MONSTER: Zombies sind lebendiger denn je

Einst verbreiteten Zombies realen Schrecken. Heute füllen sie Kinosäle und sind Gamehelden. Und sie beschäftigen auch Mathematiker.

Michael Graber
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«Gfürchig»: zwei Zombies aus der TV-Serie «The Walking Dead». (Bild: Matthew Welch/Courtesy of AMC)

«Gfürchig»: zwei Zombies aus der TV-Serie «The Walking Dead». (Bild: Matthew Welch/Courtesy of AMC)

Normalerweise gehören Menschenfresser nicht zu den beliebtesten Figuren. Der Zombie dagegen erfreut sich steter, wenn nicht gar wachsender Beliebtheit. Kaum ein Monat vergeht, in dem nicht ein neuer Zombie-Film in die Kinos kommt, und auch in der Gamebranche zielt man in grosser Regelmässigkeit auf die Untoten.

Mittlerweile sind Zombies aber längst nicht nur immer schlurfende Schrecken, sondern nehmen auch andere Rollen ein. Etwa gar in einer romantischen Komödie, wie «Warm Bodies» dieses Frühjahr gerade herrlich bewies. Ebenfalls fest verankert ist der Zombie in der restlichen Populärkultur. Comics (siehe Box), Serien (unter anderem das grossartige «Walking Dead») und natürlich auch in der Musik (etwa Michael Jacksons legendäres Video zu «Thriller»).

Neues Bild

Der einzige Schrecken, den die Zombies heute noch verbreiten, dient der Unterhaltung. Dem war längst nicht immer so. Im Mittelalter war die Angst vor zurückkehrenden Toten noch ganz real. Es wurden Totenwachen eingerichtet, die plötzlich aufstehende Tote erschlagen sollten, was tatsächlich auch vorkam. Dahinter steckte aber keine Magie, sondern der Tod konnte einfach noch nicht mit grosser Sicherheit festgestellt werden. Und so starben ganz real Leute wegen einer irrationalen Angst.

Auch sonst ist vom Zombie-Bild des Mittelalters nur wenig übrig geblieben. Während der Zombie des Mittelalters meist via Magie oder Fluch von den Toten zurückkehrte, also tatsächlich aus dem Grab stieg, sind die Zombies heute meist Produkt eines Virus oder einer Krankheit. Ähnlich wie bei einem Vampirbiss werden die Opfer durch Kontakt, meist einen Biss, infiziert und verwandeln sich so zu mordenden Monstern. Auch seinen fast gemächlichen Gang hat der Zombie der Neuzeit aufgegeben und ist oft im Spurt unterwegs. Was die Bedrohung nur noch grösser macht. So auch in «World War Z», der im nächsten Monat Premiere feiert. Darin inszeniert Regisseur Marc Forster mit Brad Pitt in der Hauptrolle eine regelrechte Zombie-Apokalypse. Orte, Städte, ja gar Kontinente werden von einer aggressiven Meute regelrecht überrannt. Der Untergang der Welt, so scheint es zumindest im Trailer des Blockbusters, ist nicht mehr abzuwenden.

Fiktives Problem – reale Studie

Was nach Fiktion klingt, wurde aber auch schon ganz real als Problem angenommen. Zumindest als mathematisches. Mehrere Studenten haben berechnet, wie lange es dauern würde, bis die Zombies in einer realen Schlacht gegen die Menschheit obsiegen würden. Das Ergebnis ist so unterhaltsam wie ernüchternd: Städte von der Grösse Luzerns wären in wenigen Stunden komplett überrannt. Und auch in Grossstädten mit 500 000 Einwohnern würde es gerade einmal drei Tage dauern, bis die Zombies in der Mehrheit wären. Die Autoren der Studie kommen zum Schluss, dass nur «hartes, rasches Zuschlagen» gegen die Untoten helfen würde. Alles Abwarten würde tödlich enden.

