MUNDART-POP: Gipfeltreffen der Walliserinnen

Sängerin Sina singt Duette mit Stefanie Heinzmann, Erika Stucky, Kuno, Büne, Polo und anderen. Es ist auch etwas wie eine Rückschau auf ihre Karriere.

Stefan Künzli
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Auch er hätte ein Duettpartner von Sina (Bild) sein können. Aber menschliche Prominenz erhielt den Vorzug. (Bild: PD)

Auch er hätte ein Duettpartner von Sina (Bild) sein können. Aber menschliche Prominenz erhielt den Vorzug. (Bild: PD)

Vor dreissig Jahren feierte die damals 17-jährige Sängerin Sina mit dem 1. Platz beim Oberwalliser Schlagerfestival ihren ersten Erfolg. Zehn Jahre später startete sie ihre Karriere als Mundart-Sängerin. Es folgten neun Alben, die alle mindestens mit Gold ausgezeichnet wurden. Keine andere Schweizer Pop-Musikerin ist so lange so erfolgreich.

Jetzt schaut die First Lady des Schweizer Mundart-Pop zurück und begegnet auf ihrem zehnten Album «Duette» alten Kollegen, Freundinnen und Freunden aus der Schweizer Musikszene. «Es ist eine Art akustisches Tagebuch meiner bisherigen Karriere», sagt sie der «Nordwestschweiz». 13 Songs, 13 Stationen, 13 Duette oder Gesangspartner und 13 Geschichten. Sieben sind neu, vergriffen oder wurden noch nie veröffentlicht.

Heinzmann singt Walliserdialekt

Zu einer doppelten Weltpremiere kommt es auf «Ich zwingu di nit» mit Stefanie Heinzmann: Es ist das erste Duett der beiden Walliser Sängerinnen und der erste Song auf CD, den die jüngere im Walliserdialekt singt. Die wunderschöne Ballade hat Bonnie Raitt unter dem Titel «I Can’t Make You Love Me» zum Welthit gemacht. Der Schweizer Sängerkollege Trummer hat den Song übersetzt.

Das Walliser Duett wird durch das erste Gipfeltreffen der berühmtesten und besten Walliser Sängerinnen noch getoppt. Die Jazzsängerin Erika Stucky, mit der Sina seit Jahren zusammenarbeitet, komplettiert auf «Schlaf siäss» das Walliser Dreamteam. A cappella interpretiert das Trio den berührenden, hinreissend traurigen Song «Didn’t ­Leave Nobody But The Baby» im Stil eines amerikanischen Worksongs. Nicht nur für Sina ist der Song das absolute Highlight des Albums. «Der Song lässt sich ideal auf die Walliser Welt übertragen», sagt sie, «solche Geschichten und Schicksale, geprägt vom harten Leben unserer Vorfahren, gehören zu unserer Geschichte. Für die amerikanischen Schwarzen sind es die Baumwollfelder, für uns Walliser die Rebberge», sagt Sina.

Jazz mit Kuno und «Michi»

Ein alter Weggefährte ist Kuno Lauener. «Wir waren schon gemeinsam auf Tour und haben auch ein Duett gesungen, das aber leider nie aufgenommen wurde», sagt Sina. «Aui si scho lang verschwunde» ist also eine Premiere. Dabei ist der Züri-West-Song vom Album «Elvis» (1990) mit Bläsern des Swiss Jazz Orchestra charmant neu interpretiert worden und hat einen neuen, lustigen Charakter erhalten. Am Schluss des Songs hört man Kuno lachen. «Spass stand im Vordergrund», sagt Sina.

Mit dem Swiss Jazz Orchestra wurde auch «Chumm lee wär’s doch s sii» mit Michael von der Heide aufgenommen. Es ist die Mundart-Version von George Gershwins «Let’s Call the Whole Thing off» von 1937, im Duett mit Ella Fitzgerald und Louis Armstrong bekannt geworden. Sina schwärmt von «Michi» und seinen Entertainer-Fähigkeiten. «Obwohl der Song unsere sprachlichen Gegensätze thematisiert, haben wir vieles gemeinsam, wir Bergler haben uns in Zürich bei derselben Gesangslehrerin, bei Christine Jaccard, kennen gelernt.»

