Klassische Musik
Mit Schwanensee gegen den Kantönligeist

Das Zentralschweizer Jugendsinfonieorchester gab, nach einer Absage des Konzerts im KKL, im Theater Uri ein spezielles Streamkonzert.

Roman Kühne
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Töne wie aus einer anderen Zeit: Das Zentralschweizer Jugendsinfonieorchester im Theater Uri in Altdorf

Töne wie aus einer anderen Zeit: Das Zentralschweizer Jugendsinfonieorchester im Theater Uri in Altdorf

Bild: Thomas Krähenbühl (16.Mai, 2021)

Es sind Töne, wie aus einer anderen Zeit. Herrlich setzt die Oboe die Anfangstakte bei der «Suite aus Schwanensee» von Pjotr Tschaikowsky. Die Harfe begleitet sinnlich und sanft. Es ist der erste Auftritt des Zentralschweizer Jugendorchesters seit letztem Herbst. Ohne Publikum und mit Livestream ist die Lust an der Musik vom ersten Ton an spürbar.

Vor allem der «Schwanensee» wird zu einem bezirzenden Reigen voll musikalischer Intensität. Der Streicherklang ist warm und dicht. Die Holzsolisten, die Trompete oder das Waldhorn setzen immer wieder Glanzlichter. Die 3. Sinfonie von Robert Schumann, die «Rheinische», zeigt unter dem Dirigat von Jonas Bürgin viele Farben.

Spezielles Gefühl auch ohne Publikumshype

Zwar etwas weniger kompakt im Gesamteindruck spielen die Musiker einen überzeugenden dritten Satz, tastend und sorgfältig, oder gehen mit viel Spannung in den «feierlichen» vierten Satz. Manchmal geraten die Forte-Stellen gar etwas hart und leidet im Tutti die Präzision.

Allerdings sind die Bedingungen nicht optimal. Anja Ebenhoch, Oboenstudentin: «Zum Coronaschutz spielen wir Bläser hinter Plexiglas, was die Akustik für die Musiker ziemlich beeinträchtigt. Aber dass wir nach so langer Zeit wieder auftreten können, ist schon ein spezielles Gefühl. Auch wenn ohne das Publikum der Hype fehlt.» Die Konzertmeisterin Sophie Knöchelmann, Luzern, ist ebenfalls erleichtert: «Es ist zwar ein komisches Gefühl, wenn man nicht weiss, wer im Stream zuhört. Aber es ist wunderbar, wie unser Orchester zusammenhält. Es hat riesigen Spass gemacht.»

Im Gegensatz zu Uri und Zug blockte Luzern ab

Dabei ist dieses Konzert nicht selbstverständlich – eine Durchführung des Konzerts im KKL war geplant, wurde da aber nicht bewilligt. Als die 5-Personen Regel kam, versuchte das Orchester, mit grossem Aufwand den Betrieb aufrechtzuerhalten. Im KKL wurden von Musikstudenten Referenzaufnahmen gemacht. Diese dienten den anderen Musikerinnen und Musikern als Übungshilfe. Im April waren dann wieder Projekte mit 15 Personen erlaubt. Zusätzlich gibt die Covid-19-Verordnung die Möglichkeit, Anlässe zu bewilligen, wenn sie von «übergeordnetem öffentlichem Interesse» sind. Markus Güdel, Vorstandsmitglied des ZJSO und Jurist, ist enttäuscht, dass von Luzern eine Absage kam:

«Wir haben uns im Sicherheitskonzept an anderen Kantonen orientiert, wo ähnliche ‹Laienauftritte› bewilligt wurden. Im KKL sind die Platzverhältnisse ja ausserordentlich grosszügig. Leider wurde uns vom Gesundheitsamt trotzdem beschieden, dass im Laienbereich nur 15 Mitwirkende erlaubt sind.»

Wie unterschiedlich das von den Kantonen gehandhabt wird, zeigt ein Beispiel aus Zug, wo letzte Woche die Musicalgruppe «VoiceSteps» eine solche Bewilligung erhielt. Die Amateurgruppe führte das Musical «Saturday Night Fever» als Stream auf, mit über 30 Sängerinnen und Sängern auf der Bühne. Agiert Luzern – wieder einmal – härter als die anderen Zentralschweizer Kantone? Luzern kennt als einziger in der Primarschule die Maskenpflicht oder hat früh die Klassenlager abgesagt. Letzteres musste bekanntlich auf Druck des Parlaments wieder aufgehoben werden. Für die meisten Schulen ist es zu spät, die Lager wieder frisch aufgleisen. Der Kultur droht nun Ähnliches.

«Schlussendlich sind wir froh, dass der Kanton Uri uns zugehört und uns unterstützt hat», führt Markus Güdel aus. «Und wir sind auch Luzern dankbar, dass für die abgesagten Konzerte im KKL wenigstens die Entschädigung gut klappte. Aber auf die Dauer ist dies kein Zustand.» Die ganze Auslagerung hat dem Orchester – verglichen mit einem normalen Konzert – knapp 15000 Franken Mehrkosten beschert.

Neustart des Konzertbetriebs auch in Andermatt

Gleiche Bedingungen gelten in den Kantonen für den professionellen Bereich, wo Konzerte mit 50 Personen erlaubt sind. So startete auch in der eleganten Konzerthalle in Andermatt, wie in Luzern und andernorts, der Konzertbetrieb am Donnerstag mit einem Konzert im Rahmen der international besetzten Reihe «Young Artist» statt. In ihr treten junge Musiker auf dem möglichen Sprung zu einer internationalen Karriere auf, die unter den Coronaregeln besonders gelitten haben.

In der Kombination von Gitarre (Francesco Dominici Buraccini) und Querflöte (Luna Vigni), überzeugte die Bläserin mit warmem Ton und geschmeidiger Artikulation. Die Sonatine für Flöte und Gitarre von Mario Castelnuovo-Tedesco und vor allem eine Zugabe von Astor Piazzolla klingen variantenreich und dicht. Das italienische Quartetto Eos setzt einen frischen Höhepunkt in einem tanzenden Quintett von Luigi Boccherini. Die Freude über den Auftritt war gross. Oder wie es die Flötistin in ihren Schlussworten treffend formulierte:

«Für uns junge Musiker ist es ein sehr spezieller Abend. Endlich haben wir die Möglichkeit, überhaupt für jemanden zu spielen.»

Hier gehts zum Stream des Zentralschweizer Jugendsinfonieorchesters. Das nächste «Young Artist»-Konzert findet am Donnerstag, 3. Juni, in der Konzerthalle Andermatt statt. Es spielen Stipendiaten des Mascarade Opera Studio aus Florenz. Infos und Tickets finden Sie hier.

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