Mörderische Hitze und totale Gefühlskälte

Arno Renggli
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Existenziell Dieser Roman aus dem Jahr 1942 ist von einer einmaligen Dichte. Auf lakonische Art erreicht «Der Fremde» von Albert Camus eine unheimliche psychologische Tiefenschärfe. Nur schon der Anfang: «Heute ist Mutter gestorben. Oder vielleicht gestern, ich weiss es nicht.» Die Isolation der Hauptfigur, ihre Unfähigkeit, Zugang zur eigenen Gefühlswelt zu finden, wird sofort klar. Es ist Meursault, der im Knast auf seine Hinrichtung wartet. Er hat an einem algerischen Strand einen Araber erschossen. Die sengende Sonne hat ihn noch dumpfer als sonst gemacht. Und ihn im entscheidenden Moment mit dem Licht geblendet, das sich auf dem Messer des Kontrahenten reflektierte. Eine Art Notwehr also? Doch Meursault hat dann vier weitere Schüsse auf die Leiche abgegeben. Die Unzurechnungsfähigkeit durch die Hitze war nur ein Symptom für seine Gefühlskälte, für die totale Absenz von Empathie, die Meursault schon vor der Tat gezeigt hat. Kommt er am Ende und angesichts des Todes zu einer Art Einsicht? Man muss Leute be­neiden, die das Buch zum ersten Mal lesen, weil es einen derart in Bann zieht. Aber die Lektüre lohnt sich immer wieder.

 

Arno Renggli

Albert Camus: Der Fremde. rororo