sind Sie zu dieser Erkenntnis gekommen?

Als ich mit 16 Jahren nach Israel kam, hatte ich überhaupt keine Erfahrung mit Kammermusik. Alles, was ich bis dato gemacht hatte, war, so viele Noten wie möglich zu spielen. Dann unterrichtete mich Isaac Stern. Er sagte zu mir: Geh zurück an die Musikakademie und spiel die zweite Violine in Haydns Streichquartetten. Das war eine persönliche Beleidigung für mich. In der Sowjetunion befand sich Kammermusik auf der tiefsten Stufe der Wahrnehmung. Sogar Beethovens Grosse Fuge oder Schuberts Quintett. Und dann auch noch die zweite Geige – bei Haydn! Sobald ich aber die erste Pause zu spielen hatte, wusste ich, warum mir Stern diese Aufgabe gegeben hatte: Ich konnte nicht weiterspielen. Ich konnte nicht zählen. Ich wusste nicht, was eine Pause war.

Inwiefern ist denn Beethovens Konzert Kammermusik?

Stellen Sie sich vor, man würde dieses Stück mit einer Solistenmentalität spielen. Das ist Unsinn. Das ganze Stück ist ein Dialog zwischen Orchester und Solist. Oft spielt die Geige die zweite Stimme – aber eine unfassbar wichtige zweite Stimme!

Hinweis: Neujahrskonzerte des Luzerner Sinfonieorchesters im KKL: Mittwoch, 1. Januar, 17 Uhr, Donnerstag, 2. Januar, 11 Uhr (Beethoven, Brahms, J. Strauss)