Hammerschläge und Lauchkunst: Nelly Haliti und Valentina Minnig in Luzern

Zwei Schweizer Künstlerinnen sind zu Gast im o.T. Raum für aktuelle Kunst. Nelly Haliti spielt mit gespenstischen Grenzen, während Valentina Minnig unser ambivalentes Verhältnis zur Natur hinterfragt

Giulia Bernardi
Drucken
Teilen
Vogelfutter unter Draht: Valentina Minnig hat das Leben im Garten des Kunstraums o.T. in eine Installation übersetzt. (Bild: Mario Caviezel/PD, Luzern, 2. März 2019)

Vogelfutter unter Draht: Valentina Minnig hat das Leben im Garten des Kunstraums o.T. in eine Installation übersetzt. (Bild: Mario Caviezel/PD, Luzern, 2. März 2019)

Nach der Idylle im Garten vor dem Kunstraum wirken die Hammerschläge auf der grossformatigen Leinwand umso härter. Ähnlich, wie das Metall die feine Oberfläche der Leinwand durchdrungen hat, bricht die Genferin Nelly Haliti mit den ­Erwartungen der Besucher. Und auch ihr künstlerisches Schaffen nimmt in der Ausstellung «On the run» im o.T. Raum für aktuelle Kunst eine Wende, hin zur Schnittstelle von Malerei und Aktionskunst.

Während fünf Jahren hatte sich Nelly Haliti, geboren 1987 in Martigny, mit dem Medium der Malerei befasst: Die darin enthaltenen Elemente waren teils figurativ, teils abstrakt, teils wild überlappend, teils säuberlich im Bildraum angeordnet. Später kamen installative Arbeiten dazu.

Neugier und Irritation locken aus der Komfortzone

So zog sie in Basel an den Swiss Art Awards 2018 eine halbtransparente Glasscheibe durch einen der Räume, die diesen mittig durchtrennte. Eine invasive Arbeit, die Sehgewohnheiten herausforderte und mit der Dichotomie von Ein- und Ausgrenzung, Schutz und Gefangenschaft spielte. «Un chant d’amour» erinnerte in vielerlei Hinsicht an die Ausstellung «Refaire le monde» von Gianni Motti, die letztes Jahr im Helmhaus Zürich zu sehen war. Motti oder «das schlechte Gewissen der Gegenwartskunst», wie er damals beschrieben wurde, hatte eine Etage des Museums mit Stacheldraht abgesperrt. Damit war ein sonst offener Raum auf einmal unzugänglich.

Wie sich bei «Un chant d’amour» die radikale, rohe Gewalt durch eine materielle Grenze im Raum manifestierte, verweisen nun in Luzern die Löcher und Risse in der Leinwand auf ihre schon fast gespenstische ­Präsenz. Neugier und Irritation locken aus der Komfortzone. Wir müssen näher herantreten, um die brutal entstandenen Löcher zu erforschen. Diese ergeben Muster und werfen Fragen auf. Fragen nach den Grenzen des künstlerischen Schaffens sowie den eigenen Erwartungen.

Was würden die Vögel tun?

«Das ist für die Vögel», antwortete die alte Frau, als Valentina Minnig sie nach der Bedeutung des aufgespiessten Gemüses fragte. Vor dem Kunstraum o.T. sah die Künstlerin bei einem ihrer Besuche eine Karotte und eine Peperoni auf ein Gitter aufgespiesst. Für die Vögel also. Diese absurde Beobachtung spielt Valentina Minnig, 1991 in Chur geboren und heute in Zürich daheim, in ihrer Ausstellung «Plastic, it’s fantastic» nach.

Mit einer weissen Blache hat sie den Raum ausgelegt, die so gewissermassen als Bühne für ihre Handlungen dient. An der Wand lehnt ein Gitter, darauf sind zwei Lauchstangen aufgespiesst. Eine absurde Installation, die Verschwendung auf theatralische Weise vergegenwärtigt. Der Lauch wird hier zur feinsäuberlich präsentierten Trophäe. «Und was würden die Vögel wohl für die Menschen an das Gitter anbringen?», fragte sich Valentina Minnig. Vielleicht Drähte und Verschlüsse, welche die Vögel mit ihren kleinen Schnäbeln einsammeln können? Ebendiese Gegenstände sind an drei Gittern einer weiteren Installation befestigt, die mitten im Raum steht.

Lieber im Fitnessstudio joggen als im Wald

So absurd, wie dieser Gedanke zunächst erscheint, ist er letztlich nicht weniger absurd als unser ambivalentes Verhältnis zur Natur. Eigentlich mögen wir die Natur, gehen aber lieber im Fitnessstudio joggen, mit Sicht auf einen Bildschirm, der uns durch einen idyllischen Wald führt. Das ist sicherer, denn der Waldweg könnte uneben sein, die Erde im Schuh stören. Diese Überlegung reproduziert Minnig, indem sie Geräusche aus dem umliegenden Garten aufnimmt und über Lautsprecher in den Raum transferiert.

Wenn Gianni Motti und Nelly Haliti das schlechte Gewissen der Gegenwartskunst sind, so ist Valentina Minnig jenes unseres Konsumverhaltens. Sie schafft eine Bühne für eine absurd-­verdrehte Welt, in der wir die Hauptrolle spielen.

Die Ausstellung dauert bis am 6. April. An der Finissage gibt es ein Gespräch mit den beiden Künstlerinnen und einer Kunsthistorikerin: um 16 Uhr im o.T. Raum für aktuelle Kunst, ­Sälistrasse 24, Luzern.