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Hans Magnus Enzensberger stiehlt sich nicht aus der Geschichte - und überlebt mit leisem Spott

Der grosse Intellektuelle und Essayist Hans Magnus Enzensberger schildert in 106 Anekdoten seine Kindheit, Jugend und Studienzeit von den 1930er- bis in die 1950er-Jahre: Spielerisch gestaltet, fabelhaft erzählt.
Hansruedi Kugler
Der Autor Hans Magnus Enzensberger (Bild: Hansruedi Kugler)

Der Autor Hans Magnus Enzensberger (Bild: Hansruedi Kugler)

Was für ein Schelm! Was für ein Freigeist! Hans Magnus Enzensberger, einer der legendären deutschen Nachkriegslinken, ist noch mit 89 Jahren ein fabelhafter Formulierungskünstler und vor allem ein charmanter, völlig unabhängiger Kopf. Es ist das reine Vergnügen, diese Anekdoten aus seiner Kindheit, Jugend und Studienzeit zu lesen. Da sind die persönlichen Erlebnisse, die der 1929 in Nürnberg geborene und im freiheitlichen Elternhaus aufgewachsene Knabe immerzu mit der Familiengeschichte, mit der Weimarer Republik, der Nazizeit, mit Nachkriegsdeutschland verknüpft.

Man kann die Anekdoten als Geschichtsbuch lesen. Vor allem aber: Die Erzählhaltung ist von so heiterer Gelassenheit, wie sie einem in Deutschland selten begegnet, scharfsinnig ohne Zeigefinger. Es ist ein Erinnerungsbuch, das das Lebensfreudige des Autors, das ohne jeden Moralismus auskommt, in der spielerischen Gestaltung übernimmt. Zu jeder der 106 Anekdoten ist ein Foto, eine Illustration, ein Dokument gestellt.

Zwei Illustrationen aus dem Buch: Werbung für die Hitlerjugend 1943... (Bild: PD)
... und Spielzeug. (Bild: Reklame)
2 Bilder

Hans Magnus Enzensberger: Illustrationen aus dem Buch

Deutscher zu sein, ist kein neurotischer Beruf

Um seine Biografie hat Enzensberger bisher wenig Aufhebens gemacht. Umso überraschender ist nun dieses persönliche, aber immerzu mit feinem Spott verfasste Buch. Wie um zu beweisen, dass es Deutsche gibt, die trotz ihrer grässlichen Geschichte politisch und historisch klarsichtig und gleichzeitig davon nicht traumatisiert, verbittert oder neurotisch geworden sind.

Zu dieser Haltung gelangt Enzensberger, der sich im Buch immerzu M. nennt, schon als Student in der Nachkriegszeit: «M. war auf dem besten Wege, ein hoffnungsloser Deutschland-Neurotiker zu werden, einer von denen, die sich dazu berufen glauben, die eigene Nation Mores zu lehren. Als er endlich einsah, dass es kein Beruf ist, Deutscher zu sein, zog er fort und hielt sich längere Zeit unter anderen Leuten auf. Diese Flucht, wenn es eine war, erwies sich als heilsam.»

«M. war auf dem besten Wege, ein hoffnungsloser Deutschland-Neurotiker zu werden, einer von denen, die sich dazu berufen glauben, die eigene Nation Mores zu lehren. Als er endlich einsah, dass es kein Beruf ist, Deutscher zu sein, zog er fort und hielt sich längere Zeit unter anderen Leuten auf. Diese Flucht, wenn es eine war, erwies sich als heilsam.»

Hans Magnus Enzensberger: Eine Handvoll Anekdoten. Suhrkamp, 239 S., Fr. 38.–

Hans Magnus Enzensberger: Eine Handvoll Anekdoten. Suhrkamp, 239 S., Fr. 38.–

Er mogelt sich zum Doktortitel

Die Prise Eitelkeit verzeiht man ihm gerne. Denn auch wenn er über seine Fehler berichtet, erzählt er es mit feinem Schalk. Enzensberger ist sich aber auch der Konstruktion der Erinnerung bewusst. Die Erinnerung ist unzuverlässig, die Anekdote eine mögliche Annäherung an die Wahrheit – ohne Garantie. Aber er habe weder Lust zur akribischen Tagebuch-Autobiografie noch an der deutschen Tradition des Bildungsromans weiterzustricken, schreibt er.

Unverblümt berichtet er über sich: Als Knabe habe er seine jüngeren Brüder geplagt. Er war ein hoch intelligenter, notorischer Besserwisser, schildert, wie er als Schwarzhändler zum Zigarettenmillionär und zum eitlen Geck wurde, dann Dolmetscher für die amerikanischen und britischen Besatzer. Am Ende dieses Buches ist er ein fauler Student, der sich zwischen Vorlesungen in Germanistik, Psychiatrie und Philosophie zum Doktortitel mogelt. Enzensberger wird hier zum Typus, der sich immer wieder den Zumutungen der Zeitgeschichte entziehen konnte: Der Hitlerjugend, dem Krieg und später allen falschen Autoritäten.

Er stiehlt sich nicht aus der Geschichte

Aber er stiehlt sich nicht aus der Geschichte heraus. Die zerbombten Städte findet er als Jugendlicher einen tollen Spielplatz, die Bombennächte haben für ihn einen abenteuerlichen Reiz und die paar Jahre Chaos nach dem Kriegsende beschreibt er als Zeit der grossen Freiheit. Und zieht ein selbstkritisches Fazit:

«Den Preis, den die meisten dafür zu zahlen hatten, ihre Not, ihre Angst, ihre Verwirrung, vergisst M. oft eigens zu erwähnen, und so finden seine Erzählungen wenig Zustimmung. Wegen seiner moralischen Mängel und wegen seines Leichtsinns ist er oft getadelt worden.»

Enzensbergers Erinnerungsbuch ist voller grandioser Passagen: Humorvolle wie jene über den Ehekrieg der Grosseltern; schockierende wie jene des Kinobesuchs mit dem ersten Auschwitz-Film.

Eine der besten spöttischen Anekdoten: Als er sich als kleiner Junge in Nürnberg zwischen den Stiefeln einer Menschenmenge durchwindet, sieht er nach einer Motorrad-Kolonne einen kleinen Mann im offenen Auto vorbeifahren: Adolf Hitler. M. sei enttäuscht gewesen: «Ihm war so, als hätte man ihm zum Weihnachtsabend ein verheissungsvolles Paket geschenkt und es wäre nur Holzwolle darin gewesen.»

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