«Die Schule geht kaputt»: Die Luzerner Theaterschaffende Elvira H. Plüss arbeitet die Probleme des heutigen Schulsystems satirisch auf

Im Zentrum von Plüss’ Kritik steht das Modell der integrierten Förderung von Kindern mit Sozialisierungs- und Lernproblemen in Regelklassen. «Marokko oder die Schule brennt» wird vom 17. bis zum 20. November viermal im Südpol, Kriens, aufgeführt.

Stefan Welzel
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Junge Tramperin und Lehrerin: die Basler Schauspielerin Annina Polivka; Livemusik: Cyrill Michel.

Junge Tramperin und Lehrerin: die Basler Schauspielerin Annina Polivka; Livemusik: Cyrill Michel.

Bild: Ingo Höhn/PD

Ein gut funktionierendes Schulsystem ist zweifellos eine wichtige Grundlage eines jeden zivilisierten, demokratischen und säkularen Staates. Wenn es an dieser Basis hapert, steht vieles andere auf zerbrechlichen Füssen. Mit den Problemen unseres Bildungsapparates setzt sich die Luzerner Theatermacherin Elvira H. Plüss in ihrem aktuellsten Stück «Marokko oder die Schule brennt» auseinander. Und Plüss macht das nicht aus dem Blauen heraus: Sie hat neben ihrer Tätigkeit als Schauspielerin, Autorin und Regisseurin 22 Jahre lang in kleineren Pensen als Lehrerin gearbeitet. Im Luzerner Südpol feiert das Stück, eine Theater-Lilith-Produktion, am kommenden Dienstag Premiere.

Im Zentrum von Plüss’ Kritik steht das Modell der integrierten Förderung von Kindern mit Sozialisierungs- und Lernproblemen in Regelklassen. Nebst ihren eigenen Erfahrungen kann sie auf Berichte von Kolleginnen und Kollegen zurückgreifen. Sie führte bei ihren Recherchen zahlreiche Interviews mit Lehrpersonen aus unterschiedlichsten Kantonen. Die Reaktionen waren gemäss Plüss fast immer die gleichen: Es fehlt in den Augen vieler an Ressourcen, um die integrierte Förderung sinnvoll durchzuziehen. «Die Schule geht kaputt – Bürokraten bestimmen über die Köpfe der Lehrerinnen und Lehrer hinweg. Die Integration funktioniert nicht ohne genügend Lektionen für die lernbehinderten Kinder und ohne genügend Lehr- und Heilpädagogenpersonal», zieht Plüss ein Fazit.

Theater als ideales ­ Medium

Für die Theatermacherin war klar, dass sie dieses akute Thema auf die Bühne bringen wollte. «Dafür ist Theater immer noch ein ideales Medium. Kaum ein anderes kann auf soziale Entwicklungen so schnell reagieren wie die Bühnenkunst», erklärt Plüss. Lange beschäftigte sie sich mit den Möglichkeiten und Formen einer Umsetzung, kam dabei aber auf kein Ergebnis. Während einer Marokko-Reise trat die Lösung zu Tage. «Dabei habe ich mich erinnert, wie einem Kollegen nach 34 Jahren gekündigt wurde», so Plüss. In ihrem Stück steht dieses Schicksal einer von zwei Hauptfiguren Pate. Ein älterer Schweizer Lehrer wandert, seiner Stelle beraubt und vom Job desillusioniert, nach Marokko aus, um ein Airbnb-Hostel zu betreiben. Zu ihm gesellt sich eine junge Tramperin aus seinem Heimatland. Sie ist ebenfalls Lehrerin und verarbeitet auf ihrem Trip ein erstes Burn-out.

Zwei völlig unterschiedliche Schweizer Viten, die an der Entwicklung des Bildungssystems scheitern und sich an der Küste Nordafrikas kreuzen – das ist auf den ersten Blick ein ungewöhnliches Setting. Aber Plüss nimmt geografische Distanz, um den Blick auf die Umstände durch ihre Protagonisten zu schärfen. Dabei musste sie kurzfristig den Hauptdarsteller austauschen. Andrej Togni springt für Manuel Kühne ein, der aus gesundheitlichen Gründen passen musste. Angesichts der Tatsache, dass die zwei Hauptdarsteller jeweils auch noch andere Figuren spielen, eine «grosse Herausforderung für Togni», wie Plüss erklärt. «Aber wir können uns glücklich schätzen, mit ihm einen derart professionellen Ersatz gefunden zu haben.» Und was erst recht passt: Der 65-jährige, vielseitige Theatermann Togni hat sich einst zum Sekundarlehrer ausbilden lassen. Ihm zur Seite steht die junge Basler Schauspielerin Annina Polivka.

Sozialpolitische ­ Relevanz

Was der Ausgangslage entsprechend nach einem introspektiven Sozialdrama klingt, ist aber eine Mischung aus Komödie, Tragödie und Satire. «Man muss Dingen, die einem bierernsten Problem zugrunde liegen, auch mit dem nötigen Humor begegnen können. Und ich denke, das schaffen wir in dem Stück ganz gut», führt Plüss mit einem Lachen aus. Dafür wird auch Situationskomik und manch eine etwas überzeichnete, karikierte Figur sorgen.

Der sozialpolitischen Relevanz soll dies keinen Abbruch tun, denn für Plüss ist klar, dass ihre kritische Sicht auf unser Bildungssystem in «Marokko oder die Schule brennt» einen Diskurs mit anschieben soll. Dafür wendet sie sich auch explizit an Lehrpersonen und Verantwortliche aus dem Bildungssektor. «Es werden tiefgreifende Veränderungen im Schulsystem vorgenommen, obwohl die Finanzen für die Reformen von den Gemeinden nicht bereitgestellt werden», sagt Plüss und führt aus: «Für eine seriöse Umsetzung all der Reformen aber müssen wir als Gesellschaft schlicht bereit sein, mehr Geld in die Bildung zu investieren, damit wir allen Kindern gerecht werden können.» Dies würden wir auch den Lehrerinnen und Lehrern schulden, findet die Theatermacherin. Was dabei herauskommen kann, wenn Letzteren die Energie und Motivation abhandenkommt, kann man nun in «Marokko oder die Schule brennt» auf der Bühne des Südpols miterleben.

Dienstag, 17. November (Uraufführung, Abendkasse nach Verfügbarkeit), 20 Uhr, weitere Daten: Mittwoch bis Freitag, 18. bis 20. November, jeweils 20 Uhr, Südpol, Kriens; www.sudpol.ch.