MUSICAL: «Nimms dir! Schlag über die Stränge!»

Das Luzerner Theater zeigt die «Rocky Horror Show» als Musical. Regisseurin Isabel Osthues erklärt, welche Möglichkeiten die Bühne für dieses Kultstück bietet.

Interview Urs Mattenberger
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Inszeniert die «Rocky Horror Show» am Luzerner Theater: Regisseurin Isabel Osthues. (Bild Nadia Schärli)

Inszeniert die «Rocky Horror Show» am Luzerner Theater: Regisseurin Isabel Osthues. (Bild Nadia Schärli)

Die skurril-trashige Science-Fiction-Travestie «Rocky Horror Show» des Briten Richard O’Brien, 1973 als Musical uraufgeführt, erlangte insbesondere in der Kinofassung (1975 unter dem Titel «Rocky Horror Picture Show») Kultstatus. Am Luzerner Theater kommt es jetzt unter der Regie von Isabel Osthues zu einer Neuauflage des Stücks.

Isabel Osthues, mit der «Rocky Horror Show» zeigen Sie auf der Bühne ein Stück, das in der Filmfassung weltberühmt und Kult wurde. Stehen Sie da nicht auf verlorenem Posten?

Isabel Osthues: Nein, darin sehe ich überhaupt kein Problem. Im Gegenteil: Natürlich kann man keine «Rocky Horror Show» machen, ohne die «Rocky Horror Picture Show» mitzudenken. Dass der Film einst derart Kult geworden ist, gibt einer Aufführung jetzt auf der Bühne zusätzlichen Reiz. Zum einen beziehen wir Elemente dieses Kultes in den Aufführungen mit ein, bei denen die Besucher selber mitmachen können – wie in Kinos, in denen sich Zuschauer als Travestit verkleiden. Anderseits ist auch der Kult ja inzwischen selber bereits Geschichte. Abgesehen davon folgt die Darstellung auf der Bühne ohnehin ganz anderen Gesetzen als der Film.

Inwiefern?

Osthues: Der Film arbeitet mit Schnitten, die immer auch ein Stück der Geschichte auslassen. Das Theater dagegen kennt keine vergleichbaren Schnitte, sondern bietet mehr eine Totale. Man sieht also die Figuren fortlaufend auf der Bühne und kann dadurch auch der Handlung besser folgen.

Wie stark orientieren Sie sich dabei an den Figuren oder der Ausstattung des Films?

Osthues: Wir lehnen uns schon ein Stück weit an diesen an – wie gesagt gehört das mit zum Reiz. Aber wir kopieren natürlich nichts. Wenn Samuel Zumbühl bei uns den Frank’n‘Furter verköpert, ist das allein schon dadurch eine ganz andere Figur als jene von Tim Curry im Film. Wir kopieren auch nicht die Räume, in denen die «Rock Horror Picture Show» spielt. Unser Raum ist eine Art Vanitas-Stilleben, das auf die grundlegende Aussage des Stücks verweist.

Welches ist diese Aussage?

Osthues: Es ist eine Art Memento Mori, die Feststellung, dass das Leben endlich und alles vergänglich ist. Aber natürlich nicht in einem religiösen Sinn. Darin liegt im Gegenteil die Aufforderung: Nimms dir! Schlag über die Stränge, so lange dir das Leben dazu noch die Gelegenheit gibt!

Der Autor des Stücks, Richard O’Brien, setzte dafür auf «Unterhaltung und viel Sex», auch auf sexuelle Entgrenzung, für die Travestien der Gäste vom «Planet transsexual» stehen. Muss man heute die Dosis erhöhen, wenn man ähnlich schockieren will?

Osthues: Nein, damit kann man heute, wo die Medien voll von solchen Bildern sind, ohnehin nicht mehr schockieren. Aber es geht auch überhaupt nicht darum, im Theater eine Art Porno zu zeigen. Der Sex im Stück soll auch gar nicht schockieren, sondern steht für Befreiung. Jeder soll den Spielraum nutzen, der ihm zur Verfügung steht, und Spass haben. Der Sex steht insofern dafür, dass sogar ein Spiesserpaar wie Janet und Brad über seine Grenzen springen kann. Was zählt, ist nicht der Schock, sondern die Befreiung.

Der Film suggeriert diese mit skurril-überdrehten Bildern. Lassen solch rauschhafte Momente eine Vanitas-Bühne überhaupt zu?

Osthues: Klar, das bringt die Inszenierung mit der Figurenregie, den Kostümen und der Choreografie mit ein. Der Choroegraf Marcel Leeman etwa entwickelt mit Tänzerinnen und Tänzern der Musical Factory Luzern den Tanz ganz aus körperlichen Bewegungen heraus: Auch da wird, weit weg von ballettartigen Tanznummern, eine befreiende Kraft spürbar.

Eine wichtige Rolle spielen die Musik und die Songs. Wie nahe kommt die Produktion mit singenden Schauspielern an das Original heran, wie man es vom Film kennt?

Osthues: Die Besetzung mit Schauspielern, die singen können, ist entscheidend. Der schauspielerische Hintergrund gibt den Figuren mehr Charakter und ermöglicht auch musikalisch offenere, weniger gelackte Formen. Im Stil und in der Besetzung aber sind die Songs ganz nah am Original. Möglich macht es in dieser Koproduktion mit der Musikhochschule eine Band unter der Leitung von Daniel Perrin. Sie spielt in der originalen Besetzung, als wären wir mitten drin im Film.

Hinweis

Isabel Osthues (46) studierte Germanistik, Philosophie und Phonetik an der Universität Hamburg. Seit 1997 arbeitet sie als freie Regisseurin. Sie inszeniert zum dritten Mal am Luzerner Theater.

Premiere Musical «The Rocky Horror Show»: Samstag, 1. Februar, 19.30 Uhr, Luzerner Theater. www.luzernertheater.ch