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MUNDART-POP: Polo Hofer ist ein Stück Schweizer Identität

Der am Wochenende verstorbene Polo Hofer gehört spätestens seit den frühen Siebzigern zu den Grossen der Schweizer Kultur. Dabei scheute er nie den Spagat zwischen Kunst und Kommerz. Und wurde deshalb auch angefeindet. Seine Bedeutung aber ist unbestritten.
Polo Hofer, wie man ihn kannte und liebte, bei einem seiner zahllosen Auftritte, hier 2015 am Gurten-Festival. (Bild: Keystone)

Polo Hofer, wie man ihn kannte und liebte, bei einem seiner zahllosen Auftritte, hier 2015 am Gurten-Festival. (Bild: Keystone)

«De Prototyp bin i, wer denn suscht?», sagte Polo Hofer im August 2009 im Interview mit unserer Zeitung, «ich bin das erste betriebsfähige Modell des Schweizer Mundart-Rock.»
Genau genommen müsste er die Pionierrolle im Mundart-Rock mit anderen teilen. Vor allem mit Toni Vescoli, der mit «Dä Wilhelm Täll» schon 1971 einen Mundart-Popsong schrieb. Aber Polo war mit seinen Rumpelstilz der Erste, der Mundart in einen rockigen Sound verpackte. «Warehuus-Blues» war 1973 der erste Mundart-Rocksong. Doch die historische Bedeutung von «Warehuus-Blues» ist ungleich grösser als der damalige Erfolg. Es war die Proto-Phase. Der Urknall des Mundart-Rock erfolgte erst 1975 mit dem ersten Stilz-Album «Vogelfueter» und Liedern wie «Muschle» und «El Trabajador». Es bedeutete den Durchbruch für Rumpelstilz und den Mundart-Rock.

Dialekt mit dem Geist von Woodstock verbunden

Mundartlieder hatte es natürlich schon vorher gegeben. Die Geschwister Schmid in den 40er-Jahren, die Boss Buebe in den 50er-Jahren, die Berner Troubadouren ab Mitte der 60er-Jahre, die Minstrels 1969 mit «Grüezi wohl, Frau Stirnima» und natürlich das Trio Eugster in den frühen 70er-Jahren. Aber niemand verband den Schweizer Dialekt mit Rock ’n’ Roll und dem Geist von Woodstock. Die Idee, Mundart zu singen, kam nachweislich von Polo Hofer. Er hatte sie im Knast in Witzwil, wo er 1969 wegen Diebstahls (er hatte ein altes Schlagzeug entwendet) fünf Wochen eingesperrt war und Zeit hatte, über sich und das Leben nachzudenken.
Polo wurde durch amerikanische Musik sozialisiert: Louis Armstrong, Ray Charles und Elvis Presley waren seine musikalischen Jugendhelden. Dann kam Bob Dylan. Polo war fasziniert von seinem sozialkritischen Umgang mit Texten. Der rebellische Berner Oberländer wurde vom Geist von Woodstock infiziert und verspürte den Drang, sich mitzuteilen. Polo Hofer erkannte, dass die Sprache der amerikaorientierten Musik ein eigenständiges Profil geben kann. Und Polo hatte eine Botschaft: Im «Warehuus-Blues» kritisierte er die Konsumgesellschaft, und im Politsong «El Trabajador» reagierte er auf die Überfremdungsinitiative von James Schwarzenbach.

«Polo übernahm alles, was strategisch wichtig war»

Die Rumpelstilz (1971 gegründet) mit den begnadeten Musikern Schifer Schafer (Gitarre) und Hanery Amman (Klavier) waren zuerst eine basisdemokratisch funktionierende Hippie-Band, musikalisch beeinflusst vom experimentellen Kraut-Rock und den Jazz-Crusaders, einer damals wichtigen Jazz-Rock- oder Fusion-Jazzband. An den Konzerten wurde oft ohne Plan einfach drauflosgespielt. Drogen spielten eine wichtige Rolle. Mundart ergab sich erst später. Polo Hofer brachte aber neben der Mundart auch Struktur in die Band. Und mit seinen Texten vermittelte er ein Lebensgefühl der Zeit, gab der Band ein Image. «Polo war der Regisseur, der musikalisch nicht immer zu überzeugen vermochte, dafür als Dramaturg», sagte Schifer Schafer in Sam Mumenthalers Buch «Polo» (2005). «Polo übernahm alles, was strategisch wichtig war, die Musikauswahl, das Business. Er war unser Steuermann», sagte Bassist Sam Jungen.
Mit «Füüf Narre im Charre» und den Hits «Teddybär», «D Rosmarie und eg» und «Kiosk» kam 1976 der ganz grosse Erfolg bei einem breiten Publikum. Die Rollenverteilung innerhalb der Band wurde immer deutlicher. Hanery Amman entwickelte sich zum Hauptkomponisten, der den Texter Polo mit brillanten Songideen versorgte. Polo wurde zum Denker und Lenker der Band, den anderen blieb die Rolle der ausführenden Interpreten. Die Hippie-Band, die einen Lebensstil repräsentierte, näherte sich dem Mainstream an und verwandelte sich in Polos Hitfabrik mit kommerziellen Ambitionen.

