Mit dem Virus geht die Kultur online

Die Corona-Krise führt auch im Veranstaltungsbereich zu einem Digitalisierungsschub. Am Mittwoch geht ein erstes Ersatzkonzert von Luzern aus online.

Urs Mattenberger
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Spielt statt an der Schlagernacht in einem Luzerner Büro: Der Schlagersänger Marc Pircher.

Spielt statt an der Schlagernacht in einem Luzerner Büro: Der Schlagersänger Marc Pircher.

Bild: PD

Seit Dienstag steht fest, dass auch in unserer Region live und öffentlich bis Ende April keine Kulturveranstaltungen mehr stattfinden. Mit dem Kleintheater Luzern (am Montag) und dem Südpol (am Dienstag) haben die letzten Kulturhäuser in Zentralschweiz bekannt gegeben, dass sie ihre Tore schliessen.

Dass Kultur praktisch von einem Tag auf den andern überhaupt nicht mehr stattfindet, wäre bis vor ein paar Tagen nicht nur unvorstellbar gewesen. Es ist auch paradox. Zum einen schreit «die diffuse Bedrohung durch das Virus nach Kunstschaffenden, um zu reflektieren, was sich gerade ereignet, und um andere Räume jenseits von diffuser Angst und Isolation zu schaffen». So formulierte es Benjamin von Blomberg, Co-Intendant des Schauspielhauses Zürich, im Gespräch mit unserer Zeitung. Zum anderen kann Kunst gerade in solchen Zeiten «Medizin» für die Seele sein, wie sich ein Besucher letzte Woche nach dem für lange Zeit letzten Konzert im KKL über die Johannes-Passion begeisterte.

Neue Tanz- und Theater-Plattform

Die Ausweichmöglichkeit, die sich anbietet, scheint die, dass auch die Kultur vermehrt online geht. So gesehen könnte die Corona-Krise, ähnlich wie an den Schulen, die Digitalisierung im Kultur- und Unterhaltungssektor vorantreiben. Denkbar ist ein breites Spektrum von neuen Vertriebskanälen über Streamings bis zu neuen Formaten.

Ein Beispiel für Ersteres ist die Homepage «spectyou», die künftig Aufzeichnungen von Theaterstücken, klassischem und zeitgenössischem Tanz und Performances an Schweizer Theatern online verfügbar macht – «in voller Länge, überall und jederzeit». «Damit das kulturelle Leben auch dort stattfinden kann, wo die Menschen zu Hause bleiben müssen», geht «spectyou» bereits am 19. März online, früher als geplant und als öffentliche Testphase. Schon jetzt können Trailer zu einzelnen Produktionen eingesehen werden, etwa zur Performance «This is me*» der Innerschweizerin Beatrice Fleischlin, die im Herbst im Südpol zu sehen war (www.spectyou.com).

Aber Online-Kanäle und Digitalisierung könnten über solch dokumentarische Funktionen hinaus Impulse geben für neue Formen. Ein Beispiel dafür hätte die «Taylor AG» des Luzerner Theaters gezeigt. Als Serie in fünf Staffeln und 30 Folgen war schon das Spiel in der Box an Fernsehformate angelehnt. Die Idee, das nach dem Aufführungsstopp als Live-Stream anzubieten, ging noch einen Schritt weiter in diese Richtung. Aber das Ansteckungsrisiko durch den Virus führte zu einem Stop auf der Produktionsseite: Weil ein Schauspieler dafür jedes Mal aus Zürich hätte anreisen müssen, wurde auch diese Produktion abgesagt. Und wo nichts gespielt und produziert wird, gibts auch nichts, was man online übertragen könnte.

Schlagerstar Marc Pircher spielt online

Fragt man Musiker nach Ideen für neue Online-Formate, zeigen sich viele interessiert. Aber die meisten verweisen darauf, dass sie vorerst noch andere und grössere Sorgen haben, etwa durch Einnahme-Ausfälle infolge abgesagter Konzerte.

Allerdings gibt es Veranstaltungen, die sich für online-Formate geradezu anbieten. Dazu gehören Kleinformate wie etwa die «Blind Dates» des Luzerner Sinfonieorchesters, das sich erst später Gedanken zu möglichen Online-Ideen machen kann. In den «Blind Dates» spielen Musiker in Kleinstbesetzungen, die problemlos in privaten Räumen Platz fänden. Ergänzt mit einem interaktiven Chat könnte man da den Musikern unter Umständen nochmals anders nahe kommen als im Live-Konzert.

Einen eigentlichen «Digitalisierungsschub» in allen gesellschaftlichen Bereichen erwartet Roger Givel. Er vertreibt auf der in Luzern angesiedelten Web-Zeitschrift «Marktindex» Lifestyleprodukte und Freizeitangebote, darunter auch Konzerte. Givel ist in der Region der erste, der nach der Absage eines Konzerts aufgrund der Corona-Krise online Ersatz bietet. Denn der österreichische Schlagerstar Marc Pircher hätte in der Schlagernacht in Luzern auftreten sollen. Als diese abgesagt wurde, kam Givel die Idee zum Online-Konzert. «Dass das soziale Leben und die Kultur am Boden liegen, ist ja für viele Menschen eine sehr schwierige Situation», begründet er sein Engagement, «auch deshalb, weil viele gar nicht mehr allein sein können. Da kann eine schöne Stunde mit Musik Mut machen.»

Eine Online-Messe als Luga-Ersatz

Auch online kann ein solches Konzert das Gefühl für die Gemeinschaft stiften, die bei live-Konzerten wichtig ist, hofft Givel. Geld einnehmen kann er damit nicht – der Stream am Mittwoch um 20.15 Uhr auf www.marktindex.ch ist gratis, die Kosten werden durch einen Sponsor gedeckt. Aber auch der Aufwand ist niedrig. «Marc Pircher hat sich in meinem Büro ein kleines Studio eingerichtet und spielt mit seinem Akkordeon quasi zwischen Stuhl und Bank» lacht der Unternehmer. Die live-Atmosphäre unterstützt Andy Wolf als Moderator und der Chat, bei dem Pircher Zuhörern Red und Antwort steht.

Ein Studiogast, der live Musik macht, ist zwar kein neues Format. Ein solches plant Givel aber im grossen Stil mit einer Online-Messe, die für die abgesagte Luga in die Lücke springen soll. Sie dient als Plattform für Messeanbieter, die den Mangel an physischer Präsenz durch eine grosse Reichweite ausgleicht. 600'000 Follower zählt Giver in allen sozialen Medien, die er bewirtschaftet. So viele Freunde suggerieren die Nähe, nach der wir uns nach einem Wort von Simonetta Sommaruga auch in Zeiten der sozialen Distanzierung alle sehnen.

Online-Konzert Marc Pircher: Mittwoch, 20.15 Uhr; www.marktindex.ch. Die Homepage www.messe-online.ch wird am Mittwochnachmittag aufgeschaltet.

Wir suchen: Kultur als Online-Projekte

Wir möchten regionale Projekte vorstellen, die als Reaktion auf den Veranstaltungsstopp kulturelle Aktivitäten ins Internet verlagern. Dafür suchen wir Kultur- und Theaterschaffende sowie Musiker und Filmemacher, die entsprechende Projekte am Laufen haben oder planen, sei es in Form einer Online-Galerie, von Musik-Streams oder von experimentellen neuen Formaten. Wer an einer Berichterstattung interessiert ist, meldet sich unter kultur@luzernerzeitung.ch.