MODERNE: Academy-Ensemble «scharrt» grosses Publikum um sich

Das Academy-Ensemble lockte am Montag mit Scharr-Geräuschen und hebräischen Liebesversen ins KKL. Das Publikum kam in Scharen.

Simon Bordier
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Selfie nach dem «Scharrkonzert»: der Komponist Helmut Lachenmann mit Academy-Studenten. (Bild: Lucerne Festival/Priska Ketterer)

Selfie nach dem «Scharrkonzert»: der Komponist Helmut Lachenmann mit Academy-Studenten. (Bild: Lucerne Festival/Priska Ketterer)

Welche Vorkenntnisse muss man in ein Konzert mit zeitgenössischer Musik mitbringen? «Gar keine, man kann einfach zuhören», meinte am Montag der 43-jährige Komponist Matthias Pintscher, als er während des «40min»-Gratiskonzerts im Luzerner Saal des KKL zu seinen Werken befragt wurde.

Randständige Engelsmusik

Pintschers Stück «Uriel» für Violoncello und Klavier und sein «Twilight’s Song» für Sopran und sieben Instrumente nach einem Gedicht von E. E. Cummings blieben nichtsdestotrotz eine Herausforderung für die Publikums­ohren. Denn der diesjährige Composer in Residence will zeigen, «wie ein neuer Klangkosmos entstehen kann, wenn etwa der Bogen des Cellos nur um eine Nuance verschoben wird». Er erwarte dabei kein besonderes Vorwissen, sondern möchte vielmehr, «dass das Publikum sieht, wie der Klang entsteht.»

Im Konzert konnte man dem Cellisten Jeremiah Campbell zuschauen, wie er als Erzengel Uriel, dessen Stellung in der katholischen Kirche umstritten ist, seinen eigenen Kosmos schuf: An den Saiten abgleitend, kratzend, vibrierend stiess er in unbekannte, dunkle Klangräume vor, wobei seine Engelnatur immer wieder in Spitzentönen aufglomm. Etwas entfernt begleitete und kommentierte Conor Hanick am Klavier die klanglichen Vorstösse des randständigen Engels – nämlich innerhalb der alten (gottgegebenen?) Ordnung des zwölftönigen Oktavraums.

Wer noch tiefer in Pintschers Klangkosmos eintauchen wollte, besuchte am späteren Abend das Hauptkonzert des Lucerne Festival Academy Ensembles, das der Komponist persönlich leitete. Und das Publikum kam wie schon beim «40min»-Konzert in Scharen; der bis zu 600 Plätze fassende Saal war fast voll.

«Hören als Beobachten»

Neben Pintschers 2009 geschriebenen «Songs From Solomon’s Garden» standen Luciano Berios «Tempi concertati» (1958/59) und Helmut Lachenmanns «Concertini» auf dem Programm, letztere wurden bereits 2005 am Lucerne Festival uraufgeführt.

Auch Lachenmann (78) forderte das Publikum auf, sich unvoreingenommen auf sein rund 45-minütiges «Scharrkonzert» einzulassen: «Ich verstehe das Hören als Beobachten: Nicht nur der Klänge und ihrer physikalischen Entstehung, sondern auch dessen, was in einem selbst passiert.»

Den äusserst agil und präzis spielenden und scharrenden Musikern der Academy gelang eine aufwühlende Interpretation des Werks: Zusehens verselbstständigten sich die Scharr-, Ächz- und Heulgeräusche unter ihren Händen, flogen, huschten und sprangen über den Köpfen des Publikums von einem Ende des Saals zum anderen – und lösten in den Köpfen sowohl wilde Assoziationen als auch subtile Empfindungen aus.

Auch Hebräischkenntnisse wurden vom Publikum keine verlangt. Und dies, obwohl Pintscher in seinen «songs» Verse aus dem alttestamentlichen «Hohelied» vertont hat. Denn der glänzende New Yorker Bariton Leigh Melrose zeigte wiederum ganz unmittelbar die klangliche Dimension der hebräischen Liebesverse, die im Zusammenspiel mit dem Academy-Ensemble einen atemberaubenden Kosmos bildete.