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Mit Rollstuhl in freier Wildbahn: Der neue Roman von Martin Hailer

Der Rothenburger Martin Hailer ist schwer behindert. In einem Roman erzählt er, wie sein Protagonist dank einem neuen Betreuungsmodell an Selbstbestimmung gewinnt. Und das ist oft auch erstaunlich witzig.
Arno Renggli
Martin Hailer aus Rothenburg will möglichst selbstbestimmt leben. (Bild: Pius Amrein (17. Juni 2015))

Martin Hailer aus Rothenburg will möglichst selbstbestimmt leben. (Bild: Pius Amrein (17. Juni 2015))

Sascha ist ein Draufgänger, ein Rebell, ein Partyhengst. Sascha ist wegen einer Muskelkrankheit schwer behindert, auf den Rollstuhl angewiesen, und er weiss, dass er an dieser Krankheit irgendwann sterben wird. Sascha ist die Hauptfigur im Roman «Geisterfahrer».

Geschrieben hat ihn der Rothenburger Martin Hailer (38). Er hat eine ähnliche Behinderung, die auch ihn in den Rollstuhl zwingt. «Im Gegensatz zur Krankheit von Sascha, welche die Lebenserwartung enorm reduziert, verläuft meine in der Regel recht stabil», sagt Martin Hailer. Nachdem er in seinem 2012 erschienenen Roman «Was guckst du so behindert?» vom Erwachsenwerden als Schwerstbehinderter erzählt hat, geht es diesmal um das Leben mit dem IV-Assistenzbeitrag.

Die Hilfe und Pflege selber organisieren

Dieser wurde 2012 schweizweit eingeführt. Das Ziel: die Selbstbestimmung von Menschen zu fördern, die im Alltag Hilfe brauchen. Konkret wird diesen ein jährlicher Geldbetrag zur Verfügung gestellt, mit dem sie die Hilfe selber organisieren und finanzieren können. Damit kann etwa autonomes Wohnen ausserhalb eines Heims ermöglicht werden. Auch geht es um eine bessere soziale Integration von Menschen mit Behinderungen sowie um eine Entlastung der Angehörigen.

Martin Hailer nimmt diesen Assistenzbeitrag selber in Anspruch und lebt seit 2003 selbstständig mit seiner Partnerin anstatt wie früher bei der Familie oder in einem Heim. «Ich bin erstaunt, dass dieses Angebot bisher eher selten genutzt wird», sagt er. Gut 2000 Menschen seien es in der Schweiz. Mit seinem Roman will er die Chancen zeigen, welche dieses Modell bietet. Aber dabei auch die Herausforderungen und Schwierigkeiten nicht verschweigen, die ein Leben mit dem Rollstuhl «in freier Wildbahn» bedeutet.

Und dafür ist Romanheld Sascha genau der Richtige. Der junge Rollstuhlfahrer hat sich nämlich entschieden, das Wohnheim für Behinderte zu verlassen und mit Hilfe des Assistenzbeitrags in einer eigenen Wohnung zu leben. Dass der lebenshungrige Chaot nur schon punkto Administration auf die Welt kommt, ist klar. Und bietet dem Autor Gelegenheit für den Humor, der sich durch das ganze Buch zieht. So artet der Umgang mit der zuständigen IV-Sachbearbeiterin rasch in einen Kleinkrieg aus, wobei dieser dann noch eine deftige Überraschung parat hat. Und auch die Suche nach Betreuern hat es in sich, zumal sie alle möglichen seltsamen Kandidaten anzieht.

Aber irgendwie kriegt Sascha sein neues Leben zum Laufen. Und kann sich auch um die wirklich wichtigen Dinge kümmern. Zum Beispiel mit seiner Band, die aus lauter «Behindis» und dabei ziemlich schrägen Typen besteht, durchzustarten. Und vor allem bei einem netten Girl zu landen. Ob es dann wirklich die süsse Bianca sein wird? Oder doch eher die burschikose Lia, die auf der Bühne einer Bar Gesellschaftskritik und Weltschmerz vorträgt?

Auch heikle Themen werden aufgegriffen

Aus dieser Frage sowie rätselhaften Mitteilungen auf Saschas Computer, die ihn immer wieder in spezielle Situationen leiten, bezieht der Roman seinen Spannungsbogen. Der ist vielleicht nicht übermässig stark. Dafür ist die Rahmenhandlung erzählerisch sehr gelungen: Sascha sitzt auf der Polizeiwache ein und erzählt seine Story einem Beamten und einem inhaftierten Hooligan, dem er das eine oder andere Aha-Erlebnis beschert.

Insgesamt lebt der Roman aber vor allem von seinen Figuren, seinem tollen Humor und natürlich seiner Authentizität punkto Leben mit einer schweren Behinderung. Hier weicht er auch heiklen Themen nicht aus, zum Beispiel Anfeindungen gegen Behinderte oder Saschas Erfahrung mit einer Sexarbeiterin. Sicher ist er als Hauptfigur mit seinem Selbstvertrauen und seiner Angriffigkeit eine überdurchschnittliche Person. Und vielleicht sind seine Erfolge als Musiker oder bei Frauen aus Sicht der Mehrheit behinderter Menschen auch etwas Wunschdenken. Aber gerade so ermöglicht Sascha einen anderen Blick auf Behinderte: als Menschen mit Träumen sowie dem Wunsch nach Spass und Lebensfreude.

Martin Hailer: Geisterfahrer. Ein Sozialroman. www.il-verlag.com 274 S., Fr. 19.20
Nächste Lesung mit Martin Hailer: 15. September, 18.30 Uhr, Bauernhof Lügisingen, Rothenburg.

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