MUMMENSCHANZ: Als tobe ein Kind seinen Spieltrieb aus

Das Schweizer Masken- und Objekttheater ohne Worte verwandelt das KKL Luzern mit seinem Bühnenprogramm «you & me» in einen Ort der Stille.

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Die Schweizer Gruppe Mummenschanz steht seit 1972 auf der Bühne. (Archivbild Urs Hanhart (Altdorf, 16. Dezember 2015))

Die Schweizer Gruppe Mummenschanz steht seit 1972 auf der Bühne. (Archivbild Urs Hanhart (Altdorf, 16. Dezember 2015))

Ist dieses Theater für Menschen auf der Suche nach ihrer verlorenen Kindheit? Oder muss man die kindliche Seite in sich bewahrt haben, um an diesem verspielten Objekt- und Maskentheater freudvoll Anteil zu nehmen? Etwas muss dran sein an dieser stummen Verwandlungskunst, die einem beim Zuschauen so vorkommt, als tobe ein Kind vor einem Bausatzkasten seinen Spieltrieb aus, indem es dieselben Materialien immer wieder und ohne Rücksicht auf die Bauanleitung neu zusammensetzt.

Die Schweizer Gruppe Mummenschanz zelebriert diese Kunst seit 1972. Im ausverkauften KKL Luzern zeigt man dieser Tage das neue Programm «you & me». Es ist das erste seit der Verjüngung des Ensembles. Die künstlerische Leiterin Floriana Frassetto ist das letzte noch verbliebene Gründungsmitglied der Gruppe.

Ein selbstbezogenes Universum

Wer mehrere Programme besucht hat, erkennt dieses selbstbezogene Universum aus Schläuchen, Knetgesichtern und mannsgrossen Händen, die sich akrobatisch, stumm und wandelbar in ihren kurzen Bühnenauftritten präsentieren, sofort wieder.

Der Überraschungseffekt kann es also nicht unbedingt sein, der die Menschen zum Lachen bringt. Lange, bevor zwei Schwäne ihre Hälse zu einer Herzform verbinden, weiss man, was nun daraus folgen wird.

Vielmehr scheint es gerade die Erwartbarkeit zu sein, die beim Publikum dieses Wohlgefühl auslöst. In den Kopf hängen lassenden und gierig Tücher wie Essen verschlingenden Röhren erkennen wir unsere niedersten Triebe. Doch anders als im wirklichen Leben, richten die bei Mummenschanz höchstens einen sanft abgefederten Ärger an. Eine Geige mag der anderen ihre Meinung geigen – das eingreifende Metronom lässt sie wieder taktvoller miteinander umgehen. Als Zuschauer ist man felsensicher: Diese mannsgrosse Mummenschanz-Hand wird einem nie den Mittelfinger zeigen. Es bleibt beim Handschlag, der bei zwei mannsgrossen Händen wie eine Umarmung aussieht.

Das mittelhochdeutsche Wort «schanz» steht auch für Wagnis. Angesichts des Generationenwechsels hätte man der Gruppe mehr Mumm gewünscht. Andererseits: Wozu etwas ändern, wenn es die Menschen bezaubert?

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch