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«Moby Dick» fiel beim Leser durch

Zu Lebzeiten unverstanden, nahm Hermann Melville die literarische Moderne vorweg. Am 1. August vor 200 Jahren kam er zur Welt.
Heiko Strech
Illustration aus der Novelle «Moby Dick» von Herman Melville. (Bild: Getty)

Illustration aus der Novelle «Moby Dick» von Herman Melville. (Bild: Getty)

Denkt man beim archaisch-modernen Epos «Moby Dick» an Shakespeare und die Bibel, so beim surreal-absurd-tragikomischen «Bartleby» an die Kunst des 20. Jahrhunderts, an Franz Kafka oder Samuel Beckett. Der grosse unglückliche Dichter Hermann Melville – er ist bei uns angekommen. Endlich, möchte man hinzufügen. Denn Melville war weit mehr als der Erfinder des Abenteuerromans, auf den man ihn lange reduzierte.

«mit ihren Blicken gebannt an dem Wal»

Packend erzählen konnte er zweifellos: «Fast alle Mann hingen mit ihren Blicken wie gebannt an dem Wal, der sein vorherbestimmendes Haupt seltsam hin und her schwenkte, als er in einem breiten Halbkreis aus brodelnder Gischt heranstürmte. Und keine Macht der Welt konnte ihn hindern, mit dem massigen Klotz seiner Stirn den Bug steuerbords zu rammen. Drunten hörte man die See durch das Leck ins Schiff strömen, wie ein reissender Wildbach durch eine Bergklamm rauscht.» So versenkt der riesige weisse Pottwal Moby Dick den US-Walfänger Pequod.

Herman Melville um 1870, gemalt von Joseph Eaton. (Bild: Getty)

Herman Melville um 1870, gemalt von Joseph Eaton. (Bild: Getty)

Moby Dick hatte reales Vorbild

Einzig Ismael, der Ich-Erzähler des ozeanischen Romans «Moby Dick oder Der Wal» (1851) von Herman Melville (1819–1891), überlebt. Sein Kapitän Ahab hatte durch alle Meere den Wal gejagt, der ihm einst ein Bein zerschmetterte. Moby Dicks reales Vorbild, Mocha Dick, soll Dutzende Walboote zerstört, drei Schiffe versenkt und dreissig Seeleute auf den Meeresgrund geschickt haben. Ein Walfänger misst etwa 33, ein Fangboot damals 7 Meter. Pottwale werden bis 30 Meter lang. Sie konnten mit ihrem gewaltigen Kopf wie aus Hartgummi tatsächlich Holzschiffe versenken.

Trotz Misserfolg schreibt Zollinspektor Melville weiter

Melville, am 1. August 1819 in New York als Kaufmannssohn geboren, fuhr 1841 bis 1844 zur See. Dann hatte er mit zwei Südseeromanen grossen Erfolg. 1851 erscheint schliesslich «Moby Dick». In die atemberaubende Jagd-Handlung hat Melville eine Fülle von philosophischen Reflexionen und religiösen Motiven eingefügt. Die Sprachdynamik des Roman-Ozeans «Moby Dick» reisst uns mit: Sanfte und schäumende Wellen, Wasserwirbel, untergründige Strömungen, Brecher, Brisen, Böen, Stürme – sogar ein paar Flauten finden sich im Sprachmeer Melvilles.

Der Roman fiel krachend durch

Das Spitzenwerk der Weltliteratur fiel bei Publikum und Presse aber krachend durch. Was sollte der Einstieg mit den seitenlangen Zitaten zur Walkunde? Und die fremdartige Collage: Dialoge, Monologe, Predigten, Dokumente, Idyllen, Satiren, Philosophie – in einem Abenteuerroman? Taugt nichts. Manisch schreibt Melville weiter, jagt dem weissen Wal «Erfolg» hinterher. Fast ohne Echo. Neunzehn Jahre lang verdingt sich das Genie als Zollinspektor. Mit Elizabeth Shaw hat er zwei Töchter und zwei Söhne. Malcolm begeht Suizid, Stanwix stirbt an Tuberkulose. Elizabeth will sich von ihrem depressiven Ehemann scheiden lassen, bleibt dann bei ihm. 1891 stirbt Herman Melville. Früh im Olymp des Ruhms, dreieinhalb Jahrzehnte im Orkus des Vergessens.

Die Warnung vor der menschlichen Hybris

Der dämonische Kapitän Ahab aus «Moby Dick» erinnert an Shakespeares von Hass und Wahn getriebene Macbeth, Lear oder Jago. Die Crew hält der mitreissend «populistische» Kapitän im Griff. Seine blinde Rachsucht führt in aller Tod. Der Weisse Wal – als Symbol wie in allen grossen Dichtungen unendlich deutbar. Jedenfalls steht der Sieg von Moby Dick über Ahab als Warnung da vor der menschlichen Hybris, etwa in Politik und Wirtschaft. Heute haben wir allen Grund, die Populismus-Demagogen dieser Welt zu fürchten. Allerdings besitzen sie nicht die finstere Grösse Ahabs, sondern sind bloss banale Autokraten. Eingebettet in das Aussendrama Ahab/Moby Dick ist die Binnen-Tragödie zwischen dem Kapitän und seinem Ersten Steuermann. Starbuck, Mann des vernünftigen Masses, hält Ahab entgegen: «Rache an einem stummen Tier, das einfach dich aus blindem Trieb getroffen, Wahnsinn!» Doch Ahabs Wahnsinn schlägt Starbucks Sinn. Einmal steht Starbuck mit einer Muskete vor der Kajüte des Kapitäns. Wie böse muss denn das Gute sein, um das Böse zu besiegen? Starbuck wagt den Shakespearschen Tyrannenmord nicht.