In ihren Annahmen gingen sie übrigens nicht vom «modernen» Zombie aus, sondern von jenem langsam schlurfenden und tumben Monster. Und bevor jemand an der Wissenschaft im Allgemeinen zweifelt, sei zur Verteidigung der Forscher angemerkt, dass ein ganz reales Problem dahintersteckt. Publiziert wurde die Studie in einem Magazin für ansteckende Krankheiten. Als Modell für tatsächlich existierende Bedrohungen kann die abgeleitete Formel durchaus dienen – auch wenn sie natürlich den Extremfall beschreibt.

Viel Platz für Interpretation

Die Forscher sehen mehr in den Zombies als nur Untote. Und sie sind damit nicht allein. Die hohe Popularität der Monster geht auch darauf zurück, dass man so viel in sie hineininterpretieren kann. Oft werden sie von Konsumkritikern als «hirnlose Masse» gedeutet, die nur dem neusten Trend hinterherhechelt und sich dabei ausschliesslich von ihren niederen Instinkten treiben lässt – ohne Rücksicht auf Verluste. Auch schon mussten sie als Auswuchs von Drogenmissbrauch herhalten. Genau dieser grosse Interpretationsspielraum hält die Zombies noch lange am Leben.

Im Comic wurden schon alle Superhelden zu Zombies

COMICS hau. Zombie-Comics haben sich in der Geschichte über die Jahrzehnte als Subgenre der Gattung «Horror» gehalten. Immer wieder gab und gibt es neue Varianten zum menschenfeindlichen Treiben umgepolter Schlurf-Gestalten.

Schon vor dem Filmklassiker

Vor 60 Jahren fing alles an: Den Zombie-Comic-Auftakt machte 1953, eineinhalb Jahrzehnte vor dem Filmklassiker «Night Of The Living Dead» (1968) von George A. Romero (sozusagen das Erweckungserlebnis für den modernen Zombiefilm), die Einzel-Story «Zombie» mit der Figur von
Simon William Gart.

Seine Erfinder waren der Zeichner Bill Everett und der Texter Stan Lee, die beide als Schöpfer einer ganzen Reihe von Superhelden Comic-Geschichte schreiben werden (unter anderem: «Spider-Man», «Daredevil», «The Fantastic Four»).

Protagonist Garth erhielt 1973 die eigene Heftserie «Tales of the Zombies». Sie lief bis 1975 und wurde zwei Jahrzehnte später wieder zum Leben erweckt, als man ihr Comeback in «aufgefrischter», modernisierter Form lancierte.

Schön ironisch operiert der US-Comic-Grossverlag Marvel ab 2005 mit «Marvel Zombies». In diesen Comic-Geschichten mutieren die bestbekannten verlagseigenen Superhelden aus dem sogenannten Marvel-Universum zu Untoten. Nach einer Infektion durch eine schlimmes Virus werden die Guten zu Bösen. Alle sind sie vor den unfeinen Veränderungen nicht gefeit: Die Fantastischen Vier, Iron Man, Spider-Man, Hulk, Wolverine – alle sind durch das Virus zu bösartigen Zombies geworden.
Die Comic-Geschichte vermerkt auch für die jüngste Zombie-Zeit diverse Titel mit teilweise absonderlichen Storys, worin unter anderem Zombies gegen Roboter kämpfen.

Holmes legt sich mit Zombies an

Die einschlägigen Serientitel sprechen für sich: «The Walking Dead», «Jesus Hates Zombies», «Zombie Highway», «Zombie World», «Living With Zombies», «The Zombies That Ate The World».
Der Weg einer heutigen Zombie-Serie kann auch weit zurückgehen und auf ein klassisches literarisches Genre (Krimi) verweisen: In «Victorian Undead» (seit 2009) kämpft «Sherlock Holmes vs. Zombies» (Untertitel).

Die Faszination des Zombie-Grauens scheint sich bis heute gut gehalten zu haben. Auch in den Comics sind die Untoten äusserst lebendig geblieben.