Neues Erzählmedium
Virtual Reality taucht in die Literatur

Weniger Action als im Videospiel, aber mit eigener 360-Grad-Bilder-Poesie: Klaus Merz’ Erzählung «Los» mit Virtual-Reality-Brille.

Hansruedi Kugler
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Die Virtual Reality beginnt klassisch mit einer Sofalesung von Klaus Merz ...

Die Virtual Reality beginnt klassisch mit einer Sofalesung von Klaus Merz ...

Bild: zvg / Aargauer Zeitung

Literaturfreunde werden bei diesem Projekt wohl zuerst einen Phantomschmerz spüren. Ein dichtes Sprachkunstwerk über einen Mann, der spurlos verschwindet, auf ein paar bewegte 360-Grad-Bilder reduziert? Man hört schon Puristen einwenden: Wenn kein Platz für die eigene Fantasie bleibt, geht viel, gar die Essenz von Literatur verloren. Was einem von der dichten, anspielungsreichen Erzählung «Los» von Klaus Merz mit der Virtual-Reality-Brille auf den Kopf gesetzt wird, ist tatsächlich nur «der rote Faden des roten Fadens» seiner Erzählung. So sagt es Klaus Merz selbst, der als Erzähler im Film mitwirkt.

... und taucht mit uns dank 360-Grad-Kamera im Zug auf surreale Weise unter Wasser.

... und taucht mit uns dank 360-Grad-Kamera im Zug auf surreale Weise unter Wasser.

Bild: zvg / Aargauer Zeitung

Von einem einschränkenden, negativen «nur» will er aber gar nicht sprechen. Der 77-jährige Schweizer Schriftsteller hat nämlich offensichtlich grosse Freude an dieser surrealen Rundum-Bilderwelt aus der 360-Grad-Kamera. Er, der das Digitale sonst eher meidet, erzählt fasziniert von den Filmbildern, die sein eigenes «Buchstaben- und Imaginationsgehäuse» ausweiten.

Und ja, die VR-Brille lädt einen beim Selbstversuch sehr geschickt ein ins verzaubert schwermütige Verschwinden dieser Hauptfigur Thaler, der aus einer resignativen Laune heraus Frau und Kinder verlässt und «fahrlässig und fanatisch» in einem Schneesturm umkommt. Mit der VR-Brille auf dem Kopf macht das sogar richtig Spass, ist ein bisschen Jahrmarkt, mit wunderbarer Sprache – 25 Minuten, die man am besten auf einem Drehstuhl sitzend verbringt. Denn wenn man hinter sich plaudernde Gäste einer Sofalesung beobachten kann, im Rundumblick aus einem Zug traumähnlich unter Wasser eintaucht oder fast in einem Gemälde versinkt, ist das wirklich cool.

«Ein solches Pionierprojekt fand ich reizvoll»

Den Thaler selbst sieht man im Film als Figur nie. Man betrachtet alles wie aus seinem Auge heraus: Thalers Wahrnehmung und Imagination, seine Heimatstadt, die Zugpassagiere, die Berge, die Erinnerung an Todesfälle, das Gefühl, seine Frau sei glücklicher ohne ihn. «Es ist kein Krimi, sondern ein Lebensfall, der zum Todesfall wird», sagt Merz. Weil diese Perspektive auch in seiner Erzählung so sei, habe er die Idee einer Verfilmung stimmig gefunden, sagt Klaus Merz, der Sandro Zollinger freie Hand bei der Textauswahl und der Bildsprache gelassen hat.

Klaus Merz: LOS. Eine Erzählung. Mit einem Nachwort von Markus Bundi. Haymon, 88 S.

Klaus Merz: LOS. Eine Erzählung. Mit einem Nachwort von Markus Bundi. Haymon, 88 S.

Bild: zvg

Das ist unüblich für Merz, der sagt: «Ich lasse mir sonst nicht gerne reinreden. Das ist auch beim Lektorat so. Aber schon beim ersten Treffen spürte ich, dass Sandro Zollinger ein Kenner meiner Bücher ist. Und ein solches Pionierprojekt fand ich reizvoll.» Zumal Klaus Merz eine grosse Nähe zur bildenden Kunst hat und seine Bücher jeweils vom Maler Heinz Egger illustrieren lässt.

Glück und Pech liegen bei diesem VR-Film allerdings nahe beieinander. Als Sandro Zollinger als Pionier der VR-Literatur für «Los» die Einladung ans renommierte Sundance-Festival 2020 in den USA bekam, war von Corona noch nicht die Rede. Nach zwei Jahren Zwangspause ist er nun mit «Los» auf Tournee, in vielen Schulklassen, Bibliotheken und Festivals. Demnächst in Luzern, im Literaturhaus Thurgau und an der Buch Basel.

Idealerweise liest man die ganze Erzählung dazu

Manchmal ist auch Klaus Merz mit dabei. Insgesamt seien die bisherigen Reaktionen sehr erfreulich gewesen. «Das Erlebnis mit der ungewohnten VR-Brille ist aber schon überraschend intensiv, sodass einige auch Angstgefühle hatten, vor allem in der Szene, als der Zug ins Wasser eintaucht.» Ein bedrohlicher Thriller ist «Los» aber keineswegs. Und zur Verknappung seiner Erzählung durch den VR-Film räumt er ein: «Idealerweise haben die Zuschauenden die ganze Erzählung gelesen. Und wenn ich jeweils etwas zur Entstehung des Textes erzählt habe, hat das dem Verständnis geholfen.»

Mit der Erzählung «Los» habe er 2005 eine Art Denkmal für einen Freund geschaffen, der vor vielen Jahren spurlos verschwunden sei, erzählt Merz. «Erst zehn Jahre nach seinem Verschwinden habe ich ihm, auch weil es mich sogar in meinen Träumen nicht losgelassen hat, damit sozusagen eine Hommage geschrieben.» Es sei aber natürlich nicht seine Biografie, sondern als Autor habe er sich selbst hineinversetzt: «Die Hand des Töpfers haftet an der Schale – wie das Walter Benjamin mal treffend schrieb.»

Dass mit «Los» nun endlich ein Text von Klaus Merz verfilmt wurde, ist auch eine späte Premiere. Fredi Murer wollte mal «Jakob schläft» verfilmen, Heinz Bütler «Der Argentinier». Beide hätten das Vorhaben aufgegeben mit der Begründung, Merz’ Texte seien einfach «zu sehr sprachlich». Der VR-Film «Los» beweist nun das Gegenteil. Auch wenn man am besten den Erzählband dazu liest, der mehrschichtiger ist und Thaler fassbarer macht.

Termine: www.losvr.ch
Klaus Merz: Los. Erzählung. Mit einem Nachwort von Markus Bundi. Haymon, 88 S.