Marc und Sina im Doppelpack

Ein Duett mit Marc Sway stand schon länger auf Sinas Wunschliste. «Vor ein paar Jahren hatten wir schon mal einige Demos aufgenommen», sagt Sina, «es hat sich aber nichts daraus ergeben.» Jetzt gibts Marc und Sina im Doppelpack: Sina war Gast in Sways «Soul Circus», Marc mit «Wa du bisch» auf «Duette».

Neu aufgenommen wurde «Schnee» von 2005 mit Adrian Stern. Der Badener war damals in der Band von Sina und hat im Original Gitarre gespielt und die zweite Stimme gesungen. «Adi hat die Band mit seinen Ideen enorm bereichert und geprägt», sagt Sina. Für «Duette» wurde jetzt der Text abgeändert und erhält damit einen neuen Reiz.

Eine besondere Stellung hat für Sina Mundart-Pionier Polo Hofer. Mit ihm hat sie eine Reihe «Duette» gesungen. Das schönste, «Wenn es nötig wär» von 2000, eine zeitlos schöne Mundart-Interpretation von Townes van Zandts «If I Needed You», ist auf «Duette» zu finden.

Polos Starthilfe

Wichtig ist Polo für Sina aber vor allem, weil er ihr damals, in den frühen 1990er-Jahren, wichtige Starthilfe gegeben hat. Er übersetzte ihr nicht nur ihren ersten Hit «Där Sohn vom Pfarrär» («The Son of A Preacher Man»), er lieh ihr auch gleich seine Schmetterband aus. Bei den Aufnahmen lernte Sina ihren Produzenten und späteren Mann, den Aargauer Saxofonisten Markus Kühne, kennen. «Doch das ist eine andere Geschichte», sagt dazu Sina.

«Wenn ich auf meine Karriere zurückblicke, staune ich über die Fülle an Erlebtem», sagt Sina. Dazu gehören auch Flops wie der Versuch, in Deutschland Fuss zu fassen. «Wir haben viel investiert, geblieben sind Frust und ein Kulturschock», sagt sie.

Die Erkenntnis: Mundartsongs auf Hochdeutsch funktionieren nicht. Sonst überwiegen erfreuliche und abenteuerliche Erlebnisse. Dazu gehört ein Abstecher nach Bulgarien für eine Aufnahme mit dem weltbekannten Frauenchor Mistère Voix Bulgaires. Der Song «Puppiliächt» wurde vom Komponistenteam Alex Kirschner/Roli Mosimann technoid untermalt und ist auf dem vergriffenen Album «Atlas – a Global Journey» erschienen. Das Wiederhören auf «Duette» macht bewusst, wie schnell sich die Klangmoden verändern. Was damals als hip galt, klingt heute hoffnungslos veraltet.

«Lasse auch Unperfektes zu»

«Duette» ist für Sina denn auch ein Stück Nostalgie und eine Reise durch die Zeit. Deutlich wird dabei auch, was sich verändert hat. Sina hat sich thematisch geöffnet, und ihre Stimme klingt heute anders als in den Anfängen. «Virtuosität ist mir heute nicht mehr so wichtig. Früher wollte ich durch stimmliche Artistik beeindrucken, heute ist der Ausdruck entscheidend. Musik soll durch Sinnlichkeit berühren. Wenn das stimmt, lasse ich auch Unperfektes zu.»

Aber auch die Geografie hat Sina verändert. «Mein Dialekt war früher viel eckiger und bergiger. Die lange Zeit in der Diaspora, ausserhalb meiner Heimat, hat ihre Spuren hinterlassen, die ‹Üsserschwiz› hat mich geprägt.»

Hörproben aller Songs der neuen CD von Sina unter: www.luzernerzeitung.ch/bonus