Bedrohte Lebensräume:
Mit Schönheit aufrütteln

Die «Genesis»-Bilder von Sebastião Salgado ziehen magisch an. Im Museum für Gestaltung Zürich sind 245 Arbeiten des brasilianischen Fotografen zu sehen, die auch vor der Zerstörung der Natur warnen.

Martin Preisser
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Zügelpinguine auf einem Eisberg in der Antarktis (Süd-Sandwichinseln, 2009). (Bild: Sebastião Salgado)

Zügelpinguine auf einem Eisberg in der Antarktis (Süd-Sandwichinseln, 2009). (Bild: Sebastião Salgado)

Mit dem neuen brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro und seinen Abholzungsplänen kommen schwere Zeiten auf den Regenwald des Amazonas zu. Acht Jahre hat der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado entlegenste Winkel der Erde bereist, auch das Amazonasgebiet, oft unter abenteuerlichen Umständen.

Die faszinierende Ernte an Schwarz-Weiss-Fotografien ist im Projekt «Genesis» zusammen­gefasst. Salgado rüttelt durch Schönheit auf, will das Bewusstsein für die Kostbarkeit der Schöpfung gerade durch ihre ästhetische Faszination schärfen. «In ‹Genesis› sprach die Natur durch meine Kamera zu mir. Und ich durfte zuhören», sagt der Fotograf, der heute in Paris lebt. Viele «Genesis»-Landschaftsbilder wirken so, als habe der Künstler die biblischen Schöpfungs­tage live festgehalten. Da gibt es ­Momente, wo sich die Elemente Wasser, Wolken, Erde zu scheiden scheinen. Alles geht auf diesen Bildern aus allem hervor, alles gehört als Einheit zusammen.

Fotografische Perfektion auf allen Ebenen

Die Ausstellung im Zürcher Museum für Gestaltung ist, durch die Wandfarben unterstrichen, in fünf Kapitel unterteilt. Salgado nimmt den Betrachter mit von der Antarktis bis zu den Galapagosinseln, von Madagaskar bis nach West-Papua, von Alaska bis zum Amazonas. Die beeindruckende Magie, die von den Bildern ausgeht, ist Ergebnis einer fotografischen Perfektion, die sich aus vielen Elementen zusammensetzt.

Es scheint stets der absolute richtige Moment, in dem Sebastião Salgado auf den Auslöser drückt. Die Blickwinkel auf die Natur sind überraschend, teils spektakulär, und wirken doch nie künstlich. Der Bildaufbau zwischen Kalkül und Überraschung ist stets präzise durchgestaltet. Und nicht zuletzt ist es der traumwandlerische Umgang mit Licht, der diese Bilder fest ins Gedächtnis des Betrachters einbrennt.

Tiere in Symbiose mit der Landschaft

Salgado, 1944 geboren, gehört zu den sozial engagierten Fotografen in der Tradition der sozialdokumentarischen Fotografie. In «Genesis» zeigt er seine Liebe zur Schöpfung und kann diese auch beim Betrachter entfachen. Weddelrobben auf einem Eisberg, Rentiere im ewigen Schnee, riesige Glattwale oder wendige Albatrosse: Salgados Tierfotografie bildet Tiere nicht nur in oft spektakulären Einstellungen ab, sondern zeigt sie in der engen Symbiose mit der Landschaft, in der sie leben.

Ökosysteme gehen kaputt, Tiere sterben aus, wenn genau diese Symbiose aus der Balance gerät. Dass alles zusammenhängt in einem fragilen Gleichgewicht, das kann Salgado als Botschaft auf jedem seiner Bilder vermitteln. «Diese Fotografien zelebrieren die Kostbarkeit des Lebens», hat der «Stern» geschrieben.

Die Menschen, die Salgado in entlegenen Regionen dokumentiert, sind hingegen meist inszeniert fotografiert, oft auch bewusst stilisiert; er zeigt sie aber wiederum in einer Natur, die nicht gestört werden darf, um als Lebensraum zu funktionieren. Auch hier ist es die Symbiose von Mensch und Landschaft, die diese Bilder unvergesslich macht.

Der Regenwald ist in Gefahr

Die vielleicht intimsten Fotografien gelingen Salgado in seiner Heimat Brasilien. Auch hier rüttelt er mit der Schönheit der Natur auf, über die Bewahrung letzter unberührter Lebensräume und ihren unwiederbringlichen Wert nachzudenken. Mit den rein kapitalistisch ausgerichteten Regenwaldplänen des neuen brasilianischen Präsidenten bekommen Salgados Bilder eine noch dringlichere Botschaft.

Der Fotograf selbst hat in seiner Heimat über zwei Millionen Bäume anpflanzen lassen und damit bewiesen, das lokale Klima durchaus beeinflussen zu können. Dass man im Museum auch Wim Wenders’ Film über Salgado («Das Salz der Erde») anschauen kann, ist ein zusätzlicher Reiz, die faszinierende Schau zu besuchen.

Hinweis

Bis 23.6.19; Museum für Gestaltung, Ausstellungsstrasse, Zürich