Der Hit «Kiosk» verdeutlicht den Wandel der Band am besten. Polo übernimmt darin erstmals einen bürgerlichen Blickwinkel und mokiert sich über den «wilde Hippie mit gflickte Hosebei». Ein Verrat an den eigenen Idealen. Die Band begann sich gegen den Ausverkauf zu wehren, Polo beklagte die «unprofessionelle Einstellung». Doch der immense Erfolg gab Polo Recht. «Wer Geld machen will, muss auch den Kommerz akzeptieren», sagte Polo, der die Mechanismen des Showgeschäfts besser verstand als alle anderen. Polo war nicht nur der Chefideologe der Band, sondern auch der PR-Manager und Geschäftsführer.

An diesem Gegensatz zerbrach die Band. Doch für die Entwicklung der Schweizer Pop- und Rockgeschichte war die Geschichte von Rumpelstilz von weitreichender, ja entscheidender Bedeutung. Denn Rock wurde in der Schweiz bis zu diesem Zeitpunkt eher hobbymässig betrieben. Polo bewies, dass man in der Schweiz von Rockmusik, sogar von Mundart-Rock, leben kann, wenn man es professionell aufgleist. Rumpelstilz waren «das erste betriebsfähige Modell des Schweizer Mundart-Rock».

Ein Hassobjekt der 80er-Bewegung

Polo hatte die Nase voll vom sozialistischen Kollektiv Rumpelstilz. Bei Polo’s Schmetterding (1978–1983), der Band mit Musikern von Span, war er von Anfang an der Boss und sagte, wo es langging. Polo wollte eine einfache, direkte Musik für ein breites Publikum machen. Eine Musik, mit der man Geld verdienen konnte. «Lotti Lotti», «Oh Romana» und «Wenn mys letschte Stündli schlat» waren die wichtigsten Lieder dieser erfolgreichen Rock-’n’-Roll-Phase in seiner Karriere. Sein Geschäftssinn machte ihn aber auch zum Hassobjekt der 80er-Bewegung, die ihn Kapitalistenschwein nannte. Das traf Polo, denn er sah sich immer als Linker.
Die Schmetterband (1984–2003) war nicht nur die langlebigste, sondern auch die erfolgreichste Band von Polo Hofer. Songs wie «Alperose» (von Hanery Amman), «Giggerig» oder «Stets i truure» fallen in jene Zeit und haben heute fast schon Volksliedcharakter erlangt. Die Chemie und die Hierarchie stimmten. Keyboarder und Hauptkomponist Hape Brüggemann musste aber eingestehen, dass «die grossen musikalischen Schritte» nicht in diese Zeit fielen. Die wirklich spannende Phase in der Karriere von Polo Hofer war vorbei und er schon eine lebende Legende. «Wir konnten nur noch den Betonsockel daruntergiessen und ihn popularitäts- und geschäftsmässig weiterschieben», sagte er.

Ambivalentes Verhältnis zur Schweiz

Bei Pop und Rock geht es nicht nur um Musik. Der Kontext ist mindestens so wichtig. Das hat Polo Hofer wie kein anderer in der Schweiz erkannt und an seinem Image geformt. Der Weg vom rebellischen Hippie-Freak bis zu Polo National war lang. Dabei hat er die Zeit gespürt und in seinen Liedern verarbeitet. Er spürte aber auch, was bei den Leuten ankommt, war ein Volkssänger im besten Sinn des Wortes. Dieser Spürsinn ist wohl das Geheimnis seines Erfolges. Mit diesem Gespür ist er zum nationalen Symbol geworden. Dabei war sein Verhältnis zur Schweiz stets ambivalent. «Politisch und gesellschaftlich läuft nicht alles so, wie ich mir das vorstelle», sagte er vor fünf Jahren und scheute sich nicht, immer wieder anzuecken. Hofer sah sich selbst als Chronist der Zeit, als Geschichtenerzähler und eine Art Hofnarr, der sich mehr erlauben konnte als andere.

Polo Hofer war kein überragender Musiker oder Sänger. An seiner Seite brauchte er Musiker wie Hanery Amman, Marianna Polistena oder Hape Brüggemann als Komponisten. «Musikalisch bin ich eigentlich eine Pfeife», gab er auch unumwunden zu. «Aber ich weiss dafür, woher die Musik kommt», sagte er. Polo hat die Musik aufgesogen, vor allem die Musik aus dem Süden der USA hat es ihm angetan. Blues, Gospel, Soul, Cajun, Zydeco, Southern Rock und die texanischen Singer-Songwriter.

«Polo ist der grösste Musikfan, den ich je in meinem Leben kennen gelernt habe», sagte Musikerkollege Dänu Siegrist. Er kannte die Platten, die Geschichten. Und er war ein Meister der Adaption. Er nahm sich einen Song und machte aus dem Original sein Original, sein eigenes Ding, seine eigene Sprache. Es wurde zu Polo. «Besser genial stehlen als schlecht komponieren», wurde zu seinem Standardspruch. Und so parierte er jeden Vorwurf des Songklauens. Die Schweiz verdankt ihm viel. Mit seinen Songs gehört er zu unserem Kulturgut und zu unserem kollektiven Bewusstsein.

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