Münchner Tatort: Viel liebt sich’s leichter

Julia Stephan über den neuen Münchner-Tatort.

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Kulturredaktorin Julia Stephan (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Kulturredaktorin Julia Stephan (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Meine Kollegin hatte mich gewarnt: «Pass auf, diesmal spielst du mit!» Und tatsächlich. Im neuen Münchner «Tatort» taucht eine Psychotherapeutin namens Dr. Julia Stephan auf. Mein promovierter Alter Ego unterhält zu vier Männern polyamouröse Beziehungen.

Dr. Stephan ist nur eine von fünf Frauen, die sich schmeissfliegengleich an den Hals von Architekt Thomas Jacobi geworfen haben – allerdings nicht im Schwarmverhalten, sondern jede auf eigener Liebesmission. Bis auf Dr. Stephan weiss vorerst niemand von Jacobis amouröser Mehrgleisigkeit. Erst der Mord an einer Geliebten macht das Leben des Architekten zur Grossbaustelle.

Schauspieler Martin Feifel, im deutschen Fernsehen auf die Rolle des Liebhabers abonniert, spielt den seelenlosen, solariengebräunten Kleiderständer, der seine optische Attraktivität mit einem bemitleidenswerten ­Hundeblick kreuzt. Frauen mit Helfersyndrom erliegen ihm reihenweise. Die Kommissare Ivo Batic und Franz Leitmayr staunen nicht schlecht. Batic treibt es zwar auch mit einer verheirateten Frau. Die macht die Rolle, die er in ihrem Leben zu spielen hat, jedoch schnell klar: «Du bist mein Pilates-Kurs.»

Die Folge setzt auf die Faszination des Systems Kachelmann. Unklar bleibt, um was es den «Tatort»-Machern genau ging: Will man dem eher monogam lebenden «Tatort»-Publikum mehr Toleranz für offene Beziehungsmodelle einimpfen?

Dass der Plot nicht wie eine schlechte Arztserie daherkommt, rettet die Selbstironie. Doch spätestens bei der Auf­deckung des wenig plausiblen Mordmotivs macht man geistig Schluss.

Julia Stephan