«Benito Cereno» – die infame Fake-Story um ein Sklavenschiff

Mit der Erzählung «Benito Cereno» (1856) verlassen wir die «Pequod». Melville versetzt uns auf ein heruntergekommenes spanisches Sklavenschiff vor der Küste Chiles 1799. Capitán Benito Cereno lehnt tatenlos am Grossmast. US-Kapitän Delano auf Besuch staunt: Viele Schwarze laufen frei herum – und nur wenige Weisse. Neben Cereno «stand ein Schwarzer von kleinem Wuchs. Jedes Mal, wenn er mit der stummen Gebärde eines Wachhundes zu seinem Herrn aufblickte, waren in seinem groben Gesicht Kummer und liebevolle Besorgnis zu spüren.» Stockend berichtet Cereno, wie ein Wogenschwall sämtliche Schiffsoffiziere über Bord gefegt habe. Allesamt jäh ertrunken? Der gutgläubige Delano gerät ins Schwanken, aber er vermag die trügerischen Zeichen ringsum nicht zu lesen. Was er sieht: «Wie sie da vor ihm standen, Herr und Diener, der Schwarze die Stütze des Weissen, drängte sich ihm mit Macht auf, welch schönes Verhältnis sich da offenbarte: ein Schauspiel der Treue hie, des Vertrauens dort.»

Raffiniert erzähltes Schein und Sein

Alles falsch. Fake-Regisseur Babo hat hier ein Rührstück zwischen Schwarz und Weiss inszeniert. Dabei ist er der Chef eines Sklavenaufstandes an Bord. Hintergründig bezeichnet Melville ihn schon beim ersten Auftritt als «Wachhund». Der bewacht ja entweder jemanden gegen andere – oder eben diesen selbst. Babo benutzt seinen Capitán sogar als Mitspieler in seinem Fake-Theater. Er lässt Cereno sich nach Mannschaftstärke und Bewaffnung auf Delanos «Bachelor’s Delight» erkundigen, so dass Delano Verdacht schöpft – gegenüber Cereno! Doch natürlich plant Babo heimlich das Entern des US-Schiffes. Fast zu spät erkennt Kapitän Delano die Differenz zwischen Schein und Sein. Hier ist die erzählerische Raffinesse Melvilles kaum zu überbieten. Immer wollen wir Kapitän Delano zurufen: Merkst du nicht endlich was? Wenig später lassen wir uns wie er wieder täuschen durch Zeichen, die wir falsch deuten (sollen). Heute leben wir im Fake-Zeitalter.

«Bartleby» – ein Schreiber mag nicht mehr

Jetzt verlassen wir den Ozean für einen Landgang nach Manhattan, in die Kanzlei eines Notars an der Wall Street, des Ich-Erzählers von «Bartleby, der Lohnschreiber» (1856). Er «erledigt ein ungeheures Pensum an Schreibarbeit, schweigend, bleich und mechanisch». Doch bald weist er höflich eine neue Aufgabe zurück: «Ich möchte lieber nicht – I would prefer not to.» Dieser Satz – unvergessliches Leitmotiv einer verstörenden Geschichte. Einmal bittet der Notar seinen scheuen, höflichen und ungeheuer einsamen Schreiber, doch ein bisschen vernünftig zu sein. Bartleby: «Im Augenblick möchte ich lieber nicht ein bisschen vernünftig sein.» Schliesslich flieht der Notar sogar vor diesem Rätselmenschen in eine neue Kanzlei. Doch der Besitzer der alten lässt Bartleby – der dort jetzt «tags auf der Geländersäule sitzt und nachts in der Eingangshalle schläft» – ins Gefängnis abführen. Bald verweigert Bartleby die Nahrung, stirbt am Fuss der Gefängnismauer, an die er sich immer angelehnt hatte. Bartlebys Fenster in der Kanzlei ging auf eine Brandmauer hinaus, vor der er stets wie träumend stand.

Gegen das System hilft nur passiver Widerstand

«Bartleby» trägt den Untertitel «Eine Geschichte von der Wall Street». Schon damals ein schnell drehendes Kapitalismus-Karussell. Das bedeutete extreme Arbeitsteilung, Dauer-Monotonie. Das nach Selbstsein verlangende Ich muss vor der Mauer der Bürotür stehen bleiben. Bartleby jedoch möchte kein Schreibautomat mehr sein. Übermächtigen Systemen gegenüber bleibt nur passiver Widerstand. Auch heute. Über Gesellschaftskritik hinaus zielt Melville auf des Menschen Geworfensein, existenzialistisch gesprochen. Am Schluss steht der Ausruf: «Ach Bartleby! Ach, Menschsein!